Willkommen auf der Website des Förderverein Historische Rathäuser in Wilster e.V.

Wilster
Man konnte zusehen, wie das Wasser verschwindet: Innerhalb nur weniger Minuten sank der Pegel der Wilster Au. Das Wasser rauschte mit einer Geschwindigkeit von zwei Kubikmetern in der Sekunde in die Stör. Zum Vergleich: Das entspricht in jeder Sekunde sechs gut gefüllten Badewannen. Der Probelauf für das neue vom Deich- und Hauptsielverband betriebene Schöpfwerk in der Schleuse Kasenort ist gelungen. Per symbolischem Knopfdruck hatte der stellvertretende Oberdeichgraf Peter Beimgraben die Anlage in Marsch gesetzt. Die von Wasserbauern auch „dicke Berta“ genannte Hochleistungspumpe soll immer dann zum Einsatz kommen, wenn die Au bei anhaltendem Starkregen überzulaufen droht.

In den nächsten Tagen wird mit Hilfe der Pumpe aber auch das dafür eigens abgeschottete Schleusenbauwerk trockengelegt, um mit der Sanierung des fast 100 Jahre alten Industriedenkmals fortfahren zu können.

Laut Bauamtsleiter Roman Stöckmann fließen 2,4 Millionen Euro in Sanierung und neues Schöpfwerk. „Eine tüchtige Summe“, so Verena Böhnke vom Landesamt für Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt, steuere mit gut 1,15 Millionen Euro das Land bei. An der Stadt Wilster als Eigentümerin der Schleuse bleiben nach Rechnung von Bürgermeister Walter Schulz etwa 25 Prozent der Kosten hängen. Stöckmann und Schulz freuen sich, dass bei dem aufwendigen Wasserbauprojekt zahlreiche heimische Firmen zum Zuge gekommen sind. Neben Peters Borsfleth sind die Wilsteraner Ingenieurgesellschaft Lindemann und der Itzehoer Elektromaschinenbauer Harald Suschke beteiligt. Letzterer sorgt dafür, dass die über einen eigens installierten Transformator betriebene Pumpenanlage sicher mit 400 Volt läuft.

Im nächsten Schritt soll nun das erste Stemmtorpaar der Schleuse ausgebaut und saniert werden. Inwieweit das betagte Mauerwerk saniert werden muss, wird sich erst nach Trockenlegung zeigen. Bis in den Herbst hinein sind dann auch keine Schiffspassagen möglich. Im nächsten Jahr kommt das andere Torpaar dran – voraussichtlich ohne Einschränkungen für den Schiffsbetrieb.

Nach Schätzung aller Beteiligten ist die Marsch mit dem neuen Schöpfwerk für die nächsten Jahre gerüstet. Bei Bedarf könnte auf den anderen Schleusenseite aber auch noch eine weitere Pumpe eingebaut werden.

Volker Mehmel

Pumpe für neues Schöpfwerk im Kasenorter Industriedenkmal ist installiert / Im April wird die Schleuse trockengelegt (WZ 23.03.2018)
Wilster

Foto: Roman Stöckmann

Das neue Herzstück der Schleuse Kasenort ist installiert. In dieser Woche wurde die tonnenschwere Hochleistungspumpe für das neue Schöpfwerk eingebaut. Nächste Woche soll es mit einem feierlichen Knopfdruck einen Probelauf geben. Der erste Bauabschnitt zur Grundsanierung des Industriedenkmals, das seit fast 100 Jahren die Wassermassen zwischen Wilster Au und Stör reguliert und für einen reibungslosen Schiffsverkehr sorgt, ist damit rechtzeitig zur Jahresversammlung des Fördervereins für den Erhalt von Schleuse und Wilster Au fertig geworden. Mit dem in den historischen Baukörper integrierten Entlastungsschöpfwerk können bei Bedarf bis zu zwei Kubikmeter Wasser pro Sekunde aus der Au gepumpt werden. Die endgültige Fertigstellung soll 2020 mit einem großen Schleusenfest gefeiert werden.

„Es war ein schwieriges Unterfangen“, fasste Wilsters Bürgermeister Walter Schulz die langjährigen Vorarbeiten zusammen und würdigte dabei das Engagement des Fördervereins. Nicht ohne Überraschungen liefen dann auch die bisherigen Bauarbeiten, wie Roman Stöckmann vom Bauamt Wilstermarsch anschaulich mit Bildern verdeutlichte. Immer wieder hatten die Mitarbeiter der auf Wasserbauten spezialisierten Borsflether Firma Peters mit zunächst unerklärlichen Wassereinbrüchen hinter eigens installierten Spundwänden zu kämpfen. Immer wieder mussten Taucher Ursachenforschung betreiben und Abdichtungen vornehmen. Kuriosum am Rande: Eine auf einer angrenzenden Rasenfläche abgelegte Pumpe versank unvermittelt gut zwei Meter tief im Erdreich. Hier hatte sich ein Hohlraum gebildet. „Da hätte ein halber Smart reingepasst“, so Stöckmann.

Am Ende liefen die Arbeiten dann aber nach Plan. Durch den den historischen Umlaufkanal wurde mit viel Aufwand eine Rohrleitung gezogen. Am Ende zur Wilster-Au-Seite hin sitzt nun die neue Pumpe, die über einen eigens errichteten Transformator mit Strom versorgt wird. Laut Stöckmann kommt sie immer dann zum Einsatz, wenn die Au einen Wasserspiegel von mehr als 4,80 Meter aufweist und weitere Regenmengen drohen. Er sprach von einer „Lebensversicherung für die Menschen in der Wilstermarsch“. Mit Blick auf Klimawandel und immer häufigere Starkregenereignisse meinte er: „Wenn alle Pumpen in der Marsch laufen und wir dann auch noch die dicke Berta zuschalten können, haben wir das System im Griff.“ Ab übernächster Woche soll die eigentliche Schleuse trockengelegt werden. „Wir wissen noch nicht, was uns dann erwartet“, ist Stöckmann angesichts des hohen Alters des unter Denkmalschutz stehenden Bauwerks gespannt.

Fördervereins-Vorsitzender Reinhard Bunge machte deutlich, dass die Arbeit für die aktuell knapp 90 Vereinsmitglieder mit der Sanierung der in städtischem Eigentum befindlichen Schleuse nicht beendet ist. Erklärtes Ziel bleibt weiterhin der Kampf gegen die Verschlickung der Wilster Au, die möglichst auch künftig schiffbar bleiben soll. Bei diesem Thema, so Bunge, würden die Gespräche mit dem Land derzeit allerdings ruhen. Er erinnerte auch an das touristische Potenzial von Au und Schleuse. Amtsvorsteher Helmut Sievers wies in diesem Zusammenhang auf Pläne für eine Studie hin, mit der die Wertschöpfungs-Möglichkeiten der Au für die gesamte Region untersucht werden soll. „Dann können wir die Au nicht einfach nur der Natur überlassen“, betonte auch Sievers weiteren Handlungsbedarf.

Volker Mehmel

Zeitungsbericht Wilstersche Zeitung vom 25.08.2017
Schleuse Kasenort: Taucher tastet sich an der Sohle voran
Arbeiten für das Pumpwerk liegen gut in der Zeit
Wilster

Eine mit Spundwänden umgebene Baugrube der besonderen Art an der Schleuse Kasenort: Dort ist zurzeit Taucher Damir Nanic vom Tauchunternehmen Wittmann aus Henstedt-Ulzburg damit beschäftigt, das Bauwerk zu untersuchen und Vorkehrungen zu treffen, um die spätere Sohle für das in dem Bereich geplante Pumpwerk einzusetzen. „Vieles, was dort gemacht wird, ist nur über Tasten möglich“, erklärte Roman Stöckmann, Leiter Technisches Bauamt im Amt Wilstermarsch.

