Auf Schatzsuche im Neuen Rathaus
Von einer verschwundenen Treppe für das gemeine Volk und einer samtenen Schlafzimmer-Verkleidung aus dem früheren Drager Schloss
Wilster

Das Neue Rathaus von Wilster ist die reinste Schatztruhe: Jeder neue Rundgang offenbart weitere spannende Details aus der Geschichte eines der wertvollsten Gebäude an der Westküste – vor allem, wenn man mit einer Handvoll Experten unterwegs ist. Bei einem Besuch von Kulturministerin Anke Spoorendonk (SSW) in dieser Woche war alles vertreten, was vor allem in den vergangenen zwei Jahren für eine Wiederherstellung des repräsentativen Bauwerks Fachwissen, handwerkliches Können, aber auch so manche Anekdote beigetragen hat.

Dank so viel geballter Kompetenz erfuhr man am Rande auch ein nettes Detail, das für künftige Besucher wohl auf ewig unsichtbar bleiben wird. „Unter dem Fußboden ist eine Treppe versteckt", verriet die auf historische Bausubstanz spezialisierte Wewelsflether Architektin Christine Scheer. Entdeckt wurde der Aufgang nur deshalb, weil für Sanierungsarbeiten an tragenden Balkenköpfen der Holzfußboden kurzzeitig hoch genommen wurde. Das Geheimnis: Als es für Wilsteraner Bürgermeister noch Residenzpflicht im Doos'schen Palais gab, sollte das gemeine Volk nicht durch den Haupteingang zum Stadtoberhaupt vorgelassen werden. Eine Treppe in einem Nebenraum des Grünen Salons – beide inzwischen prachtvoll restauriert – führte ins Erdgeschoss und dort direkt zu einer Seitentür. Die ist inzwischen verschwunden. Auch der Bürgermeister muss in dem Gebäude nicht mehr sein Domizil aufschlagen. Und das Fußvolk kann ohnehin längst den Haupteingang benutzen. Aber selbst der, so Christine Scheer weiter, sehe zwar noch original aus, ist es aber nicht. In den vergangenen gut hundert Jahren war der Portalbereich dreimal umgestaltet worden.

Eigentlich erstrahlt die volle Pracht des stattlichen Anwesens jetzt nur wegen eines Wasserschadens, zeigte Berthold Köster vom Landesamt für Denkmalpflege die mitunter verschlungenen Wege beim Erhalt alter Bausubstanz auf. Neben Scheer und Köster gehörten noch Kreisdenkmalpflegerin Beate von Malottky, Matthias Carstens von der Hochbauabteilung beim Amt Wilstermarsch, der Lübecker Restaurator Jarek Kulicki sowie Verwaltungschef Heiko Wiese und Bürgermeister Walter Schulz zum Empfangskomitee für die Ministerin.

Köster erinnerte zum Auftakt daran, wie eindringendes Wasser für einen Versicherungsfall gesorgt hatte. Bei der Schadensanalyse war man auf Schwammbefall und verfaulte Balkenköpfe gestoßen. Nur eine grundlegende Sanierung konnte das Haus noch retten. Inzwischen sorgt ein sogenannter Ringanker dafür, dass das Neue Rathaus auch in 100 Jahren noch steht. Gleichzeitig war man bei der Ausgestaltung der Räumlichkeiten, die noch bis vor elf Jahren die Stadtverwaltung beherbergt hatte, auf immer neue Schätze gestoßen – aber auch auf zahlreiche Bausünden.

Restaurator Jarek Kulicki schilderte, wie er auf die alukaschierte und mit Kunststoffkleber befestigte Tapete gestoßen war. „Nicht von der Wand lösbar." Er löste das Problem mit filigraner Handarbeit und einer Chemikalie, die die Alufolie auflöste. „Das war im Preis eigentlich nicht mit drin", meinte er zum deutlichen Mehraufwand. Der hat sich aber gelohnt. Zum Vorschein kamen wertvolle Wandmalereien. Der Maler von damals musste auch ein Künstler gewesen sein.

Christine Scheer und Berthold Köster waren sich einig: Man könnte die Sanierungsarbeiten noch zehn Jahre fortsetzen und würde jedes Jahr auf neue Schätze stoßen. Entsprechend hellhörig wurden sie auch, als Bürgermeister Schulz von einer Inventarliste berichtete. Dort sei alles aufgeführt, was einst in dem Haus gestanden habe. Die Sachen waren einst von der wohl schon immer finanziell notleidenden Stadt verkauft worden. Auch die jeweiligen Namen und die Anschriften der Käufer waren akribisch festgehalten worden.

 

Einiges ist allerdings auch unwiderbringlich verschwunden. So waren die Wände des früheren Schlafzimmers der Familie Doos mit Samt aus dem Bestand des im 18. Jahrhundert abgerissenen Drager Schlosses verkleidet. Immerhin: Der einst aus dem Sitz des dänischen Statthalters übernommene Spiegelsaal ist noch unverändert vorhanden. Auch zwei überdimensionale Schränke aus dem Schloss stehen noch immer im ersten Stock. Jahrzehntelang hatte sich an die mehr als vier Meter hohen Möbel wohl keiner herangetraut. Selbst die Maler strichen um die Schränke herum.
Weil auch dort der Fußboden hoch genommen werden musste, hatte man die Schränke dann doch vorübergehend abbauen müssen. „War dann eigentlich ganz einfach", stellte Walter Schulz als gelernter Tischler mit Hochachtung vor der alten Handwerkskunst fest. Die ist übrigens in der Region noch immer zu Hause, wie Christine Scheer anerkennend erwähnte. Sämtliche Arbeiten seien von Betrieben aus der Region durchgeführt worden, bei denen es noch Mitarbeiter gebe, die sich auf die besonderen Herausforderungen der Denkmalpflege verstehen. Worauf es in diesem Bereich entscheidend ankommt, verriet dann noch Restaurator Kulicki: „Man muss einfach wissen, worauf man achten muss." Bemerkenswerterweise hat ein Relikt aus einer Zeit mit besonderen innenarchitektonischen Bausünden überlebt. Neben einer Tür zu einem Raum im Obergeschoss hängt an der Wand noch das offizielle Namensschild aus der damals dort untergebrachten Bauverwaltung. Aber auch das gehört ja inzwischen zur Geschichte des Hauses. So wie der Umstand, dass das schmucke Gebäude heute gern für Vermählungen genutzt wird. Wegen des hohen Besuchs musste an dem Tag eine Hochzeitsgesellschaft auf den Sekt im Spiegelsaal zwar verzichten, dafür durften die Jungvermählten den Haupteingang benutzen, während die Ministerin durch die Hintertür kam. „Ein schöner Ort, wo man heiraten kann", stellte sie fest.
Volker Mehmel

Landesregierung besucht Steinburg

Auszug aus dem Bericht vom 25.01.2017

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