Willkommen auf der Website des Förderverein Historische Rathäuser in Wilster e.V.

In seinem vierbändigem Werk "Denckmahl von den hohen Wasser Fluthen - 1717-1725" hat der Schulrektor und Chronist Gregorius Culemann die Folgen der verheerenden Weihnachtsflut vor genau 300 Jahren ausführlich beschrieben. Der Wilsteraner Hans-Peter-Micheel hat die Bücher gesichtet und Auszüge aus authentischen Besschreibungen zusammengestellt - wortgetreu in der Spache der damaligen Zeit (Anmerkung: Eine Übersetzung der historischen Begriffe finden Sie am Ende dieses Artikels).

Die einzelnen Folgen wurden ab 22. Dezember 2017 in der Wilsterschen Zeitung veröffentlicht.

Folge 1:
Die Erste Fluth geschah im Jahre 1717 den 25. Dezember und also bey und mit dem Ausgange des angezogenen Jahres. Der angezeigte 25. Dezember war der Heilige Christ-Tag, oder erste Weynachts-Tag, und kann dieselbige gar wohl und mit Recht genennet werden die Weynachts-Fluth; wie man denn von der Bastell-Abends und Allerheiligen-Fluthallhie zu sagen weiß, weil jene, im Jahre 1625 auf Fastnachten, diese im Jahr 1532 am Allerheiligen Tage ergangen, welche alle beyde (anderer Marschländer nicht zu gedenken) diese Wilster-Marsch fast zu einem wüsten Lande und Unebenen Gefilde gemachet haben. Von der Allerheiligen Fluth ist allhie noch vielen bekandt, der von einem einfälltigen Hausvater in Niedersächsischer, oder plattteutscher Sprache damals gemachter Reim: De Allerhilligen hohe Floth Bringet den Ollendörpern grot Goth.

Merkwürdig ist, dass die bey der vorhergehenden angezeigte Weynachtsfluth auf eine sonderbare, gar unvermutete Art und Weise vorher ist angezeigt worden, fast (obwohl nicht mit so deutlicher Vorstellung und Überzeugung gegen andere) wie die erschreckliche Nordstrandische Überschwemmung, welche im Jahr 1634 zu nacht zwischen den 11. und 12. October am 19. Sonntage nach Trinitatis geschehen und Herr Petrus Clio, aus Flensburg gebürtig, Pastor in dem Kirchspiel Lith auf dem Nordstrande, ein Mann über sechzig Jahren, seinen Pfarrkindern kurz zuvor öffentlich soll verkündigt haben. Was von dieser sogenannten Weihnachts- oder Christfluth in dem Butjadinge Lande, in der Grafschaft Delmenhorst belegen, im Blerer Kirchspiel, von einem Hausmann, dann auch in Ostfriesland zu Dorum, von einem sobenannten Heuersmann mit Namen Heinrich Peters vorher prognosticieret worden, gehe vorbei, weil es in der umständlichen Nachricht von derselben kann nachgelesen werden, und bleibe allein, was davon in unserer Wilstermarsch sich begeben.

Es verhält sich aber mit der angegebenen Anzeige der erwehnten Weynachtsfluthallhie kürzlich also: Ein christlicher Hausvater auf dem Lande gehet nach desselben eigener und beständiger Aussage am 23. Dezember, war der Tag vor den Christabend, um 10 oder 11 Uhr des Abends, da seine Frau, Kinder und Gesinde sich schon zur Ruh begeben hatten, wie er gewohnt, nach seinen Kühen und Pferden in den Kuh- und Pferdestall, um zu sehen, ob solche alle noch im guten Stande, machet abermal auch nach seiner Gewohnheit die Stalltür nach den Osten gegen der Stadt Wilster offen um zu erfahren, ob hier oder da eine Feuers-Brunst, deren von den unterschiedenen Jahren her leider viel gewesen, möchte entstanden sein, wird aber gewahr, dass die Marsch voll Wasser ist, welches ganz hinauf an seine Wurth- oder Hoffstette. Er meynet, dass solches ihm doch nur so vor die Augen komme, und in der Tat also nicht wäre, machet die Thür zu und gehet wieder nach seinen Pferden und Kühen, er kann aber dafür nicht zurechte kommen, oder darin sich nicht finden, desswegen gehet er, ohngefehr nach einer halben Stunde abermal zu der Thür, machet sie auf und siehet das Wasser noch so hoch stehen wie zuvor und zwar über alles hohe Land, so wie es am ersten Christ- oder Weynachtstage mit schnellen, starken, grausamen und entsetzlichen Fluthen hervorbrach und in solche große Höhe anschwoll.
Wenn wir nach diesem Bericht bleiben bey unserem lieben Hollstein, insonderheit unserer Wilstermarsch, und gehen mit unseren Gedanken nur in wenige vorhergehende und zurückgelegte Jahre, so werden wir nicht minder ungezweifelte Zeichen und gewisse Vorboten deren beyden letzten hohen Wasserfluthen antreffen.

Folge 2:
Weihnachtsflut 1717: salßiges Meerwasser in Mannes-Höhe
Es ist aber die droben bey der Zahl angezeigte hohe Wasserflut, so am ersten Christ-oder Weynachts-Tage eingebrochen, an allen Orten nicht zugleich gekommen, sondern, nachdem einige Örter, denen Einbrüchen der Teiche nahe oder auch davon entfernt gewesen, so haben sie dieselbigen ehe oder auch später gesehen und erfahren. In Ecklak und Seedörp, so beyde zu unserer Wilstrischen Gemeinde gehöret und eine starke Meile von der Stadt Wilster liegen, kam sie an dem genannten ersten Christ-Tage des Morgens um 10.00 Uhr. Denn der Elbeteich in Dithmarschen, nahe bei Brunsbüttel durchbrochen, ging die Fluth durch das Eddelacker Kirchspiel und zerriß den Dunden-Teich, drang ein in den Kuden- See, welcher 800 Ruthen lang, und 250 Ruthen breit ist und dadurch so hoch anschwoll, dass das wilde und salßige Meerwasser Mannes-Höhe, wie groß dicke Tonnen gleichsam gewelzelt, durch Seedörp nahe an dem Kuden-See gelegen, über das Ecklaker-Moor (welches weit höher liegt als die übrigen Theile der Marsch, woraus die große und unbeschreibliche Höhe dieser Fluth zu ermessen ist) mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit, gar gewaltigen Brausen und entsetzlichen Geräusche in Ecklak, Ackenböl und daher in die anderen Theile der Marsch von der neuen Seite stürzte, dass die Einwohner dafür sich entsetzten, fürchten, zittern und beben mußten, bevor ab da das salzige Seewasser 4,5,6 bis 7 Fuß hoch in die Häuser kam und an einigen Orten, an welchen die Marsch am niedrigsten ist, 12 bis 16 Fuß hoch auf dem Land stund.

Und weil dabey der Wind aus dem Nord-Westen starck und heftig wehete, wurden die Mauern, Wände und Fenster aus den Häusern ausgerissen und hinweg gespület, dass in theils Häusern nur die Stender und einigen Pfosten überbleiben und bis oben an die Dächer als recht erbärmliches Spectacul ganz offen waren. Da wurden deroselben Einwohner genötigt, zu denen, die auf hohen Wurth-Stetten wohnen und deren Häuser noch unbeschädigt waren, ihrer Zuflucht zu nehmen, wie viel einige gar Kümmerlich nach einigen Tagen erst sind gerettet worden, weil es am Fahr- zeuge gebrach, und soviel Kähne als nöthig waren, nicht sofort angeschafft werden könnten. Darum mußten viele 2, 3, 4, 5, 6 und mehr Tage und Nächte bei großem Brotmangel mit ihren kleinen Kindern sich ganz elendiglich behelffen, bis sie endlich fast ganz erstarret und halb erstorben mit Kähnen sind abgeholet und gerettet worden; viel Vieh musste erbärmlich umkommen und in diesem so großen und wütenden Wasser ersauffen, weil die Flut so gar schnell hereinbrach, und deßhalb nicht gerettet noch beim Leben erhalten werden. Zudem verdarb viel Futter und Heu und Stroh, wie auch ungedroschenen Korn in den Häusern Scheunen und Hümpeln, im gleichen wurden viele Brücken, Stege, Wassermühlen, große und lange Bauhölzer hinweggetrieben, und das eine hie, das andere dorthin, wie es nemlich von dem starken Winde und wütenden Meereswellen hin- und her weg gerissen worden.

Dieser so hohen und gewaltigen Fluth, so wie gesaget aus Dithmarschen durch Eddellack, Dunden-Teich, Kuden- See, über das hohe Ecklaker- Mohr in Seedörp und Ecklak am ersten Christtage des Morgens um 10 Uhr angekommen, bot die Hand und kam demselben entgegen und zu Hülffe die an eben demselben Tage nicht minder starke Fluth aus St. Margerethen, allwo der Elbdeich auch durchgebrochen und das sogenannte Tütermohr von Grund aus mit denen daraufstehenden 5 Häusern hinwegnahm und die darinn wohnende Menschen fast alle ersäuffete.

Diese hohe Fluth vom gedachten Tüter-Mohr nahe bei St-Margarethen, am Elbe- strom gelegen, kam des Morgens um 9.00 Uhr mit den ungestümen Meeres-Wellen auch in unsere Gemeinde und zwar zuerst in der angezeigten Stunde im Nordtorf und folglich in die üblichen Theile der Marsch von der neuen Seite. Da hatte es das Ansehen bey dem Zusammenlauf dieser beyden erzählten Fluthen, als wenn alles überschwemmet und das Garaus mit der Wilstermarsch sollte gespielet werden.

Allhie muß der Erbauung halber, um welcher willen ich alles rede und schreibe, ein besonders Gnadenwerk des Allerhöchsten anmerken; und zwar, dass in dem genannten Nortorp (allwo hoch das Zusammenlaufen dieser beyden so hohen Fluthen aus erwehnten Örtern wolam heftigsten gewesen, weil es wohl fast in derselben Mitte lieget) Gott sei ewiger Dank, nicht ein einziger Mensch umgekommen, als dass nur nachgehend, als einige am Duck-Under mit einem Kahn nach der Kirche fahren wollen, mit dem starken Überfluß des Wassers derselbe voll Wasser gelauffen, einer aus ihnen mit Namen Johann Reher aus Ackenböl aus dem Kahn gestürzt und weil der starke Strohm ihn gar bald weit hinweg gerissen, nicht gerettet werden können. Diese erwehnte hohe Fluth kam imgleichen an dem ersten Christ- oder Weih- nachtstage des Morgens zwischen 3 und 4 Uhr in St. Margarethen und drang durch das erwehnte Tütermohr in den Büttel und in andere Theile der Wilstermarsch von derselben Seite. Den tag vorher, war der heilige Christabend, stürmte der Nordwestwind bei starkem Regen gar sehr, dass das Wasser in eine erschreckliche Höhe anwuchs. 