Mit einer ersten Baubesichtigung, an der Vertreter von Stadt Wilster, Deich- und Hauptsielverband Wilstermarsch sowie Förderverein Wilster-Au und Schleuse, des Bauunternehmens Petersbau Borsfleth und des Ingenieurbüros Lindemann und Ulrich Wilster teilnahmen, gab Stöckmann die erste Zwischenbilanz. Drei Jahre wird das Bauprojekt dauern, in dessen Verlauf zunächst das Schöpfwerk durch den Deich- und Hauptsielverband eingebaut wird. Geschätzte Kosten: etwa 1 Million Euro. Die Arbeiten dafür werden im Dezember abgeschlossen sein, allerdings gibt es eine Verzögerung bei der Lieferung der Pumpe. Die beauftragte Firma habe volle Auftragsbücher, die Lieferung der Pumpe für Kasenort sei für Januar 2018 zugesagt, so Stöckmann. Das sei nicht schlimm, sie könne auch nass eingebaut werden. Und es bliebe noch der Februar für Testläufe. Schwieriger würde es, wenn die Pumpe eingebaut würde und umgehend zum Einsatz kommen müsste. Denn: Im Frühjahr 2018 soll der zweite Bauabschnitt starten: die Schleusensanierung, für die die Stadt als Eigentümerin Auftraggeber ist. Hier wird von Kosten in Höhe von rund 1,2 Millionen Euro ausgegangen. Der Schleusenbereich werde trocken gelegt, die Arbeiten würden dann den gesamten Sommer in Anspruch nehmen. „Wir wissen noch nicht, was uns bei der Trockenlegung erwartet“, sagte Stöckmann. Es werde vieles geben, was „wir noch nicht sehen können“. Er geht davon aus, dass es Schäden gibt, fraglich bleibe, wie groß diese seien. Prognosen Richtung Schiffbarkeit der Schleuse nach der Trockenlegung will Stöckmann darum auch noch nicht geben. Er geht davon aus, dass dies erst Anfang nächsten Sommers möglich sein wird.

Eine zeitliche und auch finanzielle Unbekannte bilde derzeit der Tauchereinsatz. Es sei eine große Herausforderung, in dem trüben Wasser alles so vorzubereiten, dass eine wasserdichte Anbindung des Schöpfwerkes an das alte Bauwerk hergestellt werden kann. Zurzeit werden die Vorbereitungen getroffen, die spätere Bauwerkssohle einzusetzen. „Wir haben ein gutes Team draußen“, betonte Stöckmann. Der Taucher taste sich Schritt für Schritt voran. „Eine sehr mühsame Arbeit.“ Was der Taucher erfühlt, muss an Land als Konstrukt visualisiert werden. Stöckmann: „Geduld ist hier das Maß der Dinge.“

Ausführlich erläuterte Roman Stöckmann weitere technische Details zum Schöpfwerkbau und zur schrittweisen Sanierung der Schleusentore. Nächstes Jahr soll das erste Paar, das Jahr darauf das zweite Paar ausgebaut und bearbeitet werden. Je nachdem wie die Arbeiten vorankommen, könnten vielleicht sogar beide Tor-Paare nächstes Jahr instandgesetzt werden. Im dritten Bauabschnitt 2019 würden dann nur noch Restarbeiten ausstehen. Dann haben Stadt und Deich- und Hauptsielverband einen entscheidenden Schritt zum besseren Hochwasserschutz der Wilstermarsch getan.

Deichgraf Klaus-Peter Krey dankte ebenso wie Bürgermeister Walter Schulz Roman Stöckmann für die ausführliche Baubesprechung – in etwa zwei Monaten wollen sich die Beteiligten erneut treffen, um so die Arbeiten intensiv zu begleiten. Ein Projekt, das übrigens für den Förderverein Wilster-Au und Schleuse ein ganz entscheidendes ist, wie dessen Vorsitzender Reinhard Bunge betonte. „Eine intelligente Lösung, wichtig nicht nur für Wilster, sondern für die ganze Wilstermarsch!“, fügte er hinzu. Die Schleusensanierung sei immer ein Ziel des Vereins gewesen, schon unter Bunges Vorgänger im Vorstandsamt, Willi Gilde. „Wir haben uns dann ja auch an den Planungskosten beteiligt“, fügte Reinhard Bunge hinzu. Der Vereinsbeschluss: ein Planungszuschuss von zehn Prozent oder maximal 6000 Euro. Großes Lob richtete Bunge an die Bauabteilung des Amtes, die auch Fördermöglichkeiten durch das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) für das Projekt eruiert hatte.
Ilke Rosenburg
 

In seinem vierbändigem Werk "Denckmahl von den hohen Wasser Fluthen - 1717-1725" hat der Schulrektor und Chronist Gregorius Culemann die Folgen der verheerenden Weihnachtsflut vor genau 300 Jahren ausführlich beschrieben. Der Wilsteraner Hans-Peter-Micheel hat die Bücher gesichtet und Auszüge aus authentischen Besschreibungen zusammengestellt - wortgetreu in der Spache der damaligen Zeit (Anmerkung: Eine Übersetzung der historischen Begriffe finden Sie am Ende dieses Artikels).

Die einzelnen Folgen wurden ab 22. Dezember 2017 in der Wilsterschen Zeitung veröffentlicht.

Folge 1:
Die Erste Fluth geschah im Jahre 1717 den 25. Dezember und also bey und mit dem Ausgange des angezogenen Jahres. Der angezeigte 25. Dezember war der Heilige Christ-Tag, oder erste Weynachts-Tag, und kann dieselbige gar wohl und mit Recht genennet werden die Weynachts-Fluth; wie man denn von der Bastell-Abends und Allerheiligen-Fluthallhie zu sagen weiß, weil jene, im Jahre 1625 auf Fastnachten, diese im Jahr 1532 am Allerheiligen Tage ergangen, welche alle beyde (anderer Marschländer nicht zu gedenken) diese Wilster-Marsch fast zu einem wüsten Lande und Unebenen Gefilde gemachet haben. Von der Allerheiligen Fluth ist allhie noch vielen bekandt, der von einem einfälltigen Hausvater in Niedersächsischer, oder plattteutscher Sprache damals gemachter Reim: De Allerhilligen hohe Floth Bringet den Ollendörpern grot Goth.

Merkwürdig ist, dass die bey der vorhergehenden angezeigte Weynachtsfluth auf eine sonderbare, gar unvermutete Art und Weise vorher ist angezeigt worden, fast (obwohl nicht mit so deutlicher Vorstellung und Überzeugung gegen andere) wie die erschreckliche Nordstrandische Überschwemmung, welche im Jahr 1634 zu nacht zwischen den 11. und 12. October am 19. Sonntage nach Trinitatis geschehen und Herr Petrus Clio, aus Flensburg gebürtig, Pastor in dem Kirchspiel Lith auf dem Nordstrande, ein Mann über sechzig Jahren, seinen Pfarrkindern kurz zuvor öffentlich soll verkündigt haben. Was von dieser sogenannten Weihnachts- oder Christfluth in dem Butjadinge Lande, in der Grafschaft Delmenhorst belegen, im Blerer Kirchspiel, von einem Hausmann, dann auch in Ostfriesland zu Dorum, von einem sobenannten Heuersmann mit Namen Heinrich Peters vorher prognosticieret worden, gehe vorbei, weil es in der umständlichen Nachricht von derselben kann nachgelesen werden, und bleibe allein, was davon in unserer Wilstermarsch sich begeben.

Es verhält sich aber mit der angegebenen Anzeige der erwehnten Weynachtsfluthallhie kürzlich also: Ein christlicher Hausvater auf dem Lande gehet nach desselben eigener und beständiger Aussage am 23. Dezember, war der Tag vor den Christabend, um 10 oder 11 Uhr des Abends, da seine Frau, Kinder und Gesinde sich schon zur Ruh begeben hatten, wie er gewohnt, nach seinen Kühen und Pferden in den Kuh- und Pferdestall, um zu sehen, ob solche alle noch im guten Stande, machet abermal auch nach seiner Gewohnheit die Stalltür nach den Osten gegen der Stadt Wilster offen um zu erfahren, ob hier oder da eine Feuers-Brunst, deren von den unterschiedenen Jahren her leider viel gewesen, möchte entstanden sein, wird aber gewahr, dass die Marsch voll Wasser ist, welches ganz hinauf an seine Wurth- oder Hoffstette. Er meynet, dass solches ihm doch nur so vor die Augen komme, und in der Tat also nicht wäre, machet die Thür zu und gehet wieder nach seinen Pferden und Kühen, er kann aber dafür nicht zurechte kommen, oder darin sich nicht finden, desswegen gehet er, ohngefehr nach einer halben Stunde abermal zu der Thür, machet sie auf und siehet das Wasser noch so hoch stehen wie zuvor und zwar über alles hohe Land, so wie es am ersten Christ- oder Weynachtstage mit schnellen, starken, grausamen und entsetzlichen Fluthen hervorbrach und in solche große Höhe anschwoll.
Wenn wir nach diesem Bericht bleiben bey unserem lieben Hollstein, insonderheit unserer Wilstermarsch, und gehen mit unseren Gedanken nur in wenige vorhergehende und zurückgelegte Jahre, so werden wir nicht minder ungezweifelte Zeichen und gewisse Vorboten deren beyden letzten hohen Wasserfluthen antreffen.

