Willkommen auf der Website des Förderverein Historische Rathäuser in Wilster e.V.

Mit den Jahren 1813 – 15, durch eine kriegerische Invasion, endete für Stadt und Marsch die zweite Blütezeit. Die nächsten Jahre waren schwer, denn der Dänische Gesamtstaat hatte sich völlig übernommen. War er auch erst in den letzten Jahren vom Kriege überzogen worden, so waren die militärischen Anstrengungen zunächst, um die Neutralität zu wahren, dann aber an der Seite Napoleons, erheblich gewesen. Als Seemacht hatte es unter Zugriffen der Briten schwer zu leiden gehabt, die Kontinentalsperre wirkte sich wirtschaftlich sehr negativ aus, war der Export von Agrar-produkten doch gerade nach England erheblich gewesen, der Landwirtschaft fehlten diese Absatzquellen in dieser Zeit sehr. Negativ zu Buche schlug auch, dass Dänemark in dieser Zeit eine recht unglückliche Politik betrieb und mit Verlust aus der Epoche hervorging. Der Staat war bankrott und das Land und seine Bewohner wurden da mitgerissen. Während der Kriegsjahre hatten die Ausgaben für die Streitkräfte ungefähr den fünffachen Betrag der sämtlichen Staatseinnahmen beider Königreiche Dänemark und Norwegen und der beiden „deutschen“ Herzogtümer betragen. 1807 war man darauf zunächst nur in Dänemark zur Papiergeldwirtschaft übergegangen, die zuletzt jeden Wert verlor. In den Herzogtümern war die Währung an die der Hansestadt gebunden. Erst am 5. Januar 1813 wurde durch die „Verordnung wegen einer Veränderung im Geldwesen der Königreiche Dänemark und Norwegen und der Herzogtümer Schleswig und Holstein“ eine gemeinsame Reichsbank gegründet, sollte an die Stelle des „schleswig-holsteinischen Kuranthalers“ zu 48 Schillingen der gesamtdänischen Reichsbanktaler zu 30 Schillingen treten, so nach lübischem Maß, er selber zerfiel in 6 Reichsbankmark zu 16 Reichsbankschillingen. 6 % vom Werte allen unbeweglichen Eigentums sollte in Silber für den Reichsbankfonds dienen. So wurden die Herzogtümer verspätet auch in das Dilemma hineingezogen.555)
Der Staat kam den Schleswig-Holsteinern wohl insoweit entgegen, dass er ein zunächst verfügtes Verbot anderer Geldmittel, da wohl undurchführbar, zurücknahm, d.h. die schleswig-holsteinische Kurantnote blieb im Umlauf. Die große Belastung allen unbeweglichen Eigentums führte dennoch zu hoher wirtschaftlicher Not, so dass es zu einem starken Wechsel des landwirtschaftlichen Besitzes kam. „Nach der Napoleonischen Zeit hat auch die Wilstermarsch unter dem allgemeinen Niedergang schwer leiden müssen. Es war die Zeit, in der man für einen Lavendelstrauß einen stattlichen Bauernhof in Neufeld mit seinen Lasten zu Eigen erhalten konnte.“556) Klar war, dass diese Not der Marsch Folgen für die Stadt Wilster, die zudem auch selbst schwer durch den Krieg gelitten hatte, wie oben ausgeführt, haben musste. Stadt und Land litten sehr. Von 1810 bis s1830 sanken die Getreidepreise (Weizen, Gerste und Hafer in den Marschen) bis zu einem Viertel. Diese Talfahrt hielt bis etwa 1825 an. Dann erst war das Wellental erreicht, die Preise begannen sich wieder zu erholen. Um 1828 etwa war dann die Krise überstanden, stellten sich dann ab 1835 wieder günstige Zeiten für die Landwirtschaft ein und direkt damit auch für Städte wie Wilster, die maßgeblich von dieser Landwirtschaft abhingen.
