Willkommen auf der Website des Förderverein Historische Rathäuser in Wilster e.V.

An ihrem 633. Gildefest erinnerte die Bürgerschützengilde von 1380 an die Wohltäterfamilien Doos und Michaelsen:
Die Gilde wurde einmal gegründet, vermutlich auf Anregung von Geistlichen, um als christliche Brüder sich gegenseitig zu helfen und nur solche Dinge zu tun, die „zum Ansehen und Nutzen wie zum Heil der Seele dienlich" waren. Die Gildemitglieder unterstützten sich bei Feuer, Deichbrüchen, Überschwemmungen, Viehsterben, Hagelschäden und gegen räuberische Banden.
Die Gilde hatte drei Aufgaben: Gegenseitige Hilfe, kirchlicher Dienst und frohes Festgelage. Die erste Aufgabe fiel im 18. Jahrhundert mit der Einführung der Zwangsbrandkassen, Feuerwehren, Polizei usw. weg. Die zweite Aufgabe verschwand im 16. Jahrhundert mit der Reformation. Es blieb das frohe Festgelage. 1769 hörte die Gilde auf, eine Zweckgilde zu sein. 1796 wurde sie offiziell in eine Schützengesellschaft umgewandelt. Es wäre zu wenig, einmal im Jahr auf einen hölzernen Adler mit der Armbrust zu schießen oder sich nur der Geselligkeit und der Lebensfreude hinzugeben. Die Gilde macht mehr. Durch sie werden viele alte Sitten und Gebräuche bewahrt und auch die plattdeutsche Sprache gepflegt. Durch sie wird die Geschichte der Stadt Wilster lebendig gehalten.

Vor über 50 Jahren hatte jemand die Idee, die Etatsrätin Doos als Wohltäterin der Stadt in den Ablauf der jährlichen Gildefeierlichkeiten einzubinden, damit alle Menschen daran erinnert werden, dass es sie gab.
In Wilster sind zwei Namen zu nennen, denen die Stadt vieles zu verdanken hat: Es sind die Familien Michaelsen und Doos.
Von 1712 – 1748 lebte in Wilster der Dr. der Rechte und Senator der Stadt Johann Heinrich Doos. Sein 1738 geborener Sohn Johann Heinrich (er hieß wie der Vater) Doos war Kanzleirat und späterer Ehemann unserer Etatsrätin. Seine Tochter heiratete den Kanzleirat Johann Diederich Michaelsen. Dieser wurde geboren am 2. Januar 1730 als Sohn des Peter Josua Michaelsen, Regierungs- und Etatsrat in Glückstadt. Er erbte 1756 vom Bruder seiner Mutter Dr. Martin Christian Breide ein großes Anwesen mit Garten am Kirchplatz.

Michaelsen war außerordentlich vermögend und wurde noch reicher durch die Beerbung seiner beiden kinderlosen Brüder in Itzehoe und Glückstadt. Er galt als der reichste Mann der ganzen Gegend. Er war sehr sparsam. Seine einzige Leidenschaft waren prächtige Bauten und Gartenanlagen. 1763 ließ er ein großes Wohngebäude am Kirchplatz bauen. Die heutige Zingelstraße, das Gelände der Schüttschen Villa und der gesamte heutige Colosseumplatz bis zum Marktplatz waren in seinem Besitz. 1777 ließ er den Trichter als Gartenhaus erbauen Er besaß prachtvolle Fahrzeuge, Schmuckwagen, Pferde mit silberbeschlagenem Geschirr. Michaelsen verdiente viel Geld als erfolgreicher privater Bankier. Banken und Sparkassen gab es damals noch nicht. Als er am 9. November 1797 starb, betrug sein Kapitalvermögen 317 000 Mark; die Grundstücks- und Immobilienwerte, die vielen Gemälde, das Silberzeug, die Bücher usw. sind nicht mitgerechnet. Der ungeheure Wert des Barvermögens wird deutlich, wenn man bedenkt, dass die zu der Zeit gebaute Sonninkirche 260 000 Mark kostete. Als man mit dem Bau begann hatte man 80 000 Mark veranschlagt. Michaelsens Ehe blieb kinderlos. Seine Frau starb schon 1793. In seinem Testament verfügte der Etatsrat, dass seine Schwester, die Etatsrätin Christian Maria Grieß aus Altona, Universalerbin sein sollte, wenn sie in seinem Hause zu Wilster wohnen würde. Er bestimmte auch, dass sie das Haus nicht vermieten durfte. Sonst sollte die Tochter seiner anderen Schwester, die Kanzleirätin Charlotte Dorothea Christiana Doos, geb. Wolters, erben. Weil Frau Grieß nicht bereit war, nach Wilster zu ziehen, wurde die Familie Doos Erbe des riesigen Vermögens. Michaelsen verfügte weiter: Falls auch diese Erben ohne Kinder versterben, was damals allerdings nicht der Fall zu sein schien, denn es gab einen lebenden Sohn, sollte sein ganzer Nachlass – der Stadt Wilster anheimfallen.

Luise Charlotte Dorothea Christine Doos, die Tochter des Oberstleutnants von Wolter, wurde am 9.10.1758 in Glückstadt geboren. Ihre Mutter war eine Schwester des Etatsrates Michaelsen, der also, da er ja die Schwester des Kanzleirates Doos geheiratet hatte, ihr Schwager und Onkel war. Schon mit 9 Jahren war sie für den 20 Jahre älteren Kanzleirat bestimmt gewesen. 1784 wurden sie getraut. Von ihren 3 Kindern starben 2 früh. Der Kanzleirat war still, ernst, ein Liebhaber von Büchern und wissenschaftlich sehr gebildet. Seine Bibliothek hat er durch ständige Käufe auf Auktionen vergrößert. 1805 starb der Kanzleirat, 1807 folgte ihm sein einziger Sohn, der nur 17 Jahre alt wurde, ins Grab. Somit war das gesamte gewaltige Guthaben in der Hand einer einsamen, kinderlosen Witwe vereinigt. Als die Familie Doos das Anwesen Michaelsens erbte, benötigte sie es selber nicht. Sie hatte sich 1785 -1786 einen eigenen prächtigen Wohnsitz, das heutige Neue Rathaus, geschaffen. Es gilt als eines der großartigsten Bürgerhäuser des Landes. Obwohl es nicht sicher ist, spricht vieles dafür, dass Sonnin der Erbauer des prachtvollen Hauses war.

Die Familie Doos lebte glücklich und trotz ihres Reichtums bescheiden und zurückgezogen. Ihr geselliger Umgang beschränkte sich auf die Familie Michaelsen, solange diese existierte. Nach dem Tode ihres Mannes fing Frau Doos in einem Alter von fast fünfzig Jahren eigentlich erst an, das Leben von der geselligen Seite zu genießen. Sie machte Besuche und empfing Besucher. Sie war eine gute Gastgeberin. Als ihr Sohn zwei Jahre nach dem Ehemann starb, hat sie diesen Lebensgenuss zwar noch eine Zeitlang beibehalten, aber irgendwann zog sie sich wieder zurück. Sie spürte, dass ihr nur wegen ihres Reichtums geschmeichelt wurde. Sie kehrte zu einer bescheidenen Lebensweise zurück und hielt eigentlich nur noch Kontakt zum damaligen Bürgermeister Wichmann, der zugleich ihr Arzt und Verwalter des Vermögens war. Notleidende dagegen fanden ihre Türe selten verschlossen. Sie hatte Freude daran Gutes zu tun. Aber die Anforderungen an ihre Güte, die weit und breit bekannt war, wurden besonders in den letzten Jahren so zahlreich und so groß, dass sie eine wahre Last für sie wurden und ihr das Leben eigentlich verbitterten. Sie half gern, half sehr vielen, aber allen konnte sie nicht helfen. Nach dem Tode von Bürgermeister Wichmann gehörte zu ihren besonderen Freunden ihr Sekretär Nikolaus Hölck. Dieser war zunächst der Spielgefährte ihres Sohnes und später ihr Mitarbeiter. Ihn setzte sie zum Universalerben und zum Verwalter ihres Testamentes ein.

Das Michaelsenhaus mit großem Park und Trichter übergab sie bereits 1814 der Stadt Wilster, obwohl dieses erst nach ihrem Tode hätte geschehen dürfen. Sie hatte oft Ärger mit dem Haus und es gab nicht die geeigneten Bewohner. Auch die Stadt kümmerte sich nicht richtig darum, so dass es allmählich verfiel. Es gab keinen, der es erwerben oder nutzen wollte. 1826 wurde es für wenig Geld versteigert, abgetragen und in Itzehoe in der Reichenstraße vom Itzehoer Kaufmann Hinrich Meyer wieder aufgebaut. Am Marktplatz Wilster entstand an der Stelle die Turnhalle, die Anfang der 60er Jahre abgerissen worden ist.
Obwohl Frau Doos schon vieles, was sie von Michaelsen geerbt hatte, an die Stadt weitergegeben hatte, wurde sie noch reicher, weil inzwischen auch ihre kinderlose reiche Tante, Etatsrätin Griess, in Altona verstorben war. Sie hat alles geerbt. Die Etatsrätin Doos ist also durch Zuerbe immer reicher geworden.

Frau Doos wurde wegen ihrer Güte und ihres Einsatzes für die Allgemeinheit vom Dänischen König am 16. Dezember 1828 zur Etatsrätin ernannt. Die Stadt hatte dafür gesorgt und die Witwe gedrängt, endlich ein Testament abzufassen. Diese Auszeichnung war für Frauen sehr selten und sie erhielt sie zu einer Zeit, wo sie sehr krank war.
Am 20 Februar 1829, als sie ihren Tod immer mehr herannahen sah, machte sie ein Testament. Am 15. Juni 1829 verstarb sie.
Sie vermachte der Stadt ihr Wohnhaus, in dem der jeweilige Bürgermeister wohnen sollte. Da sie mitbekommen hatte, dass das Michaelsenhaus im Besitz der Stadt verfallen ist, erhielt die Stadt zugleich einen Betrag von 60 000 Mark. Aus den Zinsen dieses Geldes sollten Reparaturen am Haus bezahlt werden. Sie wollte aus Liebe zu ihrem Mann sicherstellen, dass das Haus lange erhalten bleibt.

Für 8 Witwen, welche sich durch Reinlichkeit und Ordnungsliebe auszeichneten, sollte in der Bäckerstraße (heute Rathausstraße) ein Gasthaus errichtet werden, was auch 1831 geschah. Die Kirche erhielt Geld für die Pastoren, die Lehrer erhielten eine Gehaltserhöhung. Weiterhin gab es Geld für Studierende, arme Primaner und Seminaristen, für Kranke und Arme in den Gasthäusern. Außerdem erbte die Stadt eine Bibliothek mit 8000 Büchern.

Vor etwa 50 Jahren auf einem Gildefest trauten viele Wilsteraner ihren Augen nicht. An einem Sonntag im Juni um 18.00 stand auf der Freitreppe des Neuen Rathauses die Etatsrätin Doos. Sie war von den Toten auferstanden. Die Wohltäterin der Stadt setzte sich gemeinsam mit ihrem Folgemädchen und ihrem Sekretär Hölck in einen bereitstehenden Jagdwagen, der von zwei schönen Holsteiner Pferden gezogen wurde. Die Menschen fühlten sich in das vorige Jahrhundert zurückversetzt. Bei späteren Auftritten war auch Bürgermeister Wichmann dabei. Die Doosgruppe trat in diesem Jahr mit Urte Wolf als Etatsrätin Doos, Uwe Haberland als Bürgermeister Wichmann, Klaus Sötje als Sekretär Hölck und Johanna Kuhnke als Zofe auf.
Die Doosgruppe gehört inzwischen zum Gildefest wie das Fahnenschwenken oder das Schießen mit der Armbrust. Sie hat stets dazu beigetragen, Wilsters Stadtgeschichte lebendig zu erhalten.

Autor: Helmut Jacobs