Folge 2:
Weihnachtsflut 1717: salßiges Meerwasser in Mannes-Höhe
Es ist aber die droben bey der Zahl angezeigte hohe Wasserflut, so am ersten Christ-oder Weynachts-Tage eingebrochen, an allen Orten nicht zugleich gekommen, sondern, nachdem einige Örter, denen Einbrüchen der Teiche nahe oder auch davon entfernt gewesen, so haben sie dieselbigen ehe oder auch später gesehen und erfahren. In Ecklak und Seedörp, so beyde zu unserer Wilstrischen Gemeinde gehöret und eine starke Meile von der Stadt Wilster liegen, kam sie an dem genannten ersten Christ-Tage des Morgens um 10.00 Uhr. Denn der Elbeteich in Dithmarschen, nahe bei Brunsbüttel durchbrochen, ging die Fluth durch das Eddelacker Kirchspiel und zerriß den Dunden-Teich, drang ein in den Kuden- See, welcher 800 Ruthen lang, und 250 Ruthen breit ist und dadurch so hoch anschwoll, dass das wilde und salßige Meerwasser Mannes-Höhe, wie groß dicke Tonnen gleichsam gewelzelt, durch Seedörp nahe an dem Kuden-See gelegen, über das Ecklaker-Moor (welches weit höher liegt als die übrigen Theile der Marsch, woraus die große und unbeschreibliche Höhe dieser Fluth zu ermessen ist) mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit, gar gewaltigen Brausen und entsetzlichen Geräusche in Ecklak, Ackenböl und daher in die anderen Theile der Marsch von der neuen Seite stürzte, dass die Einwohner dafür sich entsetzten, fürchten, zittern und beben mußten, bevor ab da das salzige Seewasser 4,5,6 bis 7 Fuß hoch in die Häuser kam und an einigen Orten, an welchen die Marsch am niedrigsten ist, 12 bis 16 Fuß hoch auf dem Land stund.

Und weil dabey der Wind aus dem Nord-Westen starck und heftig wehete, wurden die Mauern, Wände und Fenster aus den Häusern ausgerissen und hinweg gespület, dass in theils Häusern nur die Stender und einigen Pfosten überbleiben und bis oben an die Dächer als recht erbärmliches Spectacul ganz offen waren. Da wurden deroselben Einwohner genötigt, zu denen, die auf hohen Wurth-Stetten wohnen und deren Häuser noch unbeschädigt waren, ihrer Zuflucht zu nehmen, wie viel einige gar Kümmerlich nach einigen Tagen erst sind gerettet worden, weil es am Fahr- zeuge gebrach, und soviel Kähne als nöthig waren, nicht sofort angeschafft werden könnten. Darum mußten viele 2, 3, 4, 5, 6 und mehr Tage und Nächte bei großem Brotmangel mit ihren kleinen Kindern sich ganz elendiglich behelffen, bis sie endlich fast ganz erstarret und halb erstorben mit Kähnen sind abgeholet und gerettet worden; viel Vieh musste erbärmlich umkommen und in diesem so großen und wütenden Wasser ersauffen, weil die Flut so gar schnell hereinbrach, und deßhalb nicht gerettet noch beim Leben erhalten werden. Zudem verdarb viel Futter und Heu und Stroh, wie auch ungedroschenen Korn in den Häusern Scheunen und Hümpeln, im gleichen wurden viele Brücken, Stege, Wassermühlen, große und lange Bauhölzer hinweggetrieben, und das eine hie, das andere dorthin, wie es nemlich von dem starken Winde und wütenden Meereswellen hin- und her weg gerissen worden.

Dieser so hohen und gewaltigen Fluth, so wie gesaget aus Dithmarschen durch Eddellack, Dunden-Teich, Kuden- See, über das hohe Ecklaker- Mohr in Seedörp und Ecklak am ersten Christtage des Morgens um 10 Uhr angekommen, bot die Hand und kam demselben entgegen und zu Hülffe die an eben demselben Tage nicht minder starke Fluth aus St. Margerethen, allwo der Elbdeich auch durchgebrochen und das sogenannte Tütermohr von Grund aus mit denen daraufstehenden 5 Häusern hinwegnahm und die darinn wohnende Menschen fast alle ersäuffete.

Diese hohe Fluth vom gedachten Tüter-Mohr nahe bei St-Margarethen, am Elbe- strom gelegen, kam des Morgens um 9.00 Uhr mit den ungestümen Meeres-Wellen auch in unsere Gemeinde und zwar zuerst in der angezeigten Stunde im Nordtorf und folglich in die üblichen Theile der Marsch von der neuen Seite. Da hatte es das Ansehen bey dem Zusammenlauf dieser beyden erzählten Fluthen, als wenn alles überschwemmet und das Garaus mit der Wilstermarsch sollte gespielet werden.

Allhie muß der Erbauung halber, um welcher willen ich alles rede und schreibe, ein besonders Gnadenwerk des Allerhöchsten anmerken; und zwar, dass in dem genannten Nortorp (allwo hoch das Zusammenlaufen dieser beyden so hohen Fluthen aus erwehnten Örtern wolam heftigsten gewesen, weil es wohl fast in derselben Mitte lieget) Gott sei ewiger Dank, nicht ein einziger Mensch umgekommen, als dass nur nachgehend, als einige am Duck-Under mit einem Kahn nach der Kirche fahren wollen, mit dem starken Überfluß des Wassers derselbe voll Wasser gelauffen, einer aus ihnen mit Namen Johann Reher aus Ackenböl aus dem Kahn gestürzt und weil der starke Strohm ihn gar bald weit hinweg gerissen, nicht gerettet werden können. Diese erwehnte hohe Fluth kam imgleichen an dem ersten Christ- oder Weih- nachtstage des Morgens zwischen 3 und 4 Uhr in St. Margarethen und drang durch das erwehnte Tütermohr in den Büttel und in andere Theile der Wilstermarsch von derselben Seite. Den tag vorher, war der heilige Christabend, stürmte der Nordwestwind bei starkem Regen gar sehr, dass das Wasser in eine erschreckliche Höhe anwuchs. 

Folge 3:
Weihnachtsflut 1717: Das Wasser stürzte bergeweise vom hohen Moor herab

Hierdurch ging diese hohe Flut gerade auf das sogenannte Tütermoor mit Gewalt. Das Wasser stürzte gleichsam bergweise von dem vorgedachten hohen Mohr herab, riß das vorgenannte Tüter-Mohr bey 25 Ruthen lang von Grund aus hinweg, zugleich auch die auf demselben stehenden 5 Häuser, in welchen Heinrich Hebel, Drewes Fink, Melchert Ramm, Clas Detlefs und Johann Becker wohnten, die aber fast alle mit Haus, Vieh und den lieben Jhrigen erbärmlich ertrunken.

Und zwar: Hinrich Hebel mit seiner Frau und noch einer Frauensperson, welche gesegneten Leibes gewesen, Drewes Fink mit seiner Frau und zwei kleinen Söhnen, Clas Detlefs mit seiner Frau und zweien Kindern, der Vater Clas Detlefs ist auf einem Großen Mohrbult8 weggetrieben, weit schneller und geschwinder als ein Pferd laufen kann, bis in Nordbüttel. Und da er sich einige Hoffnung gemacht, daß er sein Leben retten könnte, tut er von dem großen Mohrbult9 einen unglücklichen Sprung in einen tiefen Graben und muß daher seinen Geist aufgeben, Johann Becker, Frau und 3 Kin- der, und Jacob Widderichs im Aussen-Deiche wohnhaft, zwei Kinder, wovon das eine bei Brockdorf angetrieben und daselbst begraben worden. Daneben sind zwei Häuser in Büttel, noch zwei in der Kirchducht10 und vier in der Heideducht weg getrieben. Die Einwohner derselben aber sind alle gerettet und keiner davon ertrunken.