In dieser Lage kam die Stadt Wilster in den Besitz von Haus und Land des Etatsrates Michelsen. Nach seinem Tode war durch Testament Ersterbin die Etatsrätin Grieß geworden, wenn sie ihren Wohnsitz von Altona nach Wilster in sein Haus verlegen werde. Da sie hierzu nicht bereit gewesen war, war die damalige Kanzleirätin Doos aus diesem Wilster die Erbin geworden. Falls diese jedoch ohne Kinder sterben werde, so sollte die Stadt Wilster der Erbe sein. Eben dieses war aber 1807 mit dem Tode ihres Sohnes Johann Diederich eingetreten, nachdem ihr Mann, der Kanzleirat Doos schon 3 Jahre früher verstorben war. Es war zu übersehen, wann das Michaelsensche Erbe an die Stadt fallen werde. Daher erbat der Rat von Frau Doos 1810 ein Inventarium vom Nachlass. Sie konnte keines aushändigen, da sie keines empfangen hatte.557) Im September 1813 erschien der dänische Kapitän von Bretevil als Direktor eines Feldlazarettes und beanspruchte das Michaelsensche Haus binnen 2 Tagen. Frau Doos bat darauf, dass die Stadt Wilster schon jetzt gleich Haus und Grundstücke übernehmen möge. Die Stadt jedoch lehnte angesichts der Lage ab, forderte erneut ein Inventar. In der Folgezeit wurde das Michaelsensche Haus in der Tat mit einem Lazarett belegt, 120 – 130 Kranke und Versehrte lagen ständig im Hause, dass natürlich auf diese Weise ganz erheblich zu leiden hatte. 1814 erklärte sich die Stadt dann doch auf wiederholte Bitten der Frau Kanzleirätin bereit, Haus und Grundstück mit allen Mobilien, dem Silberzeug und allem, was in den Wohnräumen vorhanden war, die Ländereien mit dem Park und dem Lusthause und dessen Einrichtungen zu übernehmen. Die Kanzleirätin nahm nur einige besondere Erinnerungsstücke (Goldringe mit Diamanten, Porzellanfiguren, einige Möbelstücke) an sich. Wichtig war jedoch, dass sie das Kapital, das Vermögen behielt. Sie bildeten aber eigentlich die finanzielle Grundlage zum Unterhalt des ganzen Anwesens. Die Russen, die im Jahre 1814 bis Dezember in der Stadt im Quartier lagen, benutzten das Haus weiter als Lazarett, während im Lusthaus die Möbel untergestellt waren. Gebäude und Einrichtungen litten sehr. Die Stadt, die durch das Anwesen keinen Vorteil, sondern nur größere Ausgaben hatte, wandte sich an den König mit der Bitte um eine Verkaufsgenehmigung. Die Regierung in Gottorf wünschte dazu den Brandversicherungswert der Gebäude und ungefähren Wert der Mobilien. Der Magistrat wandte dazu ein, dass der Wert schwer einschätzbar sei, da die Stücke der Mode unterlägen, oft nur für Liebhaber in Frage kämen. Er gab den Wert mit 3000 – 4000 Rthlr. (dem entsprechend etwa auch der des Dooseschen Hauses), das Gewächshaus und Stall neben und hinter dem Hause je 800, das Lusthaus (Trichter) im Garten ebenfalls 800 Rthlr. . Erst im November 1815 traf die Verkaufsgenehmigung ein, worauf der Verkauf auf den 6.2. 1816 im (Alten) Rathaus festgesetzt wurde und zwar in verschiedenen Zeitungen des Herzogtums und in Hamburg. Aufgezählt wurden die geräumige Diele, die Küche, der Keller, die Speisekammer, 2 „Regenbäche“ im Hause, 17 verschiedene große Zimmer mit vergipsten Decken und Öfen. Auf dem Hofe 2 Ställe, von denen der eine als Gewächshaus eingerichtet war, ein etwa 2 Morgen großer Garten mit vielen Hecken und Fruchtbäumen versehen. Ein großes Lusthaus mit gewölbten Keller, Salon und 4 Zimmern, mit Turm mit Galerie und Schlaguhr und Glockenspiel. Dazu kamen die Mobilien einschließlich den Statuen, sowie der Kegelbahn im Park. Die Angebote waren derart mäßig (14 500 Rthlr.), dass der Rat ersuchte, da der Verlust für die Stadt so viel zu hoch, die Regierung darum, dem Verkauf die Genehmigung zu verweigern, was denn auch geschah. Der Verkauf der Mobilien, die so in alle Himmelsrichtungen verschwanden, erbrachte bald darauf 31 603 Mark. Das war dann etwa so viel, wie Wilster sich in den Kriegsjahren an Schulden hatte aufladen lassen müssen. Man deckte diese denn auch mit dem Auktionsgewinn ab.558) Die Schlaguhr des Gartenhauses wurde auf dem (Alten) Rathaus im Erker nach der Brücke hin angebracht und die Glocke wurde auch im (Alten) Rathaus aufgehängt. Das Glockenspiel wurde ebenfalls entfernt und der Turm des Trichters wurde entfernt. Die Kosten wurden mit den anfallenden Materialien gedeckt. Park und Garten mit dem Lusthaus aber wurden nunmehr verpachtet.