Folge 3:
Weihnachtsflut 1717: Das Wasser stürzte bergeweise vom hohen Moor herab

Hierdurch ging diese hohe Flut gerade auf das sogenannte Tütermoor mit Gewalt. Das Wasser stürzte gleichsam bergweise von dem vorgedachten hohen Mohr herab, riß das vorgenannte Tüter-Mohr bey 25 Ruthen lang von Grund aus hinweg, zugleich auch die auf demselben stehenden 5 Häuser, in welchen Heinrich Hebel, Drewes Fink, Melchert Ramm, Clas Detlefs und Johann Becker wohnten, die aber fast alle mit Haus, Vieh und den lieben Jhrigen erbärmlich ertrunken.

Und zwar: Hinrich Hebel mit seiner Frau und noch einer Frauensperson, welche gesegneten Leibes gewesen, Drewes Fink mit seiner Frau und zwei kleinen Söhnen, Clas Detlefs mit seiner Frau und zweien Kindern, der Vater Clas Detlefs ist auf einem Großen Mohrbult8 weggetrieben, weit schneller und geschwinder als ein Pferd laufen kann, bis in Nordbüttel. Und da er sich einige Hoffnung gemacht, daß er sein Leben retten könnte, tut er von dem großen Mohrbult9 einen unglücklichen Sprung in einen tiefen Graben und muß daher seinen Geist aufgeben, Johann Becker, Frau und 3 Kin- der, und Jacob Widderichs im Aussen-Deiche wohnhaft, zwei Kinder, wovon das eine bei Brockdorf angetrieben und daselbst begraben worden. Daneben sind zwei Häuser in Büttel, noch zwei in der Kirchducht10 und vier in der Heideducht weg getrieben. Die Einwohner derselben aber sind alle gerettet und keiner davon ertrunken.

Von dem Mohrdeiche10 bis an Wefelsfleth sind bei 50 Einbrüche 11 in dem hohen großen Elbteiche gezählet worden, durch welche das Wasser mit der Flut ein- und mit der Ebbe ausgegangen. Dieses geschah auch bey Brockdörp, welches ebenfalls nahe am Elbstrom lieget, allwo diese entsetzliche Flut gleichfalls an dem Christ- oder Weihnachtstage, des Morgens zwischen 3 und 4, mit großem Ungetüm und Geräusch über den hohen Elbdeich stürzete, große, ungeheure Steine von etlichen hundert Pfunden, damit der Elbteich von der Elbseite befestigt ward, mit hinüberbrachte und diesseits des Deiches in die Marsch warf, woraus die große Macht des Wassers bei den starken Sturmwinden zu erkennen...

Um den Mittag, nachdem die Früh- und Hauptpredigt an dem ersten Christtage geendigt, stellte sich diese Wasserfluth auch bey der Stadt Wilster ein, und konnten die Land-Leute, die morgens zur Kirche gekommen und nichts weniger als eine so erschreckliche Fluth vermuten gewesen, nicht alle wieder ohne Kahn zu Hause kommen.

Der Stördeich brach auch an eben demselben oft genannten ersten Christtage durch und fast in gleichen Stunden an sehr vielen Orten zwischen Wefels- und Beidenfleth wie auch Stördörp. In Wefelsfleth brach die hohe Fluth an dem gedachten ersten Christ- oder Weynachtstage des Morgens um 4 Uhr aus dem Osten ins Westen ein, zwischen Hinrich Jannsen und Thomas Ohlhavers Haus und wütete dort erschrecklich. Auf dem Kirchhof machte es ein Loch von ungemeiner Größe, dass so eine Kutsche mit 6 Pferden bespannet, darinn hätte sollen gehalten haben, man dieselbe von der anderen Seite des Kirchhofes darinn nicht würde haben sehen können. Das Loch war über 20 Fuß breit, zwener Männer Länge tief und bei 4 Ruthen lang.

Auch an anderen Oertern ist wegen Einbruch des Wassers der Gottesdienst verhindert worden. Bey und an denen auf dem Kirchhofe zu Wefelsfleth eingegrabenen Todten ist etwas sonderliches und spectaculöses geschehen, dergleichen in den Geschichtbüchern man nicht gar leicht antreffen wird. Nemlich: Fünfzehn bis sechszehn erstorbene große und kleine Leichname sind aus der Erde aus ihren Särgen herausgespület.

In Beydenfleth ist erwehnte Fluth auch durchgebrochen an dem ersten Christ- oder Weihnachtstage des Morgens zwischen 3 und 4 Uhr an unterschiedlichen Orten. Zwischen Wefels- und Beydenfleth sind 22 Deichbrüche gezählet worden, so theils 18 bis 20 Ruthen breit, worunter 4 Grundbrüche, davon einige 20- 24 Fuß tief gewesen. Bey so gestalten Sachen kann man leicht erachten, dass die Gefahr auch allhie nicht geringe muß gewesen sein, indem ein Haus weggetrieben und mit demselben 4 Personen, die alle ertrunken. Das Haus stund auf dem Deiche und war eine Herberge der herumlaufenden fremden Armen, welche ihren gewöhnlichen Aufenthalt in demselben hatten.

Die 4 Personen, welche mit dem vorgedachten Hause sind weggetrieben, sind Annke Scharmakers, eine Witwe von 40 Jahren mit ihren beyden Söhnen, der altere von 10, der jüngere von 9 Jahren und deroselben Hausgenossin Annke Dassaus. Zu diesen 4 Ertrunkenen ist zu zählen Annke Rensen, eine Hüllenmacherin.

Folge 4:
Weihnachtsflut 1717: Der Vater allein ist auf einem Stücke Strohdach gerettet

Ferner sind wunderlich gerettet: Anncke Olands, Dirck Olands, eines Webers Frau auf dem kleinen Kamp, wenn man nach der neuen Mühlen gehen will, welche schwanger gewesen, nach der Errettung aber glücklich entbunden und ein Töchterlein zur Welt geboren, und Hinrich Charlott oder Scherlott, der bey der neuen Mühlen nicht weit von Beydenfleth gewohnet und sich auf das sogenannte Ostenmohr in Dittmarschen zu wohnen begeben. Dessen Frau und 3 Kinder sind daselbst umgekommen. Der Vater allein ist auf einem Stücke Strohdach gerettet und beim Leben erhalten worden.

In Stördorf kam ein großer und starker Grundbruch, 10 Ruthen breit, 12 Ruthen lang und über 24 Fuß tief, durch welchen das Wasser durch das genannte Stördörp in Bischopp, über den Steindamm, in Hackeboe, Niendorp, Sachsenbande und Moorhusen drang; viel Wasser blieb davon auf dem Lande stehen in Sachsenbande, Niendörp, Moorhusen und zum Theil von Hackeboe einige Wochen nach Johannis, welches von dem von der anderen Seite hereindringenden Wasser sehr groß ward, dass es 4, 5 und mehr Fuß auf dem Lande und in den meisten Häusern stund.

Von Wefelsfleth und Beydenfleth ging es auch in die neue Seite und zwar in Brockdorp, Rote Meer, Campen, Katen, Damfleth, Hohen- und Nienfelde, denn auch Poßfeld usw. Und also brach das ungestüme Meerwasser fast an allen Orten herein, umgab und durchwanderte unsere ganze Marsch, weit grausamer und erschrecklicher als ein wohl und stark gerüstetes Kriegsheer mit dem Getümmel ihrer starken Rosse und dem Gerassel ihrer Wagen und Poltern ihrer Räder. Sintemal dieses so stark und hoch hereindringende Wasser eine solche entsetzliche Fluth machtete, dass es das Ansehen hatte, als wenn beydes das Land und was darinnen ist, und die dörfer nebst der Stadt Wilster und die so darinnenwohnen, sollte hinweggerissen werden. Da fiel aller Muth auf einmal dahin und wurden von Herzen betrübt und verzagt.

Des grossen Gottes unumschränkte Allmachtaber und unergrünliche Gnade ist allezeit unaussprechlich groß, welches wir in diesen so großen Wassersnöthen in der Wahrheit erfahren, indem die meisten, ja fast alle, mit ihrem Hausgeräth und Vieh ganz wunderbarlich gerettet und beim Leben sind erhalten worden. Dieses ist insonderheit begegnet einem Arbeitsmann oder Tageslöhner. Derselbe war an dem ersten Christtage wie in der Früh- also auch in der Mittagspredigt. Nachdem dieselbe geendigt und das Geschrey von der eingebrochenen Wasserfluth seine Ohren erffüllet, ging er mit vollen und starken Schritten aus der Stadt und eilte auf den sogenannten Audeiche nach Hause, fast eine Meile von der Stadt, wich aber, um desto eher die Seinigen zu retten, davon ab über den Wetternwall, welcher damals noch nicht überschwemmt, quer durchs Feld, um seine kranke Frau, die schon einige Jahre her bettlägerig gewesen, sein einziges Kind, seiner Frau zwo Schwestern und derselben alte Mutter, aus gegenwärtiger Wassernoth zu retten, welches ihm auch nach seinem christlichen Vorsatz, ob wol bey starker Prüfung, gelungen. Denn da er zu Hause gekommen und das mit Gewalt hereindringende Wasser in Stiefeln bis an die Knie durchwatet, fand er seine Frau mit dem Kinde im Bette liegend, seiner Frauen Schwester aber nebst gedachter Mutter darin, und die andere von den Schwestern seiner Frau auf dem Tisch (der hohen Wasserfluth zu entgehen) sitzende, und brachte sie alle mit einem Kahn wiewol mit großer Mühe lebendig heraus. Da er aber zum andernmal mit einem kleinen Handkahn hinfährt, etwas von seinem Gut und Vieh zu holen, geschiehet es, dass, da er bereits 2 Kälber in den Kahn gebracht, er mit dem 3. aus den Kahn ins Wasser fällt, und als er dasselbe wieder kriegt und es mit grosser Mühe in den Kahn bringet, fällt er wieder ins Wasser...