Von dem Mohrdeiche10 bis an Wefelsfleth sind bei 50 Einbrüche 11 in dem hohen großen Elbteiche gezählet worden, durch welche das Wasser mit der Flut ein- und mit der Ebbe ausgegangen. Dieses geschah auch bey Brockdörp, welches ebenfalls nahe am Elbstrom lieget, allwo diese entsetzliche Flut gleichfalls an dem Christ- oder Weihnachtstage, des Morgens zwischen 3 und 4, mit großem Ungetüm und Geräusch über den hohen Elbdeich stürzete, große, ungeheure Steine von etlichen hundert Pfunden, damit der Elbteich von der Elbseite befestigt ward, mit hinüberbrachte und diesseits des Deiches in die Marsch warf, woraus die große Macht des Wassers bei den starken Sturmwinden zu erkennen...

Um den Mittag, nachdem die Früh- und Hauptpredigt an dem ersten Christtage geendigt, stellte sich diese Wasserfluth auch bey der Stadt Wilster ein, und konnten die Land-Leute, die morgens zur Kirche gekommen und nichts weniger als eine so erschreckliche Fluth vermuten gewesen, nicht alle wieder ohne Kahn zu Hause kommen.

Der Stördeich brach auch an eben demselben oft genannten ersten Christtage durch und fast in gleichen Stunden an sehr vielen Orten zwischen Wefels- und Beidenfleth wie auch Stördörp. In Wefelsfleth brach die hohe Fluth an dem gedachten ersten Christ- oder Weynachtstage des Morgens um 4 Uhr aus dem Osten ins Westen ein, zwischen Hinrich Jannsen und Thomas Ohlhavers Haus und wütete dort erschrecklich. Auf dem Kirchhof machte es ein Loch von ungemeiner Größe, dass so eine Kutsche mit 6 Pferden bespannet, darinn hätte sollen gehalten haben, man dieselbe von der anderen Seite des Kirchhofes darinn nicht würde haben sehen können. Das Loch war über 20 Fuß breit, zwener Männer Länge tief und bei 4 Ruthen lang.

Auch an anderen Oertern ist wegen Einbruch des Wassers der Gottesdienst verhindert worden. Bey und an denen auf dem Kirchhofe zu Wefelsfleth eingegrabenen Todten ist etwas sonderliches und spectaculöses geschehen, dergleichen in den Geschichtbüchern man nicht gar leicht antreffen wird. Nemlich: Fünfzehn bis sechszehn erstorbene große und kleine Leichname sind aus der Erde aus ihren Särgen herausgespület.

In Beydenfleth ist erwehnte Fluth auch durchgebrochen an dem ersten Christ- oder Weihnachtstage des Morgens zwischen 3 und 4 Uhr an unterschiedlichen Orten. Zwischen Wefels- und Beydenfleth sind 22 Deichbrüche gezählet worden, so theils 18 bis 20 Ruthen breit, worunter 4 Grundbrüche, davon einige 20- 24 Fuß tief gewesen. Bey so gestalten Sachen kann man leicht erachten, dass die Gefahr auch allhie nicht geringe muß gewesen sein, indem ein Haus weggetrieben und mit demselben 4 Personen, die alle ertrunken. Das Haus stund auf dem Deiche und war eine Herberge der herumlaufenden fremden Armen, welche ihren gewöhnlichen Aufenthalt in demselben hatten.

Die 4 Personen, welche mit dem vorgedachten Hause sind weggetrieben, sind Annke Scharmakers, eine Witwe von 40 Jahren mit ihren beyden Söhnen, der altere von 10, der jüngere von 9 Jahren und deroselben Hausgenossin Annke Dassaus. Zu diesen 4 Ertrunkenen ist zu zählen Annke Rensen, eine Hüllenmacherin.

Folge 4:
Weihnachtsflut 1717: Der Vater allein ist auf einem Stücke Strohdach gerettet

Ferner sind wunderlich gerettet: Anncke Olands, Dirck Olands, eines Webers Frau auf dem kleinen Kamp, wenn man nach der neuen Mühlen gehen will, welche schwanger gewesen, nach der Errettung aber glücklich entbunden und ein Töchterlein zur Welt geboren, und Hinrich Charlott oder Scherlott, der bey der neuen Mühlen nicht weit von Beydenfleth gewohnet und sich auf das sogenannte Ostenmohr in Dittmarschen zu wohnen begeben. Dessen Frau und 3 Kinder sind daselbst umgekommen. Der Vater allein ist auf einem Stücke Strohdach gerettet und beim Leben erhalten worden.

In Stördorf kam ein großer und starker Grundbruch, 10 Ruthen breit, 12 Ruthen lang und über 24 Fuß tief, durch welchen das Wasser durch das genannte Stördörp in Bischopp, über den Steindamm, in Hackeboe, Niendorp, Sachsenbande und Moorhusen drang; viel Wasser blieb davon auf dem Lande stehen in Sachsenbande, Niendörp, Moorhusen und zum Theil von Hackeboe einige Wochen nach Johannis, welches von dem von der anderen Seite hereindringenden Wasser sehr groß ward, dass es 4, 5 und mehr Fuß auf dem Lande und in den meisten Häusern stund.

Von Wefelsfleth und Beydenfleth ging es auch in die neue Seite und zwar in Brockdorp, Rote Meer, Campen, Katen, Damfleth, Hohen- und Nienfelde, denn auch Poßfeld usw. Und also brach das ungestüme Meerwasser fast an allen Orten herein, umgab und durchwanderte unsere ganze Marsch, weit grausamer und erschrecklicher als ein wohl und stark gerüstetes Kriegsheer mit dem Getümmel ihrer starken Rosse und dem Gerassel ihrer Wagen und Poltern ihrer Räder. Sintemal dieses so stark und hoch hereindringende Wasser eine solche entsetzliche Fluth machtete, dass es das Ansehen hatte, als wenn beydes das Land und was darinnen ist, und die dörfer nebst der Stadt Wilster und die so darinnenwohnen, sollte hinweggerissen werden. Da fiel aller Muth auf einmal dahin und wurden von Herzen betrübt und verzagt.

Des grossen Gottes unumschränkte Allmachtaber und unergrünliche Gnade ist allezeit unaussprechlich groß, welches wir in diesen so großen Wassersnöthen in der Wahrheit erfahren, indem die meisten, ja fast alle, mit ihrem Hausgeräth und Vieh ganz wunderbarlich gerettet und beim Leben sind erhalten worden. Dieses ist insonderheit begegnet einem Arbeitsmann oder Tageslöhner. Derselbe war an dem ersten Christtage wie in der Früh- also auch in der Mittagspredigt. Nachdem dieselbe geendigt und das Geschrey von der eingebrochenen Wasserfluth seine Ohren erffüllet, ging er mit vollen und starken Schritten aus der Stadt und eilte auf den sogenannten Audeiche nach Hause, fast eine Meile von der Stadt, wich aber, um desto eher die Seinigen zu retten, davon ab über den Wetternwall, welcher damals noch nicht überschwemmt, quer durchs Feld, um seine kranke Frau, die schon einige Jahre her bettlägerig gewesen, sein einziges Kind, seiner Frau zwo Schwestern und derselben alte Mutter, aus gegenwärtiger Wassernoth zu retten, welches ihm auch nach seinem christlichen Vorsatz, ob wol bey starker Prüfung, gelungen. Denn da er zu Hause gekommen und das mit Gewalt hereindringende Wasser in Stiefeln bis an die Knie durchwatet, fand er seine Frau mit dem Kinde im Bette liegend, seiner Frauen Schwester aber nebst gedachter Mutter darin, und die andere von den Schwestern seiner Frau auf dem Tisch (der hohen Wasserfluth zu entgehen) sitzende, und brachte sie alle mit einem Kahn wiewol mit großer Mühe lebendig heraus. Da er aber zum andernmal mit einem kleinen Handkahn hinfährt, etwas von seinem Gut und Vieh zu holen, geschiehet es, dass, da er bereits 2 Kälber in den Kahn gebracht, er mit dem 3. aus den Kahn ins Wasser fällt, und als er dasselbe wieder kriegt und es mit grosser Mühe in den Kahn bringet, fällt er wieder ins Wasser...

Allein, nach der guten Hand seines Gottes über ihn, war er vorher durch das sehr anwachsende und wütende Wasser wieder in sein Häuschen gekommen, und demselben zu entgehen, oben auf den Boden gestiegen, allwo er erfahren musste, dass das Haus bis an den Boden voll Wasser ward, 6 bis 7 Fuß hoch.
An diesem Tage (war der dritte Christ. oder Weynachtstag) fuhren einige von seinen Nachbarn mit Kähnen in dem Dorfe herum, zu sehen, ob sie nicht einem oder andern hüfliche Hand leisten könnten; wie sie aber vor dieses mit Land und Wasser umgebenes Haus Kommen, fahren sie vorbey, weil sie in der Meinung waren, als wenn der in demselben gewohnete Hauswirt schon am ersten Christtage ertrunken wäre, welcher doch, wie gesagt, noch in grosser Gefahr war.