Das Michaelsensche Wohnhaus hatte in Wilster nun noch eine Gnadenfrist von einem Jahrzehnt.559) Da der Verfall der Hauses drohte, es gab keinen, der das Haus hier erwerben oder nutzen wollte, wurde das Haus dann 1826 auf Abbruch verkauft, ein schwerer Verlust für die Stadt bis zum heutigen Tage. Nach dem Versteigerungsprotokoll vom 6. Februar 1826 erhielt Kaufmann Hinrich Schlüter den Zuschlag für den Betrag von 2275 Mark. Möglicherweise war dieser aber nur ein Strohmann, als Käufer vorgeschickt, denn der Itzehoer Kaufmann Carsten Hinrich Meyer ließ es abbrechen und Stück für Stück, nunmehr allerdings klassizistisch überformt, in Itzehoe in der Neustadt wieder aufbauen. Es ist dort das Gebäude Reichenstraße 41. (Eigentümer Rechtsanwalt Jochen Roggenbock) Er war als Sohn eines wohlhabenden Senators Itzehoes und Stifter des dortigen Meyer-Stiftes dazu imstande. Für R. Haupt ist die Lücke, die sich am Kirchplatz dort auftat, wo bisher das stattliche Großbürgerhaus stand, „betrübend“, dort, so führt er aus, „wo das Wohnhaus gestanden hat, am Kirchplatze, ist eine Art Schule oder Turnsaal“ getreten (zu seiner Zeit, er schrieb dieses 1926).560)
Wenden wir uns nunmehr dem weiteren Schicksal des Michaelsenschen Parks zu, das kaum weniger betrüblich für das Image der Stadt gewesen ist. 1814 wurde das Gartengelände zum ersten Mal verpachtet.561) Das Lusthaus wurde zunächst noch ausgenommen. Dabei sollte der Garten unterhalten und erhalten werden, auch sind die Steuern aufzubringen. In diesem Rahmen konnte auf dem Gelände Gemüsebau (Obst und Spargel werden erwähnt) betrieben werden. Ab 1817 wurde auch das Lusthaus mit verpachtet. Der Turm wurde in dieser Zeit abgenommen, das Gebäude in bewohnbaren Zustand gesetzt. Jetzt dürfen schon Hecken entfernt werden. Es gibt größere Freiheit für die landwirtschaftliche Nutzung. Die Pachtverträge laufen normalerweise für 12 Jahre. 1829 wird eine vom Pächter angelegte Kegelbahn erwähnt, die außerhalb des Pachtverhältnisses steht. Es deutet sich also eine Betätigung der Pächter auf dem Gebiete der Gastronomie an. Die Pächter investieren nicht unerheblich. Nach Ablauf der Pacht stellen sie deswegen Ansprüche. 1829 wird so erwähnt: Ein Waschsteg am Burggraben, ein „Appartement“ (Abort), Statuen, vor allem aber noch auf gärtnerischem Gebiet: Da gibt es 45 Apfel-, 9 Birn-, 6 Kirsch-, 6 Zwetschgen- und 4 Pflaumenbäume. Dann werden 70 junge Weiden in Rechnung gestellt. Vorher sei es „bloß voll von großen , das Land aussaugenden Hecken und trockenen breiten Sandsteigen“ gewesen, nunmehr gäbe es „circa ¾ Morgen des fruchtreichsten, besten urbaren Gartenlandes“. Gewiss geschahen die Investitionen nicht zum Vorteil der Parkanlagen, dessen Umwandlung in eine Art Großgärtnerei voll im Gange gewesen zu sein scheint. Bis 1840 erstand im Gelände noch ein Schießstand für einen Schützenverein. Hier ahnt man Engagement auf gastronomischem Gebiete. Und in dieser Richtung ging es in der Tat auch weiter, die Pächter zeigten sich hier recht geschäftstüchtig. 1842 erhielt der Trichter durch Dachreparatur sein heutiges Gesicht. Um 1850 muss dann der Gedanke einer Umgestaltung von Lusthaus und Garten zu einem Tanz- und Wirtschaftslokal vorgelegen haben. 1852 nämlich beschweren sich schon 7 „Wirtschafts- und Tanzlokalbesitzer“. Der neue Pächter ab 1853 solle nicht befugt sein, irgendein vergrößertes Wirtschaft- oder Tanzlokal, als sich gegenwärtig im Lusthaus befindet, zu erbauen und einzurichten. „Der jetzige Afterpächter und kommender Pächter beabsichtige „noch in diesem Sommer ein sehr ausgedehntes Tanz- und Wirtschaftslokal in besagtem Garten anzulegen, welches jedes unserer Locale gänzlich dominieren solle“. Es sei eine Ungerechtigkeit gegenüber steuerzahlenden Gastwirten, wenn der Magistrat „einem Stadtpachtstücke die Befugnis einräume, zum Ruin für eine Anzahl hiesiger Concurrenten ein großartiges Tanz- und Wirtschaftslokal begründen zu helfen.“ In dieser Zeit ist das „Colosseum“ erstanden, ein umfangreicher Saalbau. Die Pachtverträge sagen hierüber wenig aus. In ihnen wird als Privateigentum z.B. 1877 angegeben: Das Colosseum, das Kegelhaus mit Kegelschauer, Kegelbahn und Planke, das Privat (Abort), die Brücke über den Burggraben, der Wassersteg, der Steindamm vom Colosseum nach der Zingelstraße, der Steindamm von der Brücke bis zum Kegelhaus, die Zeugpfähle, die Gartentische, die Lampe und Stange an der Treppe, der Windfang im jetzigen großen Gastzimmer, die Schenkeinrichtung, die ganze Kellereinrichtung, sämtliche Öfen im Wohnhause, die Glockenzüge, die Lüftungen im Dach. 1889 übernahm dann die Stadt diese festen Einrichtungen käuflich. Colosseum einschließlich Trichter erlangten so allmählich ihr heutiges Gesicht; ebenso der „Colosseumplatz“. 