Allein, nach der guten Hand seines Gottes über ihn, war er vorher durch das sehr anwachsende und wütende Wasser wieder in sein Häuschen gekommen, und demselben zu entgehen, oben auf den Boden gestiegen, allwo er erfahren musste, dass das Haus bis an den Boden voll Wasser ward, 6 bis 7 Fuß hoch.
An diesem Tage (war der dritte Christ. oder Weynachtstag) fuhren einige von seinen Nachbarn mit Kähnen in dem Dorfe herum, zu sehen, ob sie nicht einem oder andern hüfliche Hand leisten könnten; wie sie aber vor dieses mit Land und Wasser umgebenes Haus Kommen, fahren sie vorbey, weil sie in der Meinung waren, als wenn der in demselben gewohnete Hauswirt schon am ersten Christtage ertrunken wäre, welcher doch, wie gesagt, noch in grosser Gefahr war.

Folge 5:
Weihnachtsflut 1717: Witwe und Kinder in einem Backtrog gerettet

Noch eine Wittwe in der Ecklacker Hören wohnhaft, namentlich Margarete Peters, ist auch mit ihren 4 kleinen Söhnen in grosse Noth bey dieser ersten Fluth gerathen, aber daraus ganz wunderlich gerettet worden. Ein gleiches ist begegnet Steffen Fink, dessen Frau und kleinen Tochter, welche mit der genannten Wittwe in der erwehnten Ecklacker Hören in einem kleinen mit ihren kleinen Söhnen und genanndter Steffen Fink mit seiner Frau und einer kleinen Tochter oben auf dem Boden gar erbärmlich sich behelfen müssen, in ihrer Not ein weißes Tuch oder Laken (welches war das Zeichen grosser Gefahr auf den Dächern) aus und durch das Dach gestecket, sie aber in 3 oder 4 Tagen keine Hülfe gekriegt, bitten sie Gott mit ihren Kindern, dass der ihnen eine wirkliche Hülfe und Rettung schaffen möchte, Die Wittwe Margarete Peters bittet insonderheit um einen Backtrog, in welchem sie sich mit ihren Kindern retten könne.

Was geschieht? Hierauf ist nach ihrem selbst eigenen und beständigen Bericht, ein Backtrog in welchem man das Rockenmehl säuret und knetet, in ihr Häuslein und zwar in die Stube angetrieben kommen. In denselben hat sich gesetzet die Wittwe Margarete Peters mit ihren 4 kleinen Söhnen und Steffen Fink mit seiner Frau und kleinen Tochter und sich wohlbehalten alle, 8 an der Zahl, in Ackenböl angekommen. Der Backtrog ist aus der Süderwisch in Dittmarschen in Ecklacker Hören getrieben, weit über eine Meile Weges und ist derselbe von Clas Peters, in Ackenböl wohnhaft, seinem Eigentumsherrn Jacob Hansen wieder eingehändigt worden.

Da bey St, Margarethen das sogenannte Tütermohr mit denen darauf stehenden 5 Häusern von Grund aus wegtrieb, ist ein Mann mit Namen Melchert Ramm mit seiner Frau und einem Kind wunderlich erhalten. Denn sein Haus war eins von den fünfen, welche von dem gedachten Tütermohr hinweggetrieben. Er, Melchert Ramm, war mit seinem Hause, Frau und einem Kinde, somit ihm darinnen waren, auf andren Grund und Boden versetzet über vier wol fünfhundert Ruthen, eine Ruthe zu 16 Fuß oder 8 Ellen gerechnet, und wurden alle in dem soweit getriebenen Hause beym Leben erhalten...

Noch ein Mann, mit Namen Johann Becker, ingleichen ein gewesener Einwohner auf dem oft gedachten Tüter-Mohr, trieb auf einem großen Mohrbult, im bloßen Hembde sitzend, von dem ersten Christentage an in dem wilden Meerwasser weit und breit herum, bis er endlich an dem dritten Weynacht- Tage von dem vorerwehnten Hinrich Vollstede in dem Büttel, wie bereits gesagtwohnend, mit und auf einem Pferde, fast halb todt ist gerettet und in sein Haus gebracht worden. Dessen Frau aber und drey Kinder sind ertrunken. Die Frau ist nach einigen Wochen todt gefunden worden, nicht aber die Kinder.

Folge 6:
Nach der Weihnachtsflut kam im Februar das nächste Hochwasser

Da die erste Fluth etwas vorbei und abgenommen und er wieder nach dem Dunden, daher er mit, in und auf seinem Hause, oder vielmehr Stücke desselben, war getrieben, mit seiner Frau und zweyen Kindern frisch und gesund wohlbehalten gekommen, ist er bey seinem vorigen Nachbarn Claß Palsen eingezogen, in Meinung, bey demselben so lange zu verbleiben, bis die Wassernoth gänzlich vorbey und ihm wieder Hilfe verschafft werden mögte. Diese andere Fluth aber, welche in Eddelack bey drey Fuß höher war als die erste, nahm auch dieses Haushinweg und ward mit allen Einwohnern, 8 an der Zahl, als Peter Feldmann mit seiner Frau und zweyen Kindern, nemlich einem Sohn und einer Tochter, über den Kudensee ans Land gesetzet, nahe an dem Orte, da Harmen Blome wohnet.

Hier erfuhr insonderheit Peter Feldmann mit seiner Frau und zweyen Kindern, die nun zum andernmal eine so herrliche, allmächtige, gnadenreiche Hülfe des Allerhöchsten an ihnen selbst erfahren, dass die Güte und Barmherzigkeit des Herrn kein Ende habe, sondern alle Morgen neu und seine Treue groß sei.
Allein mitten im Zorn gedachte der liebe Gott an seine Gnade. Denn in der ersten Fluth ist in Seedörp nur eine betagte Frau ertrunken, deren Ehemann Claß Blome, noch lebet. In der andern Fluth ist in dem gedachten Seedörp nur ein einiges Kind umgekommen. In dem benachbarten Kirchspiel Brunsbüttel sollen in der ersten Fluth 173, in dem Kirchspiel Eddelack 38 Personen ertrunken sein, in der letzten Fluth ist zu Eddelack nur ein Sohn ohngefehr von 17 Jahren umgekommen.

Sonsten haben diese beyden in aller Kürze beschriebenen hohen Wasserfluthen nicht allein grossen, da unaussprechlichen Schaden verursacht an beweg- und unbeweglichen Gütern, sondern auch ein ganz erbärmliches Spectacul denen Einwohnern hiesiger Marsch, insonderheit denen, welche nahe am Elbestrom oder Kudensee wohnen, gezeiget.

Was bey der ersten Fluth in Wewelsfleth geschehen an denen in und auf dem Kirchhofe daselbst vergrabenen Todtenkörper, wie deren viele weggespület aus ihren Gräbern, einer auf den Stacketen ohne Kopf und Füsse behangen blieben, ist bereits drobenbey der 31. ( Seite 12), und folgenden Zahlen erzählet worden. Welches denn in Wahrheit einganz erbarmenswürdiges Spectacul muß anzusehen gewesen sein.

Und deswegen kann allhie nicht vorbey gehen, was für ein schweres Gericht ebenfalls in Seedörp, Ecklack, St. Margarethen und Brokdorf an Menschen und Vieh ist geschehen worden. Viele Todtenkörper, grosse und kleine, sind in benennten Oertern, insonderheit in Seedörp und im Kirchspiel St. Margarethen, wovon auch Wefelsfleth nicht ausgenommen ist, angetrieben und daselbst gefunden worden.Einige davon, weil sie noch gehandhabet werden können, sind in Särge gelegt und auf die Kirchhöfe begraben worden; einige aber in massen sie eine geraume Zeit in dem Wasser und unter dem Eise gelegen haben, an dem Orte, wo sie gefunden, in die vorhandene Erde verscharret werden müssen.

Hie sind die Kinder von ihren Eltern, die Eltern von ihren Kindern, ein Ehegatte, Freund von demandern durch dies recht wütende Wasser gekommen. Und darum beweinen hie die übriggebliebenen Kinder ihre ertrunkenen Eltern, die übriggebliebenen Eltern ihre ertrunkenen Kinder, dort eine übriggebliebene Ehefrau ihren lieben Mann seine liebe Ehefrau, ein anderer seinen Freund, Gut- und Wohltäter.

Folge 7:
Im Sommer nach den Sturmfluten: Krabbenfang in der Stör

Der auf die beyden hohen Wasserfluthen im Jahr 1718 erfolgete Sommer war überaus schön und herrlich, dass auch betagte Leute eines so warmen und trockenen Sommers sich nicht erinnern möchten. Dies ohngeachtet blieb das Wasser auf dem niedtigen Lande bis nach dem heiligen Johannisfest stehen, so desfalls unbesäet liegen bleiben musste; und wuchs auf demselben grob Wassergras, welches zum Futter für das Vieh nicht gar gut war, weil in demselben wenig Kraft und dem ausgedroschenen Stroh nicht gar ungleich war. Auf dem höheren Lande gabe es hin und wieder sehr kahle Weiden wegen der grossen Dürre, denn auch salzigten Meerwassers, so auch auf einigen Örtern ziemlich lange stehen blieb, und also Fruchtbarkeit desselben verhinderte. Hinzu kam, dass die Dürre so sehr zunahm, dass das Wasser fast gar auch aus den Gräben austrocknete und demnach zu unterschiedenen mahlen durch die gesperreten Schlüsen (Schleusen), eingelassen werden musste, dass das Vieh davon konnte getränket werden.