Folge 5:
Weihnachtsflut 1717: Witwe und Kinder in einem Backtrog gerettet

Noch eine Wittwe in der Ecklacker Hören wohnhaft, namentlich Margarete Peters, ist auch mit ihren 4 kleinen Söhnen in grosse Noth bey dieser ersten Fluth gerathen, aber daraus ganz wunderlich gerettet worden. Ein gleiches ist begegnet Steffen Fink, dessen Frau und kleinen Tochter, welche mit der genannten Wittwe in der erwehnten Ecklacker Hören in einem kleinen mit ihren kleinen Söhnen und genanndter Steffen Fink mit seiner Frau und einer kleinen Tochter oben auf dem Boden gar erbärmlich sich behelfen müssen, in ihrer Not ein weißes Tuch oder Laken (welches war das Zeichen grosser Gefahr auf den Dächern) aus und durch das Dach gestecket, sie aber in 3 oder 4 Tagen keine Hülfe gekriegt, bitten sie Gott mit ihren Kindern, dass der ihnen eine wirkliche Hülfe und Rettung schaffen möchte, Die Wittwe Margarete Peters bittet insonderheit um einen Backtrog, in welchem sie sich mit ihren Kindern retten könne.

Was geschieht? Hierauf ist nach ihrem selbst eigenen und beständigen Bericht, ein Backtrog in welchem man das Rockenmehl säuret und knetet, in ihr Häuslein und zwar in die Stube angetrieben kommen. In denselben hat sich gesetzet die Wittwe Margarete Peters mit ihren 4 kleinen Söhnen und Steffen Fink mit seiner Frau und kleinen Tochter und sich wohlbehalten alle, 8 an der Zahl, in Ackenböl angekommen. Der Backtrog ist aus der Süderwisch in Dittmarschen in Ecklacker Hören getrieben, weit über eine Meile Weges und ist derselbe von Clas Peters, in Ackenböl wohnhaft, seinem Eigentumsherrn Jacob Hansen wieder eingehändigt worden.

Da bey St, Margarethen das sogenannte Tütermohr mit denen darauf stehenden 5 Häusern von Grund aus wegtrieb, ist ein Mann mit Namen Melchert Ramm mit seiner Frau und einem Kind wunderlich erhalten. Denn sein Haus war eins von den fünfen, welche von dem gedachten Tütermohr hinweggetrieben. Er, Melchert Ramm, war mit seinem Hause, Frau und einem Kinde, somit ihm darinnen waren, auf andren Grund und Boden versetzet über vier wol fünfhundert Ruthen, eine Ruthe zu 16 Fuß oder 8 Ellen gerechnet, und wurden alle in dem soweit getriebenen Hause beym Leben erhalten...

Noch ein Mann, mit Namen Johann Becker, ingleichen ein gewesener Einwohner auf dem oft gedachten Tüter-Mohr, trieb auf einem großen Mohrbult, im bloßen Hembde sitzend, von dem ersten Christentage an in dem wilden Meerwasser weit und breit herum, bis er endlich an dem dritten Weynacht- Tage von dem vorerwehnten Hinrich Vollstede in dem Büttel, wie bereits gesagtwohnend, mit und auf einem Pferde, fast halb todt ist gerettet und in sein Haus gebracht worden. Dessen Frau aber und drey Kinder sind ertrunken. Die Frau ist nach einigen Wochen todt gefunden worden, nicht aber die Kinder.

Folge 6:
Nach der Weihnachtsflut kam im Februar das nächste Hochwasser

Da die erste Fluth etwas vorbei und abgenommen und er wieder nach dem Dunden, daher er mit, in und auf seinem Hause, oder vielmehr Stücke desselben, war getrieben, mit seiner Frau und zweyen Kindern frisch und gesund wohlbehalten gekommen, ist er bey seinem vorigen Nachbarn Claß Palsen eingezogen, in Meinung, bey demselben so lange zu verbleiben, bis die Wassernoth gänzlich vorbey und ihm wieder Hilfe verschafft werden mögte. Diese andere Fluth aber, welche in Eddelack bey drey Fuß höher war als die erste, nahm auch dieses Haushinweg und ward mit allen Einwohnern, 8 an der Zahl, als Peter Feldmann mit seiner Frau und zweyen Kindern, nemlich einem Sohn und einer Tochter, über den Kudensee ans Land gesetzet, nahe an dem Orte, da Harmen Blome wohnet.

Hier erfuhr insonderheit Peter Feldmann mit seiner Frau und zweyen Kindern, die nun zum andernmal eine so herrliche, allmächtige, gnadenreiche Hülfe des Allerhöchsten an ihnen selbst erfahren, dass die Güte und Barmherzigkeit des Herrn kein Ende habe, sondern alle Morgen neu und seine Treue groß sei.
Allein mitten im Zorn gedachte der liebe Gott an seine Gnade. Denn in der ersten Fluth ist in Seedörp nur eine betagte Frau ertrunken, deren Ehemann Claß Blome, noch lebet. In der andern Fluth ist in dem gedachten Seedörp nur ein einiges Kind umgekommen. In dem benachbarten Kirchspiel Brunsbüttel sollen in der ersten Fluth 173, in dem Kirchspiel Eddelack 38 Personen ertrunken sein, in der letzten Fluth ist zu Eddelack nur ein Sohn ohngefehr von 17 Jahren umgekommen.

Sonsten haben diese beyden in aller Kürze beschriebenen hohen Wasserfluthen nicht allein grossen, da unaussprechlichen Schaden verursacht an beweg- und unbeweglichen Gütern, sondern auch ein ganz erbärmliches Spectacul denen Einwohnern hiesiger Marsch, insonderheit denen, welche nahe am Elbestrom oder Kudensee wohnen, gezeiget.

Was bey der ersten Fluth in Wewelsfleth geschehen an denen in und auf dem Kirchhofe daselbst vergrabenen Todtenkörper, wie deren viele weggespület aus ihren Gräbern, einer auf den Stacketen ohne Kopf und Füsse behangen blieben, ist bereits drobenbey der 31. ( Seite 12), und folgenden Zahlen erzählet worden. Welches denn in Wahrheit einganz erbarmenswürdiges Spectacul muß anzusehen gewesen sein.

Und deswegen kann allhie nicht vorbey gehen, was für ein schweres Gericht ebenfalls in Seedörp, Ecklack, St. Margarethen und Brokdorf an Menschen und Vieh ist geschehen worden. Viele Todtenkörper, grosse und kleine, sind in benennten Oertern, insonderheit in Seedörp und im Kirchspiel St. Margarethen, wovon auch Wefelsfleth nicht ausgenommen ist, angetrieben und daselbst gefunden worden.Einige davon, weil sie noch gehandhabet werden können, sind in Särge gelegt und auf die Kirchhöfe begraben worden; einige aber in massen sie eine geraume Zeit in dem Wasser und unter dem Eise gelegen haben, an dem Orte, wo sie gefunden, in die vorhandene Erde verscharret werden müssen.

Hie sind die Kinder von ihren Eltern, die Eltern von ihren Kindern, ein Ehegatte, Freund von demandern durch dies recht wütende Wasser gekommen. Und darum beweinen hie die übriggebliebenen Kinder ihre ertrunkenen Eltern, die übriggebliebenen Eltern ihre ertrunkenen Kinder, dort eine übriggebliebene Ehefrau ihren lieben Mann seine liebe Ehefrau, ein anderer seinen Freund, Gut- und Wohltäter.

Folge 7:
Im Sommer nach den Sturmfluten: Krabbenfang in der Stör

Der auf die beyden hohen Wasserfluthen im Jahr 1718 erfolgete Sommer war überaus schön und herrlich, dass auch betagte Leute eines so warmen und trockenen Sommers sich nicht erinnern möchten. Dies ohngeachtet blieb das Wasser auf dem niedtigen Lande bis nach dem heiligen Johannisfest stehen, so desfalls unbesäet liegen bleiben musste; und wuchs auf demselben grob Wassergras, welches zum Futter für das Vieh nicht gar gut war, weil in demselben wenig Kraft und dem ausgedroschenen Stroh nicht gar ungleich war. Auf dem höheren Lande gabe es hin und wieder sehr kahle Weiden wegen der grossen Dürre, denn auch salzigten Meerwassers, so auch auf einigen Örtern ziemlich lange stehen blieb, und also Fruchtbarkeit desselben verhinderte. Hinzu kam, dass die Dürre so sehr zunahm, dass das Wasser fast gar auch aus den Gräben austrocknete und demnach zu unterschiedenen mahlen durch die gesperreten Schlüsen (Schleusen), eingelassen werden musste, dass das Vieh davon konnte getränket werden.