1888 werden freilich zur Neuverpachtung noch von der Stadt angepriesen die Baulichkeiten mit „einem großen – Parkanlagen, Alleen, Garten mit Wiesenland in sich umfassenden - Landareal.“ Aber das waren damals schon Reste. Der Park Michaelsens verschwand völlig, und an seine Stelle trat ein ausgedehnter Platz. Das war schon eine Entwicklung, die einen Kunsthistoriker verbittern musste. R. Haupt schreibt denn im Jahre 1926 im Heimatbuch des Kreises Steinburg: „Heute ist für unser Gefühl der Anblick betrübend, fast abstoßend. Denn den schönen, edlen Garten haben sie zu einer abscheulich öden Vergnügungsstelle gemacht, mit Musikmuscheln und üblen Wirtschaftsgebäuden.“562) Das ist sicherlich eine Seite der Medaille; der Schönheit der Stadt dient dieses alles ganz gewiss nicht. Andererseits übte das Colosseum eine große Bedeutung als gesellschaftliches und geselliges Zentrum aus, der im leeren Zustande so ungepflegt öde Colosseumsplatz aber hat seine große Bedeutung für die Stadt, und das nicht nur wie 1863 als Turnplatz. Ein für eine Kleinstadt wie Wilster auffällig umfangreicher Jahrmarkt und die für die Marsch so gewichtigen Viehmärkte sind hier möglich.
Eine Bürgerstadt wie Wilster konnte ein Großbürgerhaus, wie das von Etatsrat Michaelsen, nicht halten, sondern musste es zuletzt auf Abbruch verkaufen. Einer von zahlreichen Marschbauern, wohnhaft in Neufeld, konnte seinen Hof nicht halten. Er veräußerte ihn für einen Lavendelstrauß der Überlieferung nach. Beide Stadt und Großbauer waren froh, ihre Schuldenlast, das Ergebnis einer unglücklichen Staatspolitik, abtragen zu können. In einer Notzeit wie dieser im ersten Jahrzehnt nach den Napoleonischen Kriegen konnte auch bürgerliches Gewerbe nicht gedeihen. Zwischen 1776 und 1823 blühte in den Elbmarschen, nicht zuletzt in der Stadt Wilster das Goldschmiedehandwerk. „Nirgends finden wir das Drahtwerk zierlicher und sauberer gearbeitet, nirgends einen feineren Geschmack in dem Wechsel des Silbers mit der Vergoldung.“563) 1818 gab es in der kleinen Stadt Wilster allein 4 Goldschmiedemeister, die sich gegen den Goldschmiedegesellen Matthias Maaß wenden, der eine Freimeisterstelle in der Stadt anstrebte.564) Maaß wurde Meister, wie sich aus den Amtsakten für das Jahr 1836 ergibt. Er wurde sogar Ältermann. Die Goldschmiedekunst blühte auf, als die Marsch rundum im Wohlstand lebte, sie hatte ihren Höhepunkt überschritten, als die Notzeit einsetzte. Ebenso war es mit der Schnitzerei bzw. Schreinerei, die in derselben Zeit hier blühte. „Erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts setzt der gewaltige Aufschwung ein.“ Mit dem Aufblühen der Elbmarschen Mitte des 18. Jahrhunderts begann diese Epoche großer heimischer Kunst, in der Notzeit nach 1814 erlosch sie, um in dieser Form niemals wiederzukehren.565) Ähnliches ließe sich von der Weberei und dem Steinmetzgewerbe sagen. Als dann der Wohlstand zurückkehrte, waren die Ansprüche anders geworden.
Auch die letzten Lebensjahre der Kanzleirätin Doos fallen in die Notzeit der Nachkriegsjahre.566) 22 Jahre überlebte sie ihren 1807 verstorbenen Sohn, um dessen Erziehung sie sich so sehr bemüht hatte, wie die sehr zahlreichen in der Dooseschen Bibliothek vorhandenen pädagogischen und Jugendschriften ausweisen. Als einsame, kinderlose Witwe lebte sie hinfort in ihrem großen Hause, immer bereit, Notleidenden zu helfen. Zwei Mädchen und ein Kutscher wurden von ihr beschäftigt. Eine Kutschfahrt nachmittags, abends eine Vorlesestunde, sonntags der Gottesdienst und anschließend ein Besuch bei ihrem Vertrauten, dem Bürgermeister Wichmann, einmal im Jahre ein Besuch bei einem befreundeten Arzt in Schleswig. Wohltaten an Armen, an mittellosen begabten Studenten, das war der Inhalt ihrer letzten Jahre. Zur legendären Persönlichkeit für ihren Wohnort, die Stadt Wilster, wurde sie sodann noch im Tode, nachdem die Stadt Wilster noch vorher ihre Ernennung zur Etatsrätin erwirkt hatte. Sie wurde es durch ihr Testament vom 20. Februar 1829. Sie verstarb am 15. Juni 1829.
