Das Super-Juwel von Wilster
Weitere Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten im Neuen Rathaus sind angelaufen / Denkmalschützer von Qualität des Hauses begeistert
Wilster

 

An dieser Besuchergruppe hätte die einstige Hausherrin ihre Freude gehabt: Gütig lächelt Charlotte Doos von einem Portraitgemälde im frisch restaurierten Gartensaal auf Christine Scheer und Günter Klatt herab. Die auf historische Bausubstanz spezialisierte Architektin aus Wewelsfleth ist begeistert, dass bei den jetzt begonnenen weiteren Sanierungsarbeiten des Prachtbaus in der Rathausstraße kein echter Hausschwamm aufgetaucht sei. Und der für die Westküste zuständige Kurator der Deutschen Stiftung Denkmalschutz kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus: „Das ist ein Super-Juwel", urteilt er über ein im Norden in Ausstattung und Zustand höchst seltenes herrschaftliches Wohngebäude. Die von seiner Stiftung gewährten 40 000 Euro sieht er gut angelegt. Insgesamt werden 175 000 Euro in weitere Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten des von der Familie Doos als Wohnhaus gebauten und seit fast 200 Jahren von der Stadt zunächst als Verwaltung und heute für repräsentative Zwecke genutzten Hauses gesteckt.

Gemeinsam mit Bürgermeister Walter Schulz und Matthias Carstens vom Bauamt begleiteten Scheer und Klatt den Startschuss der Arbeiten. Mitarbeiter der Beidenflether Firma Ossenbrüggen hatten bereits vorsichtig einige der mit den Jahren marode gewordenen Balkenköpfe im ersten Geschoss freigelegt. Bis auf die Enden erwies sich das Holz noch als gesund. Es soll nun neu ins Mauerwerk eingepasst werden.

Überhaupt profitiert die Stadt bei ihrem wertvollen Erbe noch heute davon, dass die Familie Doos bei der Errichtung ihres Domizils offenbar an nichts gespart hat. Zum Einsatz kamen nur hochwertige Materialien und das nach allen Regeln der Handwerkskunst. Ganz im Gegensatz wohl zu den Bauherren von Schloss Drage. Deren Bau war schon nach 40 Jahren baufällig und wurde abgerissen. Wertvolle Teile des Interieurs kamen aus dem Schloss nach Wilster, wo sie bis heute viele Innenräume des Neuen Rathauses zieren.

Denkmalschützer Klatt sagte nach dem Rundgang: „Ich bin gleich doppelt überwältigt: Zum einen über das, was die Leute damals gebaut haben und zum anderen über das, was hier heute geleistet wird." Ein Gebäude von ähnlicher Qualität habe er bislang nur im Eifelstädtchen Monschau gesehen. Dass die Stiftung sich an der Sanierung in Wilster mit einem stattlichen Zuschuss beteiligen kann, hat die Stadt dem Spieltrieb vieler Menschen zu verdanken. Das Geld kommt aus dem Topf der Glücksspirale.

Und Günter Klatt schwärmt weiter: „Hier ist alles bis auf das kleinste Detail aufeinander abgestimmt." Tatsächlich, so der Hinweis von Christine Scheer, seien sogar abgelegene Räume noch höchst bemerkenswert ausgestattet. So gebe es sogar in der Wäschekammer auf dem Dachboden verzierte Balken. Und die Kellerwohnung der Bediensteten seien mit wertvollen holländischen Kacheln bestückt. Wie gründlich die Familie Doos plante und baute, werde auch in anderen ungewöhnlichen Details deutlich. So seien die Balkenköpfe fein säuberlich in ölgetränkte Tücher eingelegt worden. Und als Mörtel habe man nicht den in der Marsch üblichen Muschelkalk, sondern eine Mischung aus Gips und Kalk benutzt. Auch seien die Fugen auffallend klein. „Die wussten genau, dass Ziegel länger als Mörtel halten."

Genutzt wird das neue Rathaus heute nur noch von der Stadtbücherei im Erdgeschoss, für Sitzungen der Ratsversammlung und für repräsentative Zwecke. Einst war hier die komplette Stadtverwaltung untergebracht – und der Bürgermeister musste hier eine Dienstwohnung beziehen. „Bei den Heizkosten würde ich nicht hier wohnen wollen", sagt Walter Schulz.

Am morgigen Tag des Denkmals können Besucher das Doos'sche Palais besichtigen. Der Rathaus-Förderverein bietet zwischen 10 und 16 Uhr regelmäßig Führungen an. In jedem Fall bleibt das Gebäude der Stadt auf Dauer erhalten. Charlotte Doos verfügte in ihrem Testament, dass es niemals veräußert werden dürfe.
Volker Mehmel

175.000 Euro für Rathaus-Sanierung
Staatssekretär Eberhard Schmidt-Elsaeßer überreichte Bürgermeister Walter Schulz gestern die Förderbescheide des Kultusministeriums
Wilster
Förderbescheide über insgesamt 175.000 Euro hatte Staatssekretär Eberhard Schmidt-Elsaeßer gestern aus dem Kieler Kultusministerium mit nach Wilster gebracht, um sie an Bürgermeister Walter Schulz zu übergeben. Gemeinsam mit Landeskonservator Michael Paarmann und Gebietsreferent Berthold Köster aus dem Landesamt für Denkmalspflege informierte sich der Staatssekretär über den Stand der Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten im Neuen Rathaus, dem früheren Doosschen Palais. Die Zuschüsse kommen vom Landesamt für Denkmalspflege, von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und aus dem Bundesministerium für Kultur und Medien.