Dieser so schöne und herrliche Sommer konnte nicht anders denn fruchtbar seyn. Denn ob es schon das Ansehen hatte, wie in, also auch gleich nach der Ueberschwemmung dieser Marsch, als wenn darinn zum wenigsten in dem angezeigten Jahre gar keine Saat- oder Erndtezeit seyn würde, sintemahl das Winterkorn als: Rocken,Weizen, Gärsten, Rabsaat fast alles verdarb: So gab der barmherzige Gott doch noch einen guten Segen an Sommerfrüchten als: Sommergärsten, Erbsen, Bohnen, Habern, daran doch unterschiedliche Hausväter einen grossen Mangel hatten und fast nichts einerndteten. Der Buchweizen aber ging allenthalben aus. Die Obstbäume, so in der Ecklack mit den Gärten, darinnen sie stehen, eine ziemliche Weile in der andern Fluth weggetrieben, grüneten und blüheten nicht in dem Frühling schön, sondern gaben auch ihre angenehme Frucht, dass sie als ein recht Wunder des herrn vor unsern Augen waren. Und obschon gar viele Bäume, bey und an denen das salzige Seewasser lang stund, verdorreten; so waren doch die überbliebenen recht fruchtbar, dass ein grosser Segen vom Obst aus der milden Hand unseres himmlischen Vaters uns gegeben ward. Darneben stunden viele in den Gedanken,dass wegen des salzigten Wassers alle Fische in der Aue, Wettern und Graben, so darinn in süssen und frischen Wasser häufig waren, hätten sterben müssen. Allein der allzeit liebreiche liebe himmlische Vater gab in dem angezeigten Jahre den ganzen Sommer und Herbst durch einen so reichen und gesegneten Fischfang, als wol in vielen Jahren nicht gewesen. Es wurden auch Meer- und Elbefische gefangen, als Blütte, Stint, Krabben und dergl. In der Stör wurden viel Krabben und Stint gefangen. Denn auch in der Aue, so nahe bey und durch die Stadt Wilster fliesset, so vor diesem niemals so weit Leute denken können, geschehen. In Seedörp, Ecklak und Ackenböl sind imgleichen Oktober, November und Dezember des 1718ten Jahres, so auch im Januario, Februario, Martio, Aril des 1719ten Jahres in den Graben und denen, durch die hohe Wasserfluthen daselbst gebrochenen und neu gemachten Seen und Rissen viele Stint gefangen, so ebenfalls in dem vorerwehnten Seedörp, Ecklak und Ackenböl vor dem niemals sich begeben. Die zerrissenen und zum guten Teil gar hinweggespülten Teiche (Deiche), als: Der Borlbom, Au- und Elbteich, Wetternwälle und Dämme wurden auch, wegen des langen anhaltenden schönen Wetters, in einen ziemlich guten und haltbaren Stand wieder gebracht.

Folge 8:
Bestes Land wurde auf Jahre hinaus unfruchtbar

Daß auf solche und dergleichen hohe und starke Wasserfluthen und verderbliche Ueberschwemmung allzeit gute und fruchtbare Jahre sollten gefolget sein, wie man imgleichen bey dieser ersten Einrede droben vorgeben will, kann aus allen Exempeln derselben Geschichte nicht erwiesen werden, sondern vielmehr das Gegenteil, dass das salzige Meerwasser fürnemlich das hohe und beste Land auf einige Jahre unfruchtbar gemachet; wie denn auch nach der hohen Fluth, so im Jahre 1354 über die Marschländer ergangen, das Land in 50 Jahren nicht wieder zum Stande gebracht werden. Nach der nordstrandischen Ueberschwemmung, so im Jahr 1634 geschehen, hat das hohe Land allhie in der Wilstermarsch in etlichen Jahren weder Gras noch Korn tragenwollen.

Bleiben wir nur bey den beschriebenen zween hohen Wasserfluthen, wie dieselben absonderlich in die Wilstermarsch eingebrochen, so werden wir befinden, dass dieselbigen sehr schädliche und traurige und Merckmahle hinter sich gelassen. Denn ob zwar ein ziemlich fruchtbarer Sommer darauf erfolget; so haben doch desselben nicht alle sich erfreuen können, sintemahl viele, viele gar nichts ausgesäet und auch nichts eingeerndtet haben, als nur ein wenig grob Wassergraß. Unterschiedliche hatten gar schlecht Sommerkorn fürnemlich in Ecklack, Ackenböl, Nordtörp, Kuschkoppermohr, Poßfeld, Niendörp und Sachsenbande. Nemlichweil der Haber an den erwehnten Oertern gar spät gesäet wurde, in dem das viele Wasser die Aussaat hinderte, konnte derselbe zu seinem Wachstum und Reifenicht kommen. Das Stroh blieb gar klein, der Haber dünn und schmal und hatte wenig oder gar kein Korn. Hier und dort waren auf einigen Stücken nur 20-30 Garben, so ein grosses Elend anzusehen war. Diejenigen, welche vor dien 10, 12,18- 20 Kühe melckten, und davon einen reichen Segen an Butter und Käse hatten, (welches der grösseste Gnadensegen in der Marsch ist.) musten die meisten aus Mangel der Grasweiden verkaufen und behielten nur 5,6,9,10 usw. Die Butter war auch nicht bei allen so gut und wohlschmeckend als vor diesem. Die hohen Weiden waren wegen der anhaltenden Hitze und Wärme ganz dürre. Es wurden lange nicht so viele Kinder geboren als in den vorigen Jahren und an den Kühen erfuhren viele Hausvater in dem nächst folgenden Frühling des 1719. Jahres, wie sie sagen, einen Undegen, dass sie nicht zur gewöhnlichen Zeit kalbeten oder auch die Kälber verwarfen usw.

Was hat aber dieser sogenannte Undegen und Unfruchtbarkeit bey vielen nach sich gezogen? In Wahrheit nichts weiter als viele Jammer, Klagen und bittere Armuth. Hat nicht ein Hauswirt nach dem andern sich in tiefere Schulden setzen und endlich seinen so lang bewohnten Hof verlassen müssen? Ist nicht manniger zum Bettelstab kommen und sammelt izo mit seiner Frau, Kindern und Kindes- kindern dort Brod vor den Thüren? Viele, viele, will wol sagen, fast die meisten, bewohnen ihre Höfe gar schwächlich bey ihren so schweren allgemeinen Marsch- und absonderlichen Hofschulden, die sie sehr drücken und kaum soviel erübrigen, dass sie die Rente abtragen können.

Darauf ging, wie die meisten befürchteteten, das wilde salzige Meerwasser durch dieses große Brack am besagten nun zum dritten mal mit grosser Gewalt und Geschwindigkeit durch Eddelack, Dundenteich, in den Kudensee und aus diesem am 11. Okt. in Seedörp, Ecklack und Ackenböl und kriegten einige das Wasser über 3 Fuß in ihre Häuser. In Ecklack (mehreren Schaden zu verschweigen) wurden die in dem vorigen Sommer von neuem gemachten Wälle zum guten Theil wieder vonander gerissen. In Ackenböl fingen die Einwohner wiederum an, ihre Häuser und Wohnungen mit grosser Beschwerde gegen den kalten Winter traurig zuverlassen; nach etlichen Tagen aber lief das Wasser ziemlich wieder ab, dass sie ihre Häuser bezogen.

Folge 9:
750 Männer aus der Wilstermarsch arbeiten an neuem Deich

So kam dessen letztes Ende demselben ganz unvermuthet. Uns die wir überblieben und annoch leben, zu einer heilsamen Erinnerung, dass wir unsern Todestag und letzte stunde unsers Lebens allezeit vor Augen haben. Um Himmelfahrt, bey der neumonatlichen Springfluth, kam ein ziemlich starcker westlicher Wind aus

Westen und Nordwesten so heftig, dass er auch an unterschiedlichen Oertern Häuser, Scheunen, Windmühlen und Bäume umwehte und in Stücken zerbrach. In dem Kirchspiel Eddelak allein sind bey 10 Häuser umgewehet und über einen Haufen gefallen, dabey doch gottlob kein Mensch an seinem Leibe schaden gelitten, vielweniger umgekommen.