„Ihre edle Gesinnung, ihre Hochherzigkeit, ihre Liebe zu den Mitmenschen kommt durch dieses Testament so deutlich zum Ausdruck.“567) Wohl schon, damit ihr Haus nicht das Schicksal des Michaelsenschen Hauses ereilen würde, war dieses Testament so abgefasst worden, dass dieses Haus wirtschaftlich abgesichert das Eigentum der Stadt Wilster wurde und vor allem auch blieb, es bleiben musste. Der tiefe Dank der Stadt ist also mehr als berechtigt. Im Testament heißt es: „Aus Liebe zu meinem seeligen Ehemann, der das - - - Haus für sich und seine Nachkommen, wie auch zur Zierde der Stadt Wilster aus seinen eigenen Mitteln von Grund aus neu erbaut hat und zwar so solide und dauerhaft, dass es länger als ein Menschenleben stehen kann, - - und da ich nach meiner festen Überzeugung glaube, seinen Willen am besten zu erfüllen, wenn ich dafür sorge, dass dies sein Lieblingswerk nach meinem Tode nicht muthwilligerweise zerstört, sondern zu einem Andenken so lange erhalten werden möge, als ein Werk von Menschenhänden bestehen kann, so legire und vermache ich - - - mein Wohnhaus cum pert., als Garten, Gartenhäuser, Stall und den dahinter liegenden zwey Stück Grasland, der Stadt Wilster, bestimme jedoch, dass der jedesmalige Bürgermeister von Wilster das Haus cum pert. - - - bewohne und benutze und dass in der zweiten Etage das große Zimmer nach hinten zur Ratsversammlung und das daran stoßende kleine Zimmer zur Kämmerey eingerichtet und benutzt werde; alle übrigen Zimmer behält der jedesmalige Bürgermeister zu seinem eigenen Gebrauch, darf jedoch in der Hauptsache nichts daran ändern. Damit aber diejenigen, welche außer den Magistratspersonen, die sich des Haupteingangs bedienen dürfen, auf dem Rathause Geschäfte haben, sich eines andern Eingangs bedienen können, so soll an der Südseite des Hauses eine Tür angebracht werden, so wie auch eine Treppe, vermittelst welcher man zu den anderen Treppen, die nach oben führen gelangen kann.“568)
Es war ein reichhaltiger Spendenkatalog, dieses Testament: Es lebten 5 Kinder einer Schwester, von den jedes 36 000 Mark erhielt. Für „ewige Zeiten“ wurde für diese 5 Erben ein „Fideikommis“ von 108 000 Mark ausgesetzt. Die Stadt Wilster erhielt, wie oben aufgeführt, das Wohnhaus mit Garten mit der Bestimmung, dass es als Bürgermeisterhaus hinfort dienen solle. Darum bekam es denn auch den Namen „Bürgermeisterhaus“. Damit ihrem Hause das Schicksal des Michaelsenschen Hauses erspart bliebe, setzte sie für die Unterhaltung des Gebäudes die Zinsen von 72 000 Mark aus, das war zu 4 % 2880 Mark pro Jahr, nach damaligem Werte eine stattliche Summe. Dieses Kapital durfte nie angegriffen werden. Das Haus durfte nicht abgebrochen noch wesentlich verändert werden. Für 8 Witwen, welche sich durch Reinlichkeit und Ordnungsliebe auszeichneten, sollte in der Bäckerstraße (heute Rathausstraße) ein Gasthaus bebaut werden (was auch 1831 geschehen ist), dazu wurden 36000 Mark ausgesetzt. Die Kirche erhielt 18 000 Mark, die Zinsen sollten jährlich an die drei Pastoren verteilt werden. 18 000 Mark wurden für die 5 (damaligen) Lehrer bestimmt. Das waren bei 4 % 720 Mark, für jeden Lehrer 144 Mark, bei zehnfachem Wert nach heutigem Gelde (geschätzt für 1957) eine sehr wesentliche Gehaltserhöhung. Das hatte zur Folge, dass sich bereits beim Freiwerden der ersten Lehrerstelle nach dem Toder der Etatsrätin über 40 Lehrer bewarben. Zur Unterstützung von Studierenden wurden 18 000 Mark bestimmt, abwechselnd je 4 aus Wilster, der Wilstermarsch, aus Glückstadt, Itzehoe, Krempe, sie sollten jeweils 4 Jahre die Zinsen erhalten. Zur Unterstützung armer seminaristen wurden 7200 Mark bestimmt, an arme Primaner gingen 3600 Mark. Die Zinsen von weiteren 3600 Mark waren für die Kranken der Stadt; je 3600 Mark galten den beiden „Gasthäusern“, dem städtischen in der Haberstraße (Burgerstraße) und dem des Landrechtes in der Langen Reihe. An 27 Personen wurden zur Belohnung treuer Dienste und Anhänglichkeit einmalige Geschenke von zusammen 59 280 Mark gemacht. 