Dieser so schöne und herrliche Sommer konnte nicht anders denn fruchtbar seyn. Denn ob es schon das Ansehen hatte, wie in, also auch gleich nach der Ueberschwemmung dieser Marsch, als wenn darinn zum wenigsten in dem angezeigten Jahre gar keine Saat- oder Erndtezeit seyn würde, sintemahl das Winterkorn als: Rocken,Weizen, Gärsten, Rabsaat fast alles verdarb: So gab der barmherzige Gott doch noch einen guten Segen an Sommerfrüchten als: Sommergärsten, Erbsen, Bohnen, Habern, daran doch unterschiedliche Hausväter einen grossen Mangel hatten und fast nichts einerndteten. Der Buchweizen aber ging allenthalben aus. Die Obstbäume, so in der Ecklack mit den Gärten, darinnen sie stehen, eine ziemliche Weile in der andern Fluth weggetrieben, grüneten und blüheten nicht in dem Frühling schön, sondern gaben auch ihre angenehme Frucht, dass sie als ein recht Wunder des herrn vor unsern Augen waren. Und obschon gar viele Bäume, bey und an denen das salzige Seewasser lang stund, verdorreten; so waren doch die überbliebenen recht fruchtbar, dass ein grosser Segen vom Obst aus der milden Hand unseres himmlischen Vaters uns gegeben ward. Darneben stunden viele in den Gedanken,dass wegen des salzigten Wassers alle Fische in der Aue, Wettern und Graben, so darinn in süssen und frischen Wasser häufig waren, hätten sterben müssen. Allein der allzeit liebreiche liebe himmlische Vater gab in dem angezeigten Jahre den ganzen Sommer und Herbst durch einen so reichen und gesegneten Fischfang, als wol in vielen Jahren nicht gewesen. Es wurden auch Meer- und Elbefische gefangen, als Blütte, Stint, Krabben und dergl. In der Stör wurden viel Krabben und Stint gefangen. Denn auch in der Aue, so nahe bey und durch die Stadt Wilster fliesset, so vor diesem niemals so weit Leute denken können, geschehen. In Seedörp, Ecklak und Ackenböl sind imgleichen Oktober, November und Dezember des 1718ten Jahres, so auch im Januario, Februario, Martio, Aril des 1719ten Jahres in den Graben und denen, durch die hohe Wasserfluthen daselbst gebrochenen und neu gemachten Seen und Rissen viele Stint gefangen, so ebenfalls in dem vorerwehnten Seedörp, Ecklak und Ackenböl vor dem niemals sich begeben. Die zerrissenen und zum guten Teil gar hinweggespülten Teiche (Deiche), als: Der Borlbom, Au- und Elbteich, Wetternwälle und Dämme wurden auch, wegen des langen anhaltenden schönen Wetters, in einen ziemlich guten und haltbaren Stand wieder gebracht.

Folge 8:
Bestes Land wurde auf Jahre hinaus unfruchtbar

Daß auf solche und dergleichen hohe und starke Wasserfluthen und verderbliche Ueberschwemmung allzeit gute und fruchtbare Jahre sollten gefolget sein, wie man imgleichen bey dieser ersten Einrede droben vorgeben will, kann aus allen Exempeln derselben Geschichte nicht erwiesen werden, sondern vielmehr das Gegenteil, dass das salzige Meerwasser fürnemlich das hohe und beste Land auf einige Jahre unfruchtbar gemachet; wie denn auch nach der hohen Fluth, so im Jahre 1354 über die Marschländer ergangen, das Land in 50 Jahren nicht wieder zum Stande gebracht werden. Nach der nordstrandischen Ueberschwemmung, so im Jahr 1634 geschehen, hat das hohe Land allhie in der Wilstermarsch in etlichen Jahren weder Gras noch Korn tragenwollen.

Bleiben wir nur bey den beschriebenen zween hohen Wasserfluthen, wie dieselben absonderlich in die Wilstermarsch eingebrochen, so werden wir befinden, dass dieselbigen sehr schädliche und traurige und Merckmahle hinter sich gelassen. Denn ob zwar ein ziemlich fruchtbarer Sommer darauf erfolget; so haben doch desselben nicht alle sich erfreuen können, sintemahl viele, viele gar nichts ausgesäet und auch nichts eingeerndtet haben, als nur ein wenig grob Wassergraß. Unterschiedliche hatten gar schlecht Sommerkorn fürnemlich in Ecklack, Ackenböl, Nordtörp, Kuschkoppermohr, Poßfeld, Niendörp und Sachsenbande. Nemlichweil der Haber an den erwehnten Oertern gar spät gesäet wurde, in dem das viele Wasser die Aussaat hinderte, konnte derselbe zu seinem Wachstum und Reifenicht kommen. Das Stroh blieb gar klein, der Haber dünn und schmal und hatte wenig oder gar kein Korn. Hier und dort waren auf einigen Stücken nur 20-30 Garben, so ein grosses Elend anzusehen war. Diejenigen, welche vor dien 10, 12,18- 20 Kühe melckten, und davon einen reichen Segen an Butter und Käse hatten, (welches der grösseste Gnadensegen in der Marsch ist.) musten die meisten aus Mangel der Grasweiden verkaufen und behielten nur 5,6,9,10 usw. Die Butter war auch nicht bei allen so gut und wohlschmeckend als vor diesem. Die hohen Weiden waren wegen der anhaltenden Hitze und Wärme ganz dürre. Es wurden lange nicht so viele Kinder geboren als in den vorigen Jahren und an den Kühen erfuhren viele Hausvater in dem nächst folgenden Frühling des 1719. Jahres, wie sie sagen, einen Undegen, dass sie nicht zur gewöhnlichen Zeit kalbeten oder auch die Kälber verwarfen usw.

Was hat aber dieser sogenannte Undegen und Unfruchtbarkeit bey vielen nach sich gezogen? In Wahrheit nichts weiter als viele Jammer, Klagen und bittere Armuth. Hat nicht ein Hauswirt nach dem andern sich in tiefere Schulden setzen und endlich seinen so lang bewohnten Hof verlassen müssen? Ist nicht manniger zum Bettelstab kommen und sammelt izo mit seiner Frau, Kindern und Kindes- kindern dort Brod vor den Thüren? Viele, viele, will wol sagen, fast die meisten, bewohnen ihre Höfe gar schwächlich bey ihren so schweren allgemeinen Marsch- und absonderlichen Hofschulden, die sie sehr drücken und kaum soviel erübrigen, dass sie die Rente abtragen können.

Darauf ging, wie die meisten befürchteteten, das wilde salzige Meerwasser durch dieses große Brack am besagten nun zum dritten mal mit grosser Gewalt und Geschwindigkeit durch Eddelack, Dundenteich, in den Kudensee und aus diesem am 11. Okt. in Seedörp, Ecklack und Ackenböl und kriegten einige das Wasser über 3 Fuß in ihre Häuser. In Ecklack (mehreren Schaden zu verschweigen) wurden die in dem vorigen Sommer von neuem gemachten Wälle zum guten Theil wieder vonander gerissen. In Ackenböl fingen die Einwohner wiederum an, ihre Häuser und Wohnungen mit grosser Beschwerde gegen den kalten Winter traurig zuverlassen; nach etlichen Tagen aber lief das Wasser ziemlich wieder ab, dass sie ihre Häuser bezogen.

Folge 9:
750 Männer aus der Wilstermarsch arbeiten an neuem Deich

So kam dessen letztes Ende demselben ganz unvermuthet. Uns die wir überblieben und annoch leben, zu einer heilsamen Erinnerung, dass wir unsern Todestag und letzte stunde unsers Lebens allezeit vor Augen haben. Um Himmelfahrt, bey der neumonatlichen Springfluth, kam ein ziemlich starcker westlicher Wind aus

Westen und Nordwesten so heftig, dass er auch an unterschiedlichen Oertern Häuser, Scheunen, Windmühlen und Bäume umwehte und in Stücken zerbrach. In dem Kirchspiel Eddelak allein sind bey 10 Häuser umgewehet und über einen Haufen gefallen, dabey doch gottlob kein Mensch an seinem Leibe schaden gelitten, vielweniger umgekommen.

Und ob schon einige mit ihrem Vieh in eines dieser gedachten Häuser sich begeben hatten, so wichen sie doch bald aus demselben nach einem andern, welches höher steht. Ehe sie aber dahin kommen und kaum einige Stückbreit Landes von dem Hause, darin sie gewesen, entfernet, fiel dasselbige über einen Haufen; sie aber blieben alle unbeschädiget und beym Leben. Von dem 26. bis auf den 27. May, waren der Frytag und Sonnaben vor Pfingsten, war der obgedachte Sturm aus dem Westen und Nordwesten überaus stark und häufig, trieb das salzige Meerwasser zum vierten Mal durch das Dittmarscher Brack bei Brunsbüttel in das Eddelacker Feld und aus demselben in den Kudensee, der sich davon so hoch erhob, dass Seedörp abermal überschwemmet und viele einige Fuß hoch das Wasser wieder in ihre Häuser kriegten; und floß von da weiter bis in Ecklack und überschwemmte daselbst das niedrige Land, darauf man mit Kahnen fahren konnte und alles eingesäete Haber ertrunck und zwar auf dreyen Höfen, auf welchen Peter Holm, Peter und Hans Tiedemann wohnten und darüber nicht einen Schaden hatten.

Das aufsteigende und immer zunehmende Wasser aber ist durch Gottes Hilfe vermittelst sorgfältiger und fleißiger Arbeit wieder begriffen, dass das ganze Dorf Ecklack und die an dieselbe grenzende neue Seite nicht abermal davon voll ward, ob es schon 6 bis 7 Fuß hoch hinter Peter Tiedemann Hause stund. Dieses war eine sonderbare und recht handgreifliche Gnade und Wohltat des Allerhöchsten. Denn wäre das Wasser durch Ecklack, Ackenböl und Borlbom in die neue Seite eingedrungen und diese ganze Gegend übergeschwemmet.

Bei St. Margarethen kamen in diesem Sturm am obgemelten Freytag vor Pfingsten 2 grosse Schiffe fest zu sitzen. Eins auf dem Sande, welches am Pfingstabend wieder loskam. Das andere aber kam so nahe ans Land, dass der Schiffer ein Brett vom Schiff auf das hohe grüne Ufer warf und darauf zu Lande gehen konnte.

Um diese Zeit war es, nach denen beschriebenen gefährlichen Umständen, höchstnöthigt, auf die Conservierung dieser Marsch zu dencken. Zuerst wurden die Eingesessenen auf der Neuen und hernachmahls auch auf der Altenseite, und also die ganze Wilstermarsch, einig, hinter Seedorp, zu Osten dem Kudensee, auf dem Mohr einen Nothteich anzulegen, welcher mit der Hülfe Gottes das einlaufende wilde Meerwasser aufhalten sollte und vor demselben gestauet werden könnte. Weil aber der anzulegende Teich (Deich), wenn derselbe das aufsteigende Wasser vor dieser Marsch gäbzlich ab und zurückhalzen sollte, auch auf das Dittmarscher Mohr bis an die sogenannte Geest geschlagen werden musste, so haben die hohen königlichen Komissarien solches gesehen und nach der Besichtigung, soviel mehr wissend, zugestanden. Eben darum fing man an am 31. May, war der Mittwoch nach Pfingsten, denißterwehnten neu anzulegenden Nothteich neu Westen- Seedorp vor dem Kudensee auf dem hohen Mohr aufzuführen. Die im Jahre 1718 weg- und ausgerissene so kostbare Einramm- und Einteichungward in dem darauf folgenden 1719ten Jahre wieder, wie wol an einem anderen Orte, der von der Stelle vorigen Einrammung einige Ruthen weiterins Land war, angefangen. Der Anfang war damit gemacht einige Tage nach Pfingsten. Von der Wilstermarsch arbeiteten auf dieser Seite siebenhundert und fünfzig Mann. 300 Mann mußten täglich Störtkaren fahren und 450 an dem Cajeteich kajedieken und zwar abwechselungsweise.