Und ob schon einige mit ihrem Vieh in eines dieser gedachten Häuser sich begeben hatten, so wichen sie doch bald aus demselben nach einem andern, welches höher steht. Ehe sie aber dahin kommen und kaum einige Stückbreit Landes von dem Hause, darin sie gewesen, entfernet, fiel dasselbige über einen Haufen; sie aber blieben alle unbeschädiget und beym Leben. Von dem 26. bis auf den 27. May, waren der Frytag und Sonnaben vor Pfingsten, war der obgedachte Sturm aus dem Westen und Nordwesten überaus stark und häufig, trieb das salzige Meerwasser zum vierten Mal durch das Dittmarscher Brack bei Brunsbüttel in das Eddelacker Feld und aus demselben in den Kudensee, der sich davon so hoch erhob, dass Seedörp abermal überschwemmet und viele einige Fuß hoch das Wasser wieder in ihre Häuser kriegten; und floß von da weiter bis in Ecklack und überschwemmte daselbst das niedrige Land, darauf man mit Kahnen fahren konnte und alles eingesäete Haber ertrunck und zwar auf dreyen Höfen, auf welchen Peter Holm, Peter und Hans Tiedemann wohnten und darüber nicht einen Schaden hatten.

Das aufsteigende und immer zunehmende Wasser aber ist durch Gottes Hilfe vermittelst sorgfältiger und fleißiger Arbeit wieder begriffen, dass das ganze Dorf Ecklack und die an dieselbe grenzende neue Seite nicht abermal davon voll ward, ob es schon 6 bis 7 Fuß hoch hinter Peter Tiedemann Hause stund. Dieses war eine sonderbare und recht handgreifliche Gnade und Wohltat des Allerhöchsten. Denn wäre das Wasser durch Ecklack, Ackenböl und Borlbom in die neue Seite eingedrungen und diese ganze Gegend übergeschwemmet.

Bei St. Margarethen kamen in diesem Sturm am obgemelten Freytag vor Pfingsten 2 grosse Schiffe fest zu sitzen. Eins auf dem Sande, welches am Pfingstabend wieder loskam. Das andere aber kam so nahe ans Land, dass der Schiffer ein Brett vom Schiff auf das hohe grüne Ufer warf und darauf zu Lande gehen konnte.

Um diese Zeit war es, nach denen beschriebenen gefährlichen Umständen, höchstnöthigt, auf die Conservierung dieser Marsch zu dencken. Zuerst wurden die Eingesessenen auf der Neuen und hernachmahls auch auf der Altenseite, und also die ganze Wilstermarsch, einig, hinter Seedorp, zu Osten dem Kudensee, auf dem Mohr einen Nothteich anzulegen, welcher mit der Hülfe Gottes das einlaufende wilde Meerwasser aufhalten sollte und vor demselben gestauet werden könnte. Weil aber der anzulegende Teich (Deich), wenn derselbe das aufsteigende Wasser vor dieser Marsch gäbzlich ab und zurückhalzen sollte, auch auf das Dittmarscher Mohr bis an die sogenannte Geest geschlagen werden musste, so haben die hohen königlichen Komissarien solches gesehen und nach der Besichtigung, soviel mehr wissend, zugestanden. Eben darum fing man an am 31. May, war der Mittwoch nach Pfingsten, denißterwehnten neu anzulegenden Nothteich neu Westen- Seedorp vor dem Kudensee auf dem hohen Mohr aufzuführen. Die im Jahre 1718 weg- und ausgerissene so kostbare Einramm- und Einteichungward in dem darauf folgenden 1719ten Jahre wieder, wie wol an einem anderen Orte, der von der Stelle vorigen Einrammung einige Ruthen weiterins Land war, angefangen. Der Anfang war damit gemacht einige Tage nach Pfingsten. Von der Wilstermarsch arbeiteten auf dieser Seite siebenhundert und fünfzig Mann. 300 Mann mußten täglich Störtkaren fahren und 450 an dem Cajeteich kajedieken und zwar abwechselungsweise.

Es ließ sich damals, wie gesagt, alles recht gut an; allein es veränderte sich gar bald und diese in gar wenigen Stunden. Denn als am 4. Augusti die beyden über das grosse Brack geschlagenen Brücken mit denen auf beyden Seiten eingerammten Riechwänden ganz fertig, so fing man an, den zwischen den beyden Brücken offenen Raum, 22 Fuß breit, 30 Ruthen lang und über 50 Fuß tief, mit Stroh und mit Erde angefüllten Säcken auszufüllen. Zuerst ward gar viel Stroh eingeworfen, dass auch mehr denn funfzig Menschen darauf gingen und stunden, aber wegen des darunter laufenden starken Stroms gar nicht sinken wollte, obgleich viele mit Erden gefüllte Säcke darauf geworfen worden.

Hierzu kam ein aus dem Westen zimlich ungestühmer Wind und starcke Fluth, die unterm Stroh hindurch ins Land ging und gewaltig auf die eingerammten Brücken und so genannten Riechwände stieß.

Folge 10:
Mit Karren voller bloßer Erde werden Löcher im Deich gestopft
Die grossen Unkosten zu geschweigen, da diese in diesem Sommer bis auf den 5. Okt. verlohrene Arbeit der Wilstermarsch allein weit über zehen tausend Reichstaler soll gekostet haben. Dieses wird nur deswegen erinnert, dass man einigermassen möge erkennen, was für exessive Spesen auf diese Einteichung insgesamtangewendet werden müsse.

So viel mir wissend, haben die Arbeiter bey diesem Bau eben keinen grossen Schaden erlitten, nur einen ausgenommen. Dieser war Johann Philipp, ein Tischler aus Beydenfleth. Derselbe wollte über ein Brett gehen, deren viele auf die neuen Brücken geleget waren, dass darauf die Arbeiter hin und her gehen konnten. weil dieses Brett am Ende nicht auf dem Balken lag und der erwehnte Tischler auf demselben fast bis ans Ende gekommen, fiel er hinunter in das Tiefe Brack und das Brett hinter nach. Er war mit dem Kopfe in die sogenannte Mudde oder weiche und schlickigte Erde des Grundes gestürzet und darinnen also ersticket und ertrunken. Dieses geschah am 20. Juli, war der Donnerstag vor dem 7. Sonntage nach Trinitatis. Ohngefehr nach 10 Tagen, nemlich am 31. des erwehnten Monats Juli, war der Monat nach dem 8. Sonntag nach Trinitatis, ward er erst gefunden und hernach zu Brunsbüttel auf dem Kirchhof begraben! Und am 28. Juli ward todt hierhernach Wilster gebracht Hinrich Ballhorn, derbey der dasigen Arbeit natürlichen Todes gestorben und hin bey Abend in der Stille bey gesezet

Nach diesem beschriebenen grossen Elende schlug man doch, wiewol bey nicht geringer Bestürzung, wieder Rath und fassete einen Muth. Dannhero wurden die ausgerissenen und weggetriebenen Bäume, soviel man wiederkriegen konnte, die hie und da hingetrieben und gestrandet, wieder herbey geschaffet, um die zerrissene Brücke wieder zu reparieren und die Einramm- und Einteichung wieder vorzunehmen. Die Einteichung geschah, wie man hier redet, kistenweise, und wurde die blosse Erde in das so tiefe Brack mit Stört- und anderen Karren hineingeschüttet. Mann continuierte mit dieser Arbeit bis Weihnachten; das Brack aber ward nicht allein nicht gestopfet, sondern die angefangene Reparierung, Einramm- und Einteichung wurde in denen im November des 1719. und im Januar und Februar 1720 enstandenen starken Stürmen und gar hoch gehenden Fluten zum Theil von Grund aus herausgerissen, weggespühlet und zernichtet. Vo Kajeteich machte man mehr Staat als von der noch offen- stehenden Einramm- und Einteichung des Bracks, da viele meineten, wenn jene unmöglich, dieser doch Stand halten würde. Diese alles aber war eine ganz vergebliche Hoffnung.

Denn am 12. November entstund ein heftiger Sturm mit ganz erschrecklichen Donner und Blitz, der das Wasser gar hoch antrieb und den gleich erwehnten Kajeteich zunichte machte, Ging auch durch und über den Dundenteich in den Kudensee und aus demselben nun zum fünften Mal in Seedörp. Man an, denselben mit Fleiß zu reparieren und in einen völligen haltbaren Stand aufzuführen, an welcher Arbeit 200 Mann fast Tag und Nacht arbeiteten.