125 000 Mark, die Frau Doos vom Etatsrat Michaelsen geerbt hatte, erhielt die Stadt Wilster. An Erben kamen zur Verteilung zusammen 288000 Mark. Die Stadt Wilster erhielt verschiedene Legate von insgesamt 183 600 Mark; für speziell genannte Erben gab es 59 280 Mark. „Es waren also in summa 530 880 Mark, für die heutige Maßgabe (1957) muss man den zehnfachen Wert einsetzen. Dazu kommen noch die Realwerte des Hauses und des Gartens, die lebenslänglichen Pensionen und die Bibliothek.“569)
Zur berühmten Dooseschen Bibliothek hieß es im Testament: „Meine Bibliothek vermache ich der hiesigen Stadtschule, welche für die Jugend brauchbare und passliche Werke so wie solche, welche sich durch ihre Seltenheit oder die Schönheit der Ausgaben auszeichnen, heraussuchen und in dem großen Lokal des neuen Schulhauses passlich aufstellen soll. Das Nichtbrauch bare soll allmählich verkauft werden und für das daraus gelöste Geld sollen wieder neue und für die Jugend passliche Bücher angeschafft werden. Die 4 Schullehrer haben unter Aufsicht und unter Anordnung des Rektors abwechselnd die Aussortierung und das Verzeichnis der Bücher zu besorgen. Alljährlich soll einer der Schullehrer die spezielle Aufsicht über diese Bibliothek und die Protokollführung übernehmen. Es können nur dann Bücher aus dieser Bibliothek ausgeliehen werden, wenn ein hiesiger sicherer Bürger den Empfangsschein unterschreibt und sich anheischig macht, falls das Buch nicht zurückgegeben wurde, den vollen Wert zu ersetzen. Es könne nicht länger als auf 2 Monate verliehen werden, Kupferwerke und Landkarten können überall nicht ausgeliehen werden.“570) Da passliche Bücher verkauft werden sollten, hat sich von den gut 10 000 Büchern der einstigen Bibliothek leider nur noch ein Rest von ganzen 2673 Bänden erhalten. 571)
Ein Ereignis wurde die Versteigerung der Mobilien (Wäsche, Kleider, Stoffe, Möbel und Hausgerät. Begehrt wurden das Tafelservice ( oft zu je 36 oder gar 48 Personen gedacht), dann die Spiegel, die Kristallkronen. So hat sich das Mobiliar in alle Winde zerstreut.
Dadurch, dass die Bürgermeisterwohnung zuerst eingeschränkt und zuletzt gar ganz aus dem Dooseschen Hause verlegt wurde, wurde nach und nach Platz für weitere Geschäftszimmer gemacht, wurde aus dem Bürgermeisterhaus allmählich das Neue Rathaus. Das war wichtig, als das schadhaft werdende Alte Rathaus nicht mehr genügte. Die Stadt wurde dadurch gezwungen, ein neues Verwaltungsgebäude zu errichten, eventuell das alte abzureißen. Bisher konnte auch die städtische Verwaltung im Neuen Rathause untergebracht werden. So ist vielleicht auch die Erhaltung des Alten Rathauses der Etatsrätin Doos zu verdanken. „Sie schwebt als unsichtbare Spenderin über diesen beiden Kulturdenkmälern“.572)
Die folgenden Jahrzehnte sind gekennzeichnet einmal durch einen Wandel auf dem Gebiet des Verkehrswesens, weiter durch das Erstarken liberaler und nationaler Gedanken. Beides hat sich natürlich auch für Wilster ausgewirkt. Die Entstehung einer Stadt als zentraler Ort beruht natürlich wesentlich auch auf Voraussetzungen auf dem Gebiete des Verkehrs. Ein zentraler Ort muss verkehrsmäßig günstig liegen. Nun beruhte durch die Jahrhunderte der Warenverkehr überwiegend auf den Wasserstraßen, da Landwege ausgesprochen schlecht waren, sie waren nur bessere Naturpfade, soweit man sie nicht für kurze Routen zum „Steindamm“ machte. Auf seiner Lage an der schiffbaren Wilsterau, weiter der günstigen Verbindung zur Stör und zur Niederelbe beruhte die Bedeutung Wilsters. So war es auch noch immer im Jahre 1835, von dem wir eine gute „Momentaufnahme“ besitzen, kurz vor Einsetzen neuer Verkehrsverhältnisse gleichsam. Zunächst gab