Es ließ sich damals, wie gesagt, alles recht gut an; allein es veränderte sich gar bald und diese in gar wenigen Stunden. Denn als am 4. Augusti die beyden über das grosse Brack geschlagenen Brücken mit denen auf beyden Seiten eingerammten Riechwänden ganz fertig, so fing man an, den zwischen den beyden Brücken offenen Raum, 22 Fuß breit, 30 Ruthen lang und über 50 Fuß tief, mit Stroh und mit Erde angefüllten Säcken auszufüllen. Zuerst ward gar viel Stroh eingeworfen, dass auch mehr denn funfzig Menschen darauf gingen und stunden, aber wegen des darunter laufenden starken Stroms gar nicht sinken wollte, obgleich viele mit Erden gefüllte Säcke darauf geworfen worden.

Hierzu kam ein aus dem Westen zimlich ungestühmer Wind und starcke Fluth, die unterm Stroh hindurch ins Land ging und gewaltig auf die eingerammten Brücken und so genannten Riechwände stieß.

Folge 10:
Mit Karren voller bloßer Erde werden Löcher im Deich gestopft
Die grossen Unkosten zu geschweigen, da diese in diesem Sommer bis auf den 5. Okt. verlohrene Arbeit der Wilstermarsch allein weit über zehen tausend Reichstaler soll gekostet haben. Dieses wird nur deswegen erinnert, dass man einigermassen möge erkennen, was für exessive Spesen auf diese Einteichung insgesamtangewendet werden müsse.

So viel mir wissend, haben die Arbeiter bey diesem Bau eben keinen grossen Schaden erlitten, nur einen ausgenommen. Dieser war Johann Philipp, ein Tischler aus Beydenfleth. Derselbe wollte über ein Brett gehen, deren viele auf die neuen Brücken geleget waren, dass darauf die Arbeiter hin und her gehen konnten. weil dieses Brett am Ende nicht auf dem Balken lag und der erwehnte Tischler auf demselben fast bis ans Ende gekommen, fiel er hinunter in das Tiefe Brack und das Brett hinter nach. Er war mit dem Kopfe in die sogenannte Mudde oder weiche und schlickigte Erde des Grundes gestürzet und darinnen also ersticket und ertrunken. Dieses geschah am 20. Juli, war der Donnerstag vor dem 7. Sonntage nach Trinitatis. Ohngefehr nach 10 Tagen, nemlich am 31. des erwehnten Monats Juli, war der Monat nach dem 8. Sonntag nach Trinitatis, ward er erst gefunden und hernach zu Brunsbüttel auf dem Kirchhof begraben! Und am 28. Juli ward todt hierhernach Wilster gebracht Hinrich Ballhorn, derbey der dasigen Arbeit natürlichen Todes gestorben und hin bey Abend in der Stille bey gesezet

Nach diesem beschriebenen grossen Elende schlug man doch, wiewol bey nicht geringer Bestürzung, wieder Rath und fassete einen Muth. Dannhero wurden die ausgerissenen und weggetriebenen Bäume, soviel man wiederkriegen konnte, die hie und da hingetrieben und gestrandet, wieder herbey geschaffet, um die zerrissene Brücke wieder zu reparieren und die Einramm- und Einteichung wieder vorzunehmen. Die Einteichung geschah, wie man hier redet, kistenweise, und wurde die blosse Erde in das so tiefe Brack mit Stört- und anderen Karren hineingeschüttet. Mann continuierte mit dieser Arbeit bis Weihnachten; das Brack aber ward nicht allein nicht gestopfet, sondern die angefangene Reparierung, Einramm- und Einteichung wurde in denen im November des 1719. und im Januar und Februar 1720 enstandenen starken Stürmen und gar hoch gehenden Fluten zum Theil von Grund aus herausgerissen, weggespühlet und zernichtet. Vo Kajeteich machte man mehr Staat als von der noch offen- stehenden Einramm- und Einteichung des Bracks, da viele meineten, wenn jene unmöglich, dieser doch Stand halten würde. Diese alles aber war eine ganz vergebliche Hoffnung.

Denn am 12. November entstund ein heftiger Sturm mit ganz erschrecklichen Donner und Blitz, der das Wasser gar hoch antrieb und den gleich erwehnten Kajeteich zunichte machte, Ging auch durch und über den Dundenteich in den Kudensee und aus demselben nun zum fünften Mal in Seedörp. Man an, denselben mit Fleiß zu reparieren und in einen völligen haltbaren Stand aufzuführen, an welcher Arbeit 200 Mann fast Tag und Nacht arbeiteten.

Ohne Schaden ging diese erschreckliche Donnerwetter nicht vorbey. An dem darauffolgenden 13. November schlug es in der Ecklack in Claß Hinzen Wassermühle und zernichtete dieselbige inwendig ganz und gar. Mehrere Schäden sind in dieser Marsch nicht kund geworden. 

Anmerkung der (sh:z-)Redaktion: Originalunterlagen findet man im gut sortierten Stadt- und Kreisarchiv in Itzehoe.

Historische Begriffe: Vom Backeltrog bis zu Wurth-Stetten
Viele in den alten Dokumentationen benutzte Begriffe sind aus dem modernen Wortschatz längst verschwunden. Hans-Peter Micheel erklärt einige der in den historischen Texten oder Überlieferungen verwendeten Bezeichnungen.
Auteiche - Damit sind die Au-Deiche an der Wilster Au gemeint.
Backeltrog - Eine längliche hohle Holzschale zum Brotbacken.
Beckteich - Damit ist der Beck- Au- Deich gemeint.
Borlbomteiche - Ein Deich bei Averfleth abzweigend vom Au-Deich.
Böverstenwehr - Eine Flußabsperrung in der Wilster- Au, heute Oberstewehr in Äbtissenwisch.
Dannenhero - Gemeint ist „danach“.
Fuß -
Längenmaß = 0,28954 m .
Rute - Längenmaß = 4,6416 m .
Gattern - Ein Weidetor in der Landwirtschaft.
Grundbrüche - Landabsenkungen in der Marsch.
Kaf - Ein Futtergetreide für das Vieh.
Kuhlengräbern - Totengräber.
Pertinenten - Sachen, Dinge.
Schellstücke - Abfälle nach der Tannenrodung.
Schlüsse - Schleusen.
Stackett-Pforten - Holztüren mit senkrechten Brettern.
Spectacul - Speziell.
Stöpen - Ein Deichdurchfahrt, wird bei Sturmflut geschlossen.
Tütermoor - Ein Ortsteil vom Ort Büttel.
Wurth-Stetten - Warften.

Wilstermarsch Erst ein Orkantief, dann eine Sturmflut, kurz darauf klirrende Kälte und schließlich eine daraus resultierende Hungersnot: So stellte sich das Katastrophenszenario vor genau 300 Jahren auch für die Menschen in der Wilstermarsch dar. Das Ereignis ging als Weihnachtsflut in die Geschichte ein und nahm an Heiligabend 1717 seinen unheilvollen Lauf.

Einige der wenigen authentischen Quellen aus jener Zeit hat der Wilsteraner Hans-Peter Micheel ausgegraben. „Der Archidiakonus Gregorius Culemann an der Kirche zu Wilster hat im Jahre 1728 einen vortrefflichen, mit großem Fleiß in vier Bänden zusammengestellten Bericht über die verheerenden Wasserfluten der Jahre 1717 bis 1721 herausgegeben, der es verdient, der Vergessenheit durch einen Neudruck wieder entrissen zu werden“, findet Micheel. Ehemals sei das Buch wohl in zahlreichen Häusern der Wilstermarsch vorhanden gewesen. Von den Originalbänden sei heute aber nur noch ein komplettes Exemplar im Landesarchiv Kiel erhalten.

Micheel machte sich an die mühevolle Spurensuche, studierte die historischen Schriften und stellte Auszüge daraus zusammen, die in unserer Zeitung in den nächsten Tagen abgedruckt werden. Die erste Folge dazu gibt es unten auf dieser Seite. Das Besondere: Die Texte stellte Micheel wortgetreu zusammen. So können die Leser heute nachvollziehen, wie sich die Menschen vor fast 300 Jahren mit ihren damals noch frischen persönlichen Erinnerungen bei der Lektüre gefühlt haben müssen.

Die Bände über die verheerenden Wasserfluten waren übrigens 1926 von der Wilsteraner Buchdruckerei Johann Schwarck neu gedruckt worden. Der Druckauftrag kam vom Heimatverein Wilster unter dem damaligen Vorsitzender Pastor Jensen aus St. Margarethen erteilt worden. „Trotz eifriger Bemühungen ist es mir aber nicht gelungen, irgendwo noch ein vollständiges Exemplar aufzufinden. So habe ich es dann aus zwei in recht zerlesenem Zustande befindlichen Exemplaren wieder zusammentragen müssen.“

Von sich selbst sagt der 77-Jährige: „Ich bin in Wilster geboren und wohne seitdem immer direkt an der Wilster Au. Dieser Fluss hat mich in meinem Leben stets begleitet. Mein damaliger Klassenlehrer Otto Neumann hat mein Interesse zur Heimat gestärkt, und das ist bis heute mein Thema.“
„Die Berichterstattung aus dem 18. Jahrhundert ist natürlich eine total andere als heute, 300 Jahre später“, erläutert Micheel und bittet daher „schon im voraus um Verständnis, das Geschriebene so zu lesen, wie es mir vorliegt, denn ich möchte den Schriftinhalt nicht verfälschen“. Zum besseren Verständnis hat er einige althergebrachte Begriffe gesondert erläutert (die Erläuterungen finden Sie in dem Auszug aus der von dem Wilsteraner Gregorius Culeman verfassten Beschreibung der Weihnachtsflut von 1717 - siehe Link am Ende dieses Artikels).