Ohne Schaden ging diese erschreckliche Donnerwetter nicht vorbey. An dem darauffolgenden 13. November schlug es in der Ecklack in Claß Hinzen Wassermühle und zernichtete dieselbige inwendig ganz und gar. Mehrere Schäden sind in dieser Marsch nicht kund geworden. 

Letzte Folge
Geestbewohner und Soldaten halfen
Zum Abschluss unserer Serie fasst Hans-Peter Micheel die Ereignisse von damals noch einmal zusammen.

Historische Aufnahme aus dem Jahre 1896 vom Neubau des Deichsiels in Hollerwettern

Es war mir schon ein großes Bedürfnis, den Lesern dieser Zeitung diese historischen Wahrheiten in authentischer Form zu präsentieren. Die kompletten insgesamt vier Bände kann man im Stadt- und Kreisarchiv Itzehoe einsehen. In diesen alten Dokumenten steckt soviel Wahrheit und Wissen über das Land und Lebens- und Menschenkulturen in der Wilstermarsch. In dieser Schlussbetrachtung möchte ich in der Kurzform einen Überblick geben.

Die Fluten: Die erste Flut geschah im Jahre 1717, am 25. Dezember, dem ersten Weihnachtstag. Daher die Benennung „Weihnachtsflut“. Diese hohe Wasserflut, am Weihnachtstage 1717, ist nicht an allen Orten der Marsch gleichzeitig gekommen. In Ecklak und Seedörp kam die Flut am 1. Weihnachtstag um 10 Uhr. Denn der Elbdeich in Dithmarschen, nahe Brunsbüttel, war durchgebrochen, die Flut lief durch das Eddellaker Kirchspiel, zerriss den Dunden-Deich, drang ein in den Kudensee, der dadurch hoch anschwoll, so dass das wilde, salzige Meerwasser in Mannes-Höhe (ungefähr 1,70 Meter) durch Seedorf über das Ecklaker Moor strömte. Dieses Moor lag höher als Teile des Marschenlandes. Weiter floss es bis nach Ecklak, Ackenböl. Das salzige Flutwasser stand 1,20 bis 2 Meter hoch in den Häusern. An den tiefer liegenden Stellen in der Marsch stand das Wasser 3,50 bis 4,60 Meter im Land. Bei St. Margarethen, am Elbstrom gelegen, kam morgens um 9 Uhr das Wasser mit ungestümen Meeres- wellen. Eine Stunde später nach Nortorf , danach in die neue Seite und überschwemmte diese.
Das Land: Durch die großen Wasserfluten, die lange im Land standen, wurde das Land für die Landwirtschaft unbrauchbar. Als dann später der Sommer mit starker Hitze über das Land kam, entstanden Seuchen, wodurch das Vieh und die Menschen starben oder hungern mussten.
Die Menschen: Durch die schon erwähnten Wasserfluten konnten die Felder nicht bestellt werden. Danach kam eine große Teuerung über das Land, und die Menschen hatten kaum was zu essen und auch kein Geld, um sich etwas zu kaufen.
Die Reparaturen: Ungeachtet der großen Not mussten die Deiche und Brücken zuerst wieder repariert werden. Zu Hilfe kamen die Geestbewohner und die dänischen Soldaten, denn alleine konnten die Marschleute es nicht schaffen.
Das Umfeld: Was können wir aus dieser hohen Wasser- Flut ableiten? Wäre diese vermeidbar gewesen? Im Jahre 1717 wurde die Wilstermarsch/Holstein durch den dänischen König regiert, was bedeutet, die Landwirte mussten Abgaben an das Königreich entrichten. Durch den 30-jährigen Krieg war noch vieles zerstört und die Menschen ausgeraubt worden.
Ein für uns heute bekanntes Straßennetz gab es in der Marsch nicht. Es gab nur unbefestigte Wege, die bei Regenwetter vollkommen durchnässt waren, ein Fahren mit Pferdegespannen war kaum möglich. Daher wurde als sicherer Transportweg der Wasserweg, die Wettern und die Wilster Au gewählt.
Elektrisches Licht und fließendes Wasser gab es zu der Zeit auch noch nicht. Wachskerzen und Öllampen spendeten das Licht. Als Wasser wurde das Regenwasser abgefangen oder auch das Wasser aus den Gräben geschöpft und abgekocht. Telefone und Radios gab es auch nicht. Eine Verständigung war nur auf Sicht möglich.
Da entsteht dann die Frage, wie sollten sich die Menschen bei dieser Sturmflut verständigen? Alle Menschen in der Marsch kannten das Wetter sehr gut und konnten schon erkennen, wann es Sturm geben wird und eine Sturmflut nahen würde. Dennoch kam die Weihnachtsflut so überraschend, weil sich der vorherige Sturm gelegt hatte und es ruhig wurde. Doch danach drehte der Wind sehr schnell auf Nord- West und erreichte die Orkanstärke, und das Land und die Menschen wurden von der einbrechenden Flut überlaufen.
Kann auch im Jahr 2018 so eine Sturmflut die Wilstermarsch erreichen? Es liegt mir fern, Angst zu verbreiten. Denken wir aber zurück an das Jahr 2017 im Oktober. Die Nachrichten und die Zeitungen haben über den Herbststurm „Xavier“ berichtet und die Wilstermarschbewohner haben diesen Herbststurm hautnah miterlebt. Es war der Donnerstag, 5. Oktober 2017 gegen 12,45 Uhr. Der gemeldete Sturm „Xavier“ fegte eineinhalb Stunden über die Wilstermarsch und verwüstete einige Gebäude und entwurzelte Bäume. Durch den starken Niederschlag standen etliche Gräben und Felder unter Wasser. Es war ein Sturmtief aus der Windrichtung West, Nord-West. Der ganze Spuk dauerte 1,5 Stunden und danach war es wieder windstill.
Alle 100 Jahre: Die Wetterkundigen und die Wissenschaftler der Klimaforschung sprechen immer davon, solche Flutkatastrophen gibt es nur alle hundert Jahre einmal. Die letzte verheerende Sturmflut war im Jahre 1962. Also ist 2062 mit der nächsten großen Sturmflut zu rechnen? Wir hier in der Wilstermarsch leben mit dem Wasser und haben die Erfahrung: Wenn alle Wetter zusammen kommen, könnte es eine schwere Sturmflut geben. Dann würden Nordseewasser und Elbewasser so hoch gedrückt, dass die Deiche brechen könnten und die Wilstermarsch unter Wasser steht – auch wenn die Elb- und Küstendeich bis heute auf Grund der Klimaveränderungen erhöht und ausreichend sein sollten.

Hochwasser im Wewelsflether Ortsteil Beesen im Jahr 1963

Anmerkung der (sh:z-)Redaktion: Originalunterlagen findet man im gut sortierten Stadt- und Kreisarchiv in Itzehoe.

Historische Begriffe: Vom Backeltrog bis zu Wurth-Stetten
Viele in den alten Dokumentationen benutzte Begriffe sind aus dem modernen Wortschatz längst verschwunden. Hans-Peter Micheel erklärt einige der in den historischen Texten oder Überlieferungen verwendeten Bezeichnungen.
Auteiche - Damit sind die Au-Deiche an der Wilster Au gemeint.
Backeltrog - Eine längliche hohle Holzschale zum Brotbacken.
Beckteich - Damit ist der Beck- Au- Deich gemeint.
Borlbomteiche - Ein Deich bei Averfleth abzweigend vom Au-Deich.
Böverstenwehr - Eine Flußabsperrung in der Wilster- Au, heute Oberstewehr in Äbtissenwisch.
Dannenhero - Gemeint ist „danach“.
Fuß -
Längenmaß = 0,28954 m .
Rute - Längenmaß = 4,6416 m .
Gattern - Ein Weidetor in der Landwirtschaft.
Grundbrüche - Landabsenkungen in der Marsch.
Kaf - Ein Futtergetreide für das Vieh.
Kuhlengräbern - Totengräber.
Pertinenten - Sachen, Dinge.
Schellstücke - Abfälle nach der Tannenrodung.
Schlüsse - Schleusen.
Stackett-Pforten - Holztüren mit senkrechten Brettern.
Spectacul - Speziell.
Stöpen - Ein Deichdurchfahrt, wird bei Sturmflut geschlossen.
Tütermoor - Ein Ortsteil vom Ort Büttel.
Wurth-Stetten - Warften.