es für dieses Jahr die dritte Bevölkerungszählung, die für die Herzogtümer überliefert ist, nach denen von 1769 und von 1803 also. Am 1.2.1835 zählte Wilster 2622 Einwohner (Glückstadt 5988, Itzehoe 5495, Krempe 1230 Einwohner). Die Stadt hatte also beachtlich an Bewohnern zugenommen, in gut drei Jahrzehnten um über 800 Einwohner. In der Rantzauischen Schloßbibliothek fand Otto Neumann ein Buch, das 1835 in Schleswig erschien, herausgegeben „von einigen Männern vom Fach nach zuverlässigen Nachrichten“. Dieses Buch trug den Titel: „Die Statistik des Handels der Schifffahrt und der Industrie der Herzogtümer Schleswig und Holstein“. In ihm wurde auch Wilster behandelt.573) Die Einwohnerzahl wird hier noch mit 2004 angegeben, muss also doch wohl aus der Zeit um 1830 handeln, wie Otto Neumann meint. Da zu dieser Zeit der Warenverkehr sich noch ganz überwiegend auf dem Wasserwege abwickelte, kamen die Herausgeber zu folgendem Urteil: „Die Stadt Wilster ist nach ihrer natürlichen Lage gleichsam für den Handel geschaffen.“ Über den Handel heißt es da: „Bis zum Ablaufe des vorigen Jahrhunderts bestand Wilsters Handel in der Ausfuhr der Produkte der Gegend, wozu hauptsächlich Hafer, Butter und Vieh zu rechnen war, die nach Hamburg und Altona versandt wurden. In späterer Zeit hat sich der Geschäftsverkehr erweitert, und seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts gehen auch Getreide- und Rapssaatladungen von hier aus direkt nach England und Holland. Schiffe hat Wilster durch den von 1807 bis 1814 fortdauernden Krieg nicht verloren. Seit 1814 hat ein sonst hier wenig gekannter Handel mit Brennholz und Torf einen neuen Erwerbszweig abgegeben. Zu dem Ankaufe des Ersteren bieten die Hölzungen des Gutes Hanerau, wie zu Letzterem die vielen Moorgegenden oberhalb der Stadt bis nach Hohenhörn Gelegenheit dar. Das Holz schwindet zwar zusehends, das Moor lässt aber keine Furcht vor zukünftigem Mangel aufkommen. Ohne die Wilsterau, auf welcher der Transport nach beiden Seiten geschieht, ließe sich freilich ein solcher Handel nicht nach Wilster ziehen“. „Ausgeführt wird diese Feuerung nach der umliegenden Marsch, Altona und Hamburg.“ Über die Wasser- und Schifffahrtsverhältnisse heisst es: „Bei dem Ausflusse der Wilsterau in die Stör ist eine 11 ½ Fuß breite Schleuse. Die gewöhnliche Tiefe der Aue von da bis Wilster ist 4 bis 5 Fuß, bei vielem Regen schwellt sie an zu 7 bis 8 Fuß. Oberhalb der Stadt bis in die Nähe von Hohenhörn (3 Meilen von Wilster) ist 3 bis 4 Fuß Wasser. Wilster hat 25 Fahrzeuge zu 4 bis 8 Commerzlasten“ (bei Itzehoe wurden 24 Schiffe angegeben). Über die Agrarprodukte, mit denen Wilsters Handel zu tun hat, heißt es: „Der Getreidebau ist ansehnlich in der Gegend, und vieles davon, sowie von dem aus Dithmarschen zu Wasser eingeführten Getreide, wird auf vorbesagte Weise direkt von hier aus verschifft. Beträchtlicher Pferdehandel wird in Wilster getrieben, nicht nur in den beiden Pferdemärkten, welche hier jährlich gehalten werden, sondern durch hiesige Pferdehändler, welche zu jeder Zeit von den besseren Pferden ankaufen und wieder an die hier oft eintreffenden französischen, holländischen und italienischen Pferdehändler verkaufen. Die Anzahl von Ochsen und Kühen, welche von hier getrieben werden und deren Geldertrag durch die Hände hiesiger Kaufleute geht, ist ebenfalls nicht unbedeutend. Mehr durch ihre Quantität als Qualität haben die Wilsterbutter und der Käse sich den ausgebreiteten Ruf erworben. Erstere hat ganz ihre Bestimmung nach Hamburg, von dahin sie in Foustagen, Staven genannt, von 20 bis 50 Pfund und in halben Tonnen abgeht. 