Bei der Übergabe der Förderbescheide lobte der Kieler Staatssekretär das Engagement der Stadt Wilster für ihre Baudenkmäler sowie die gute Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalspflege. Sein Dank galt neben dem Bürgermeister vor allem dem Leiter des Hochbauamtes in der Amtsverwaltung, Matthias Carstens, sowie der Architektin Christine Scheer, die bislang für alle Sanierungsarbeiten in den Baudenkmälern der Stadt verantwortlich tätig war und ist. „Sie können wahrlich stolz sein auf das, was hier in den letzten Jahren geschaffen wurde", bestätigte er nach einem Rundgang durch das Neue Rathaus.

Landeskonservator Michael Paarmann hatte gleich vier Wandplaketten für die Baudenkmäler mitgebracht, die vom Landesamt auch finanziell gefördert wurden. Mit dem Hinweis „Baudenkmal" über dem Landeswappen sollen damit das Alte und das Neue Rathaus, der „Trichter" als früheres Michaelsensches Gartenhaus sowie der Saalbau Colosseum kenntlich gemacht werden. „Sie sind die erste Stadt der Region, die diese neuen Wappenschilder erhält", sagte Paarmann.

Bürgermeister Walter Schulz freute sich, dass Wilster bei der Unterhaltung seiner Kulturdenkmäler in großem Maße von Bund und Land unterstützt werde. Die Stadt setze bei der Pflege der historischen Bauten auf Nachhaltigkeit, denn sie seien die Plattform der Vergangenheit für die Zukunft. Man sei sich bewusst, dass die Haushaltslage der Marschenstadt die eigenständige Unterhaltung der Baudenkmäler nicht hergebe. Umso mehr sei Wilster auf öffentliche Fördermittel angewiesen.

Nahezu abgeschlossen sind die Restaurierungsarbeiten im ehemaligen Gartensaal im ersten Obergeschoss des Rathauses. Dort konnte der Restaurator Jarek Kulicki nicht nur die bisher unter Tapeten versteckten Wandmalereien freilegen und restaurieren, sondern auch die Spiegel und die schadhaften Stuckverzierungen wieder herstellen. Unter anderem zeigt eine Stuckarbeit – möglicherweise geprägt vom frühen Tod der drei Kinder der Etatsrätin – einen Todesgenius mit einem auslaufenden Becher, einer Sanduhr als Sinnbild für das vergängliche Leben, einem Totenschädel, einem Vogel für den Tag und einer Eule für die Nacht. Alles dargestellt über einem Spiegel auf der ebenfalls freigelegten Marmorwand und daneben ein Gemälde der Etatsrätin Doos.

In den nächsten Wochen soll das rechte Nebenzimmer des Gartensaales restauriert werden, in dem bereits freigelegte Wandteile ebenfalls Malereien zu erkennen gegeben haben. Sobald die weitere Finanzierung es zulässt, soll es mit dem linken Nebenraum, dem früheren Dienstzimmer des Bürgermeisters, weitergehen. Unmittelbar bevor steht die Sanierung des roten Salons, dem früheren Standesamt im Rathaus, sowie des jetzt als Garderobe genutzten Nebenraumes links vor dem Spiegelsaal. Aus dem roten Salon wird in diesen Tagen das komplette städtische Archiv ausgeräumt. Es soll in den Pavillon der alten Schule am Stadtpark ausgelagert werden, so Walter Schulz.

Schwerpunkt der schon am Montag anlaufenden Arbeiten ist die Freilegung der Balkenköpfe im Mauerwerk der linken und rechten Außenwände des Rathauses. Möglicherweise sind die 225 Jahre alten Balkenköpfe durch Feuchtigkeit so weit verrottet, dass sie abgeschnitten und durch Stahllaschen neu in das Mauerwerk eingeführt werden müssen. Sollten die Schäden an den Balken weiter ins Innere des Hauses gehen, müssten nicht nur in den zu sanierenden Räumen, sondern möglicherweise auch im Spiegelsaal Teile des Fußbodens ausgehoben werden. Das wäre der schlimmste Fall, meinte Matthias Carstens. „Die Aufträge sind bereits vergeben", fügte Carstens hinzu. Die Zimmererarbeiten werden von der Firma Ossenbrüggen aus Beidenfleth und die Maurerarbeiten von der Baufirma Werner Dieck aus Kollmar ausgeführt.

Michael Paarmann wies darauf hin, dass die Fördermittel dieses Jahres auch noch in diesem Jahr verbaut werden müssen. „Restarbeiten sind noch in den ersten Monaten 2016 möglich", so der Landeskonservator. „Zum Frühjahr soll alles fertig sein."

Jochen Schwarck

 

Die Jahrmarktsbühne des Fördervereins Historische Rathäuser steht und wurde auch gleich eingeweiht: Am späten Nachmittag absolvierten gestern die SteppKids des MTV Wilster ihre Generalprobe für den großen Auftritt heute um 17.30 Uhr. Elf Minis (Foto) und elf Maxis unter Leitung von Lena Kuhlmann und Anne Wolfsteller wollen ihr Publikum unterhalten. Anschließend spielt die Schulband der Gemeinschaftsschule. Offizielle Jahrmarktseröffnung ist um 16 Uhr vor dem Neuen Rathaus.
vm

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