Micheel zur Einleitung: „Wenn man die Berichte liest, erfährt man, wie die Bewohner der Wilstermarsch gelebt haben, wie arm sie waren und wie die Naturgewalten den Menschen zugesetzt haben. Das Wasser hatte ihnen alles genommen. Tausende sind im Wasser ertrunken.“ Es habe auch keine Möglichkeiten gegeben sich gegenseitig zu verständigen. „Es gab kein elektrisches Licht, kein Radio, Fernsehen oder Telefon und auch kein frisches Wasser aus der Leitung“, führt Micheel die damalige Zeit vor Augen. „Mit sehr viel Kraft und durch ihren starken Glauben an Gott, haben die Menschen diese schwere Zeit überlebt.“ Weihnachten vor genau 300 Jahren.
sh:z

Ein Kirchenmann als Chronist
Autor des vier Bände umfassenden „Denckmahl von den hohen Wasser Fluthen – 1717-1725“ ist Pastor Gregorius Culemann. Er ist geboren zu Herzberg im Fürstentum Grubenhagen am 4. August 1661, besuchte die Schulen in Osterrade, Cellerfeld und Oldenburg und studierte dann von 1683 bis 1687 an der Universität in Kiel. Auf Empfehlung des dortigen Professors Kortholt kam er nach Wilster, wo er im Jahre 1691 das Rektorat an der Stadtschule erhielt. Nach den im Münsterdorfer Konsistoralarchiv noch vorliegenden Berichten muss er ein eifriger und tüchtiger Lehrer gewesen sein. Im Jahre 1703 wurde er dann zum Diakonus an der Bartholomäuskirche gewählt und erhielt 1711 das Archidiakonat (kirchliche Verwaltungseinheit).
In der Wilsterschen Gemeinde erfreute er sich großer Wertschätzung. Seine zahlreichen Schriften zeugen von großem Fleiß. Nachdem er zwölf Jahre im Schulamt und dreißig Jahre im Kirchenamt zu Wilster gestanden hatte, starb er an den Folgen eines Unfalles im Januar 1733, am gleichen Tage mit seiner ebenfalls hochbetagten Frau.
Sie hinterließen zwei Söhne, von denen der eine Bürgermeister in Itzehoe, der andere Kaufmann in Hamburg war. Mit seinen genauen Aufzeichnungen und wunderbaren Erlebnissen hat er sich selber in der Marsch ein unvergängliches Denkmal errichtet.

 

Eine umfassende Beschreibung der Weihnachtsflut 1717 öffnet sich nach Anklicken des folgenden Links:

Auszug aus der von dem Wilsteraner Gregorius Culemann verfassten Beschreibung der Weihnachtsflut von 1717 (Quelle sh:z)

Als die große Flut kam (sh:z 23.12.2017)
Vor 300 Jahren brach am frühen Weihnachtsmorgen die verheerendste Sturmflut der Neuzeit über Norddeutschland herein – mehr als 11 000 Menschen starben

Still ist diese heilige Nacht nicht. Ein stürmischer Südwestwind heult seit Tagen um die Häuser. Aber es ist doch merklich stiller geworden, als die Menschen am Abend des 24. Dezember 1717 aus der Kirche treten. Der Wind hat sich endlich etwas gelegt, die Deiche vibrieren nicht mehr unter den brechenden Wellen. Die Flut an diesem Tage ist vorüber, und das nächste Hochwasser wird erst am Weihnachtsmorgen erwartet. Die Menschen an den norddeutschen Küsten legen sich beruhigt schlafen, in Vorfreude auf das große Fest, oder, wie es der Zeitzeuge Conrad Ummen aus Jever später beschreibt: „In Hoffnung bey anbrechendem Tage ein Christ-Geschenck zu geniessen“.

Doch den Weihnachtsmorgen erleben viele Menschen an den Küsten nicht mehr. Während sie schlafen, dreht der Wind auf Nordwest und frischt wieder auf. Zum Orkan angewachsen peitscht er die Wassermassen, die der Südwestwind zuvor vom Atlantik in die Nordsee gedrückt hatte, mit aller Macht gegen die Küsten. Die Deiche brechen an unzähligen Stellen und werden teilweise auf mehreren Kilometern Länge einfach weggespült. Vor allem die niedersächsische Küste und das südwestliche Schleswig-Holstein trifft es hart. Innerhalb kürzester Zeit steigt das Wasser so schnell, dass viele Bewohner – aus dem Schlaf hochgeschreckt – nur noch einen Fluchtweg finden: den Weg nach oben. „Als die Menschen merkten, dass das Wasser an ihre Tür spülte und schon in die Räume hineintrat, sind sie auf den Dachboden gegangen“, erzählt der Göttinger Historiker Manfred Jakubowski-Tiessen. „Aber die Wellen sind teilweise so hoch gewesen, dass sie auch den Dachboden noch erreicht haben.“ Viele Küstenbewohner, die voller Vorfreude auf das Weihnachtsfest schlafen gegangen waren, sitzen jetzt in einer tödlichen Falle.

Immer wieder werden solche Szenen in Zeitdokumenten beschrieben: die Mutter, die es nicht mehr schafft, ihre Kinder durch eine Ritze im Dachboden nach oben zu ziehen, und sie im unteren Raum ertrinken sieht, oder die riesige Welle, die den Dachboden zwischen Eltern und Kindern teilt. Der Pastor Johann Christian Hekelius aus Ostfriesland beobachtet, wie sich die Nachbarsfamilie auf einen großen Strohhaufen retten kann, der schließlich wie ein Floß in den Fluten treibt. Doch nach und nach, so beschreibt er es, fällt immer mehr Stroh ins Wasser. Die Eltern müssen mit ansehen, wie das erste Kind ins Wasser fällt und ertrinkt. Das zweite. Das dritte. Das kleinste Kind hält die Frau in ihren Armen. Zumindest diese beiden meint der Mann noch retten zu können. Doch auch sie werden von einer Welle erfasst und verschwinden in den Fluten. Menschen klammern sich an das nackte Leben

Anstatt ein Christgeschenk zu genießen, klammern sich die meisten Menschen an ihr nacktes Leben. Weite Teile der Küstengebiete haben sich schon vor Sonnenaufgang in ein tosendes Meer verwandelt. „Man sah hier und da gantze und halbe Häuser antreiben“, beschreibt Johann Christian Hekelius, und zählt weiter auf: Balcken, Bretter, Sparren, Stühle, Bäncke, Betten und Kleider, auch Kühe, Pferde, Schafe, Hühner oder Gänse treiben tot in den Fluten. „Sahe man an einen anderen Ort so kamen zugleich mit solchen Hausgeräthe arme Menschen angeschwommen, die etwan auf einem Stucke ihres umgerissenen Hauses, oder auf ein wenig Stroh sassen.“ Conrad Ummen schreibt gar von einem ganzen „Heer“ an Leichen, das in den Fluten schwamm.

Es gibt in der Neuzeit keine Flut, die in Deutschland so enorme Schäden verursacht hat und so viele Todesopfer gefordert hat, wie diese, sagt Manfred Jakubowski-Tiessen. Und trotzdem ist sie vielerorts in Vergessenheit geraten. Direkte Spuren der 300 Jahre alten Verwüstung sind heute kaum mehr zu finden. Auch die Küstenlinie hat sie im Gegensatz zu den bekannten „Mandränken“ nur wenig verändert. Allein der Hafen von Wyk auf Föhr gilt als Produkt der Weihnachtsflut und auch viele Wehlen – kleine Seen, die in der Folge der Deichbrüche entstanden sind – gibt es entlang der Küste. Überreste untergegangener Siedlungen aber fand man nicht – bis vor kurzem, als Bagger in einem kleinen Ort im niedersächsischen Butjadingen anrückten, um das Deichvorland zu renaturieren. Sie trugen nach und nach Land ab, um den Bereich zwischen altem Sommer- und Hauptdeich in Langwarden wieder verschlicken zu lassen, und wurden dabei genau beobachtet. Denn der Langwardener Fritz Schröder, dessen Familie seit Generationen hinter dem Deich lebt, ahnte schon lange, dass genau dort mal „etwas gewesen sein musste“. Weil die Arbeiter keine Anstalten machten, mögliche archäologische Funde zu retten, ging er selbst nachschauen. Er nahm mit, was ihm wert erschien, gerettet zu werden. Holzfunde gab er zur Konservierung in das Institut für historische Küstenforschung in Wilhelmshaven. Alles andere sammelte er zu Hause in einer kleinen Kammer.

Wer diese Kammer betritt, weiß nicht, wohin er zuerst schauen soll: bemalte Tonkrüge, feinste Glasgefäße, die von dünnen blauen Bändern umfasst werden, Schüsseln, Teller – dazu unzählige Scherben, die der gelernte Elektriker hier gesammelt, verglichen und kunstvoll wieder zusammengefügt hat. An den Wänden stehen hohe Regale mit schmalen Schubladen in denen weitere Bruchstücke aus dem Watt lagern. Spuren einer zerbrochenen Welt. Ein Puzzle mit tausenden Teilen.

Ein Rinderzahn, ein halber Kuhkiefer, ein paar Pfähle – als Fritz Schröder dem Archäologen Stefan Krabath seine Fundstelle im Watt zeigt, wird schnell klar, dass dort mal eine Art Stall und ein Misthaufen mitsamt Schlachtabfällen gewesen sein müssen. Überall ragen abgeschabte Knochen von Tieren aus dem Schlick. Auch ein Brunnen, der aus Torfsoden gelegt wurde, ist noch klar zu erkennen. Dieser Teil des Watts, in dem gerade ein paar Austernfischer nach Würmern suchen, erzählt eine eigene Geschichte. Eine Geschichte, deren Handlung in Kleinigkeiten, in Scherben und Knochen verborgen ist. Und eine Geschichte, die 1717 jäh endete. Denn es gibt zwar unterschiedliche Fundstellen, die verschiedenen Siedlungszeiten zuzuordnen sind. Aber der letzte datierbare Fund von Fritz Schröder stammt aus dem Jahr 1709. Das war kurz vor der Flut. Danach folgte nichts mehr. Heute ist es schwer vorstellbar, dass hier einmal Häuser waren. Dass hier die feinen Trinkgläser in den Schränken standen, dass ein Kind mit der Holzkugel spielte oder auf der Knochenflöte pfiff.

Kinder hatten damals die geringsten Chancen zu überleben. Selbst wer die Gewalt der Flut überstand, war nicht unbedingt gerettet. Die Menschen waren in ihren Nachthemden auf Dächern, Bäumen oder kleinen Erhebungen gestrandet und mussten dort auf Hilfe warten. Gekleidet in dünne, nasse Kleidung waren sie Kälte und Wind ausgeliefert. Weil gleichzeitig viele Boote von der Flut mitgerissen worden waren, gab es kaum Möglichkeiten zu ihnen zu gelangen und sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Nicht wenige Menschen erfroren oder verhungerten in den ersten Tagen nach der Flut. Ein Vater, so wird berichtet, hatte sich mit einer Hand an einen Holzbalken geklammert – in der anderen Hand hielt er krampfhaft einen Eimer fest. Als er gegen Mittag des 1. Weihnachtstages endlich wieder festes Land erreichte, war er gerettet. Doch den Eimer hatte er vergeblich festgehalten. Sein jüngstes Kind, das er in seiner Not dort hineingesetzte hatte, war erfroren.

Es sind Geschichten wie diese, die das ganze Leid beschreiben, das die Naturgewalten über die Menschen der Küste brachten. Die Nachricht davon aber erreichte die Machtzentren erst einige Tage später. Erst dann, als es für viele Menschen schon zu spät war, konnten geordnete Hilfspläne gemacht werden – die Behörden schickten Abgesandte in die betroffenen Länder, um das Unglück uns seine Folgen genau zu dokumentieren: Wie viele Tote gab es? Wie hoch sind die Schäden? Wie viele Tiere sind umgekommen? Dadurch gebe es ziemlich exakte Aufzeichnungen, aus denen man die Ausmaße der Flut ablesen kann, meint der Historiker Manfred Jakubowski-Tiessen. An der gesamten Nordseeküste dürften mehr als 11 000 Menschen, 10 000 Pferde, 40 000 Rinder, 10 000 Schweine und 35 000 Schafe ertrunken und mehr als 4000 Häuser von der wütenden See weggerissen worden sein. In Schleswig-Holstein kann man dem Historiker Dirk Meier zufolge, „von mindestens 558 Toten, 10 996 ertrunkenen Rindern und 1692 ertrunkenen Schafen ausgehen. Mindestens 390 Häuser waren weggerissen und weitere 1185 beschädigt worden“. Nach der Katastrophe beginnt eine neue Zeitrechnung

Die Flut nimmt aber nicht nur Tausenden Menschen das Leben. Hunger, Kälte, vor allem der Verlust der Lebensgrundlage prägte große Landstriche für Jahrzehnte. Im Februar 1718, keine zwei Monate nach der Katastrophe, folgte außerdem die nächste Sturmflut, die so genannte „Eisflut“. Weil sie riesige Eisschollen mitführte, zerstörte sie vielerorts die gerade wieder im Bau befindlichen Deiche. Die Felder des Kirchspiels Eddelak in Dithmarschen etwa konnte man auch im Frühjahr nur mit Booten befahren. Auch in anderen Gegenden lief das Wasser täglich mit der Flut ein und aus – teilweise über Jahre. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts hatten sich die betroffenen Regionen vollständig von der Katastrophe erholt, sagt Jakubowski-Tiessen. Kredite, die man für den Deichbau aufnahm, wurden sogar noch bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein abbezahlt.

Die Erinnerung an die Katastrophe wurde in den betroffenen Regionen über hundert Jahre lang wach gehalten, indem am Heiligen Abend eine so genannte „Wasserpredigt“ abgehalten wurde. In einem Kirchenbuch im Oldenburgischen wurde sogar eine neue Zeitrechnung eingeführt, die das Jahr 1718 als das 1. Jahr nach der Sündflut bezeichnete – eine Praxis, die man bis ins 19. Jahrhundert fortsetzte. Nach dieser Rechnung ist das diesjährige Weihnachtsfest also das 300. nach der sogenannten „Sündflut“.

Und daran dürfe man ruhig einmal wieder denken, meint Jürgen Jensen von der Universität Siegen. Zwar seien die Küsten heute wesentlich besser geschützt als noch vor 300 Jahren – Extremereignisse aber könnten immer auftreten: „Als Küstenwasserbauer muss ich warnen, dass das, was damals passiert ist, sich jederzeit wiederholen kann, dass etwa auch Hamburg und Bremen heute einer solchen Gefahr ausgesetzt sind.“ Jensen will vor allem das Risikobewusstsein der Küstenbewohner wieder stärken: „Wer ist heute noch auf eine Evakuierung eingestellt? Wer weiß, wo die sieben Sachen sind, die man unbedingt mitnehmen möchte?“, fragt er und greift damit die eindringliche und emotionale Warnung des Geistlichen Conrad Ummen auf, der damals Zeuge der Flutkatastrophe war und seine Aufzeichnungen über die Weihnachtsflut des Jahres 1717 mit den Worten schloss:

          Ach möchte diese Schrift auf späte Zeiten währen!
          Ach möchte dieses Blatt doch gleich dem Marmor seyn!
          So würde Kindes Kind hieraus mit Thränen lesen/
          Wie groß dein Angst-Geschrey/mein Vaterland/gewesen.

 

 

Der folgende Artikel wurde dem Buch "Spiegelbilder einer alten Stadt" entnommen. Es wurde anläßlich des 725-jährigen Stadtjubiläums im Jahre 2007 durch Robert Friedrich und Helmut Jacobs herausgegeben.

Wilster, der Mittelpunkt der Wilstermarsch, kann 2007 als Stadt auf ein Alter von 725 Jahren zurückblicken. Als Dorf ist Wilster viel älter. Bereits 1139 wird von einem Ort nahe dem Fluss Wilstra, der uns bekannten Wilster-Au, berichtet. Eingebettet in eine morastige, damals kaum zugängliche Marschlandschaft, ist die Wilsterau Ausgangspunkt und Entwicklungsader der Wilsterschen Siedlungsgeschichte zugleich. Während ihre höher gelegenen Uferwälle ausreichend Schutz vor Überschwemmungen boten, war ihr Wasser bis in das 19. Jahrhundert das mit Abstand wichtigste Verkehrstransportmittel. Die Wilsterau besaß somit vom Mittelalter bis in die Neuzeit eine Schlüsselfunktion für den Aufstieg Wilsters zu einem blühenden regionalen Schifffahrts- und Handelszentrum für landwirtschaftliche Produkte.

Funde beweisen, dass bereits vor Christi Geburt die Hochmoor- und Randgebiete der Marsch besiedelt waren und dass kühne Siedler sich auf hohen Wurten in der Marsch behaupteten. Vermutlich ist Wilster eine alte sächsische Siedlung, die bereits vorhanden war, als um 1150 die Holländer in die Marsch kamen. Dass die in der Kunst des Deichbaus und der Landentwässerung erfahrenen Holländer eingewandert waren und sowohl Deiche gebaut als auch das Land kultiviert haben, das beweisen sowohl kunstvoll gezogene Gräben als auch Flur- und Familiennamen. Namen wie Hollerstückenweg, Hollerdamm oder Hollerdammsiel und Ortsendungen wie -cop oder -riep verraten holländischen Ursprung.

Das Kirchdorf Wilster
Auf dem linken Ufer der Wilsterau lag um 1163 auf hoher Wurt das Kirchdorf Wilster. In einer Neumünsteraner Klosterurkunde ist aufgeschrieben, dass schon damals eine Kirche an hoher Stelle vorhanden war. Bald dehnte sich die rings um die Kirche, auf der alten Auseite gelegene Siedlung auch auf das rechte Ufer der Au, auf die sogenannte neue Auseite, aus. Die über den Fluss führende Furt wurde durch eine Brücke ersetzt. Die Überwegung heißt heute noch „Op de Göten". Die Wilsterau als Handelsstraße hatte frühe Bedeutung. Um 1260 muss der Handel über Wilsterau und Stör bereits so umfangreich gewesen sein, dass Itzehoe eine starke Konkurrenz erkannte und für sich ein Stapelrecht erwirkte. Die Stadt Itzehoe hatte eine günstige Position, weil sie an den wenigen Stellen gelegen war, wo der Übergang vom Wasser- zum Landweg problemlos möglich war. Stapelrecht bedeutete, dass alle Waren, die auf der Stör transportiert wurden, zunächst in Itzehoe zum Verkauf angeboten werden mussten. Dadurch wurde der Handel der Wilsteraner mit überregionalen Städten - beispielsweise mit Lübeck - durch das Vorkaufsrecht der ltzehoer behindert. Etwas später erhielt auch Hamburg dieses Stapelrecht, sodass Wilsteraner Schiffer von der Störmündung aus gezwungen waren, nach Hamburg zu segeln, um dort ihre Waren auf den Markt zu bringen. Um von diesen Zwängen befreit zu sein und um Privilegien zu erhalten, war Wilster interessiert, das Stadtrecht zu erhalten. Im 13. Jahrhundert gab es viele Stadtgründungen im Holstenland. So erhielten z. B. Itzehoe im Jahre 1238 und Krempe im Jahre 1260 das Stadtrecht. Auch für die aufblühende Wilstermarsch war eine Stadternennung geplant. Es kamen dafür mehrere Orte in Frage.

Wilster wird Stadt
Der damalige Landesherr, Graf Gerhard II. von Holstein, wählte jedoch nicht den ältesten Ort der Marsch, das bereits zur Zeit Karls des Großen im Jahre 809 erwähnte, am Störstrom gelegene Beidenfleth (Badenfliot), sondern Wilster. Die Entscheidung zugunsten des Dorfes Wilster fiel vermutlich, weil es mitten in der Marsch und an der schiffbaren Wilsterau und am Hauptmarschenweg von Dithmarschen nach Itzehoe lag. Dabei haben vermeintlich auch persönliche Beziehungen eine Rolle gespielt. Ritter Marquard von Wilster, der damals gräflicher Vogt von Itzehoe war, soll den Grafen bei seiner Entscheidung aus Verbundenheit zu seinem Geburtsort beeinflusst haben. Es gibt eine Gründungsurkunde vom 8. August 1282, wonach Graf Gerhard von Holstein und Schauenburg den Bewohnern des Dorfes Wilster die Rechte verlieh, die alle Städte im Holstenlande hatten. Als Zeugen wurden angegeben: Ritter Marquard von Wilster, der Burgvogt Emeco von Slecen von Itzehoe, der Ritter Dietrich Höken und andere. In einer zweiten Stadtrechtsverleihungsurkunde vom 10. April 1283 wurde das Stadtrecht in der Weise präzisiert, dass Wilster die Rechte haben sollte, die auch Lübeck und Hamburg hatten (lübsches Stadtrecht). Heutige Großstädte wie z. B. Stuttgart und Düsseldorf hatten noch Stadtrechte und auch die Städte Neumünster, Elmshorn und Pinneberg sind sehr viel jünger.  Als Wilster Stadt wurde, befand man sich in einer Übergangszeit, in der sich all Neues formte. Die bisherige ständische Ordnung, in der jedem Menschen von Geburt an Platz zugewiesen war, zerfiel nach und nach. Hatte man bisher überwiegend auf dem kirchlichen oder weltlichen Gutsherrschaften gelebt, so entstand mit der Herausbildung von Städten ein neues Machtpotenzial, denn die städtische Bevölkerung - Kaufleute und Handwerker - wollte sich selbst regieren. Deutlicher Ausdruck neuen städtischen Selbstbewusstseins war die Hanse, die 1241 formal zwischen Lübeck und Hamburg gegründet wurde. Praktisch alle bedeutsamen Städte im Norden schlossen sich im Laufe der nächsten Jahre diesem Bund an, der dann in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts seine größte Bedeutung erlangte.

Wilsters lebte von und mit der Wilster-Au
Die Stadt Wilster hatte zu dieser Zeit etwa 400 Einwohner und war von der Außenwelt abgeschnitten. Nicht nur, dass eine morastige, damals kaum zugängliche Marschenlandschaft Wilster umgab, auch verschiedene Wasserläufe, die das junge Stadtgebiet geschlossen umgaben, erschwerten den Zugang nach Wilster. Während die Stadt selbst durch die Wilsterau in zwei Bereiche geteilt war, in die so genannte „Alte und Neue Seite", waren diese beiden Stadtteile zusätzlich von zwei Burggräben umgeben. Der ältere, der vermutlich einem schon vorhanden Wasserlauf folgte, umschloss im Nordwesten die „Alte Seite“, der neue Burggraben oder Bäckerstraße hingegen grenzte die nach Südosten liegende, weitaus größere „Neue Seite" zusammen mit der Auschleife ab. Anders als in den meisten anderen Städten des Mittelalters konnte daher in Wilster auf eine Befestigungsmauer verzichtet werden. Die Gewässer boten jedoch doch nicht allein Schutz und Begrenzung, sondern zugleich auch Zugangsmöglichkeiten, wobei die schiffbare Wilsterau für das mehr zu Wasser als zu Lande Handel treibende Wilster als Verkehrsweg eine wesentliche Rolle spielte. Der Wasserweg war bis ins späte 19. Jahrhundert die wichtigste Verkehrsanbindung für die Stadt Wilster, denn die Landwege waren nicht sehr zahlreich und außerdem nur in trockenen Jahreszeiten (die bei uns, wie wir wissen, manchmal gar nicht so trocken sind) zu benutzen. Zu anderen Zeiten musste man selbst vor leichte Wagen schon vier Pferde spannen, um den weichen Untergrund befahren zu können. Auch die häufig überschwemmten und sumpfigen Ländereien um die Bekau stellten mehrere Jahrhunderte lang ein Hindernis dar, um auf dem Landwege zum Beispiel von Wilster nach Itzehoe zu gelangen.

Wilsters Schiffe und Blütezeiten
Zur Zeit der Stadtgründung hatte Wilster die meisten Schiffe im Amt Steinburg. Die Anzahl an Schiffen war immer unterschiedlich. 1597 gab es 26 Schiffe. In Itzehoe waren es 22 und in Krempe 19 Schiffe. 1712 waren es nur drei Schiffe und 8 Kähne. 1803 besaßen Wilsteraner 40 größere und kleinere Schiffe. Über die Wilsterau konnte sogar Burg und der Kudensee erreicht werden. Dort am Oberlauf der Wilsterau nahe Burg hat es vor 1900 sogar eine Werft gegeben. Die Blütezeit der Stadt im späten 18. Jahrhundert lässt sich an der Entstehung der noch erhaltenen großbürgerlichen Häuser ablesen (z. B. heutiges Rathaus) und am Bau der Kirche, die vom für seine Zeit bedeutendsten Baumeister Ernst Georg Sonnin 1775 bis 1780 errichtet wurde. Aus dem 18. Jahrhundert wird berichtet, dass Wilster zwar noch immer keine Poststation habe, dass es dennoch „ein blühender Handelsort" war, dessen Schiffe sich „selbst auf den Ozean hinaus wagten." Um 1900 war Wilster noch immer Heimatort einer großen Flotte von kleinen Küstenseglern. Über 100 Schiffe waren in Wilster beheimatet und es gab eine Werft. Aber für den Schiffsverkehr gab es keine Möglichkeit der Entwicklung: Die alte Sielschleuse in Kasenort war in ihren Abmessungen so begrenzt, dass nur Schiffe mit einer maximalen Breite  von ca. 4,2 m passieren konnten. Somit stand diese Schleuse der weiteren Entwicklung der Schifffahrt - dem Trend zu größeren Schiffen - im Wege.

Überschwemmung in Wilster
Am frühen Morgen des 6. Septembers 1920 ertönte in der Stadt Feueralarm. Es handelte sich aber nicht um Feuersnot, sondern um eine Überschwemmungsgefahr. Die Segelschute „Pirat" war in der Kasenorter Deichschleuse stecken geblieben. Die Fluttore konnten nicht mehr geschlossen werden. Das Störwasser, das bei dem stürmischen Westwind einen hohen Stand erreichte, strömte ungehindert in die Wilsterau und überschwemmte nicht nur die Niederungen, sondern trat auch über die Deiche, sodass für Wilster und die Wilstermarsch eine schwere Gefahr bestand. In Bischof und Kathen standen die Außendeiche und Wege unter Wasser. Die städtischen Gemüseländereien auf dem Brook und das Vogelstangengebiet, sämtliche Wiesen am Audeich auf der Stadtseite und bei der Rumflether Mühle glichen Seen. Das Vieh konnte in Sicherheit gebracht werden. Am Audeich wurden Verstärkungsarbeiten vorgenommen, um ein weiteres Abfließen des Wassers in die Marsch zu verhüten. Vom Burggraben aus floss das Wasser in die Bahnhofstraße, umflutete das Postamt in der Taggstraße und bedeckte auch bald den Colosseumplatz und die Weiden von Schütt und Thumann. Beim Postamt wurden Notbrücken errichtet. In das Dianabad gelangten die Einwohner mittels einer Leiter. Kellerwohnungen, Keller und Pferdeställe mussten geräumt werden. Schweine schwammen in ihren Ställen im Wasser. In der Rathausstraße schwammen die Enten. Zum Glück gelang es nach großer Anstrengung, das Schiff in der Schleuse unter Wasser zu drücken, sodass es in die Au getrieben werden konnte. Das Schiff, das schwer gelitten hatte, saß mit dem Heck zwar noch in der Schleuse, aber die Fluttore konnten geschlossen werden. Eine weitere Tide hätte verhängnisvoll gewirkt. Das Wasser wäre dann vermutlich in die Moorgebiete gelangt und wäre nur schwer wieder abgeflossen. Der 1912 in Holland gebaute Segler „Pirat" konnte geborgen werden.

Wilsters Weg in die Neuzeit
Nach diesem Vorfall entschieden sich die Stadtväter gegen die Empfehlung der preußischen Wasserbaubehörden für den Bau einer neuen sieben Meter breiten Schleuse, die 1925/26 erbaut wurde und noch heute steht. Leider kam jedoch diese Maßnahme zu spät, denn der ehemals traditionsreiche Verkehrsweg Wilsterau wurde aufgrund der allgemeinen Tendenz - zunächst zum Schienen-, dann zum Straßenverkehr - als Transportweg bedeutungslos. Der Anschluss an die Industrialisierung indes kam in der Wilstermarsch relativ spät. Hatte man bereits in Itzehoe einige größere Fabriken (Zucker, Zement, Kaffeeersatz), so begann die industrielle Revolution in Wilster erst kurz vor der Jahrhundertwende mit den Lederfabriken in Rumfleth. Ursache für die verspätete Entwicklung kann möglicherweise gewesen sein, dass die Chaussee von Itzehoe nach Brunsbüttel erst 1854 fertig gestellt worden war. Die Marschbahn nach Brunsbüttel konnte erst 1878 in Betrieb gehen. So blieb der Schwerpunkt der Stadt Wilster bis fast in unser Jahrhundert hinein der Landhandel. Die Wilsterau, die mit mehreren (teils künstlich geschaffenen) Armen die Stadt Wilster durchzog, war bis zu dieser Zeit die wichtigste Verbindung mit der Außenwelt. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die meisten Auarme nach und nach zugeschüttet. Der natürliche Zufluss der Wilsterau war seit dem Bau des Nord-Ostsee-Kanals (1895) unterbrochen worden. Das Wasser war zu wenig in Bewegung, die Au verschlickte immer mehr. Wilster hatte keine Kanalisation (noch bis in die sechziger Jahre wurden in Teilen der Stadt die „Goldeimer" benutzt) und als auch noch eine Typhus-Epidemie die Stadt heimsuchte, wurden die aus heutiger Sicht bedauerlichen Entscheidungen für das Verfüllen der Wilsterau getroffen. 1965 gab die Firma Günter und Co ihr Futtermittelwerk in der Rumflether Straße auf und verlagerte es nach Schleswig. Es gingen zum einen viele Arbeitsplätze verloren und zum anderen hatte sich damit der Lastschiffverkehr erledigt. Schon seit mehr als 40 Jahren ist in Wilster kein Schiff mehr be- oder entladen worden. Nur im Winter sah man noch eine Zeit lang die Binnenschiffe der Wilsteraner Schiffer, die in Wilster oder in Kasenort in den Wintermonaten auflagen. Aber auch damit ist es schon seit einigen Jahren vorbei. In den 90er Jahren ist versucht worden, die Wilsterau mit Freizeitverkehr zu beleben. In Kasenort wurde die alte Schleuse unter hohem finanziellen Aufwand mit EU-Mitteln so saniert, dass es wieder möglich ist, Sportboote bei jedem Wasserstand in die oder aus der Stör zu schleusen. Leider war der Aufwand vergebens, weil kaum Schleusungen erfolgen. Für das kleine Fahrgastschiff "Aukieker" wurden mehrere kostspielige Anlegestellen mit Hilfe von EU-Mitteln gebaut. Gern benutzen auch Kinder im Sommer diese Anlegeeinrichtungen. Sie springen von dort in die Au, um zu baden.

Robert Friedrichs / Helmut Jacobs

Villa Schütt

Im Jahre 1897 der Wilsteraner Fabrikant Marcus Schütt, Mitinhaber der in Rumfleth gelegenen Lederwerke „Falk & Schütt“, die repräsentative Jugendstil-Villa errichten. Die Wilsteraner Lederwerke waren um 1900 zeitweilig die größte derartigen Fabrik in Europa. Die Arbeiter mußten 60 Stunden die Woche arbeiten; 1889 kam es wegen des Lohnes und der Arbeitsbedingungen zu einem 24 Wochen dauernden Streik; Ursache war auch der zur Schau gestellte aufwendige Lebensstil der Inhaber der Fabrik.

An dieser Stelle verweisen wir auf den die Website von Peter von Holdt unter "www.mein-wilster.de". Geben Sie dort den Suchbegriff "Villa Schütt" ein. 

Villa Schütt Schauplatz für ZDF-Krimi (WZ 06.12.2017)