150 000 bis 200000 Pfund Butter gehen wenigstens jährlich von hier nach Hamburg. Frisch ist sie stark und wohlschmeckend wie die holländische, hält aber nicht lange. Der Käse breitet sich mehr im In- und Auslande aus und geht aus der Wilstermarsch nach Kiel, Schleswig, Rendsburg, Flensburg, Angeln, Kopenhagen, Hamburg, Lüneburg usw. Dieser Käse könnte gewiss viel besser sein, wollten die Landleute bei der Anfertigung desselben sich die holländische Methode aneignen, ihm eine stärkere Pressung geben und ihn regelmäßig ein ganzes Jahr in einem geräumigen Lokal liegen lassen. Sodann würde solcher Käse sich nicht nur besser zur Versendung eignen, sondern auch in der Güte dem holländischen nicht nachstehen.“ Es wird dann weiter geklagt darüber, dass Wilster durch die Zollfreiheit der umgebenden Marsch (weiterhin) benachteiligt werde. „Der Landhandel ist hier“ daher „unbedeutend, da derselbe eigentlich nur auf die Stadt berechnet sein kann.“ Zum Import heißt es: „Zu Wasser ist der Verkehr zwischen Hamburg, Altona und wilster lebhaft, so lange die Jahreszeit es zulässt.“ Weiter: „Holzwaren werden in Flößen von Hamburg oder zu Schiffe von Rendsburg bezogen, erstere werden hier gesägt und zum Gebrauch verarbeitet.“ Die große Bedeutung der Störgebiete auf diesem Gebiete gehörte offenbar jetzt der Vergangenheit an. Sie wird nicht erwähnt. „Salz wird von Lüneburg und von Altonaer und von Friedrichstädter Fabriken eingeführt“. Kurz wird der Verkehr zu Lande gestreift. Es heißt da: „Täglich fährt ein Wagen von hier nach Itzehoe, durch welchen die hiesige Post nach und von Itzehoe gesorgt wird, jedoch ist in Wilster jetzt ein Brief-Comptoir errichtet worden“, eine Briefannahmestelle. Damals also hatte Wilster gerade eine eigene Poststation erhalten, natürlich noch keine Postkutschenverbindung. „Durch einen ½ Meile langen Steindamm“, heißt es weiter, „hat sich Wilster die Kommunikation mit der Geest zu jeder Jahreszeit gesichert. Die übrigen Wege in der Gegend sind entweder sehr gut oder sehr schlecht und ganz von Witterung abhängig.“ Das Industriezeitalter kündigte sich in der Ferne an: H. Meyer hat eine Brennerei, die, mittels Dampf getrieben, bloß Genever fabriziert, der sämtlich nach Südamerika und Westindien ausgeführt wird. 8 Tabakfabriken sind in Wilster“, freilich meinte man mit „fabriken damals noch etwas anderes in Kleinstädten Holsteins als wir heute, es waren technisierte Kleinbetriebe. Wilster hatte sich also um 1835 voll erholt, sich seine Position als Handelsstadt unter überlieferten Verkehrsbedingungen wieder zurückgewonnen. Dass sich übrigens auch auf dem Gebiete des Handwerkes nichts gegenüber früheren Jahrhunderten geändert hatte, dass den Stadthandwerkern in denen der Kirchdörfer der Marsch eine erhebliche Konkurrenz geblieben war, sogar (im Landrecht) unmittelbar vor den Stadttoren, zeigt für das Jahr 1840 W. Jensen:574) Es hatten an Handwerkern die Alte Seite 11, die Neue Seite 10, Beidenfleth 28, dazu 8 Gesellen, Wewelsfleth 82 mit 21 Gesellen, Brokdorf 30 mit 8 Gesellen und alles übertreffend St. Margarethen 93 mit 36 Gesellen. Einmannbetriebe überwogen also, aber ihre Zahl war sehr erheblich.
Zwei Rückschläge, zurückzuführen auf Naturgewalten, fallen in diese Zeit und müssen erwähnt werden. 1825 brachen zum letzten mal in erheblichem Umfange bei einer Sturmflut die Deiche. Es gab umfangreiche Überschwemmungen in der Wilstermarsch.5759 In der Nacht vom2. Zum 3. Februar setzte Südweststurm ein, sprang später anhaltend auf Nordwesten um, und brach in der Nacht vom 3. Auf 4. Februar weithin die Deiche. Wieder wie die früheren dergleichen Katastrophen stand die Marsch weithin unter Wasser. „Alles Land von Beidenfleth, Wewelsfleth, Brokdorf, St. Margarethen, sowie Rotenmeer, Neufeld, Poßfeld, Schotten und am Rehwege bis an die Hohe Brücke war unter Wasser gesetzt. An den niedrigen stellen stand es fünf bis sechs Fuß hoch auf dem Felde.“ Das Wegenetz und das Deichband wurden an zahlreichen Stellen unterbrochen. „Von einer Breite, worauf zwei Wagen sich bequem vorbeifahren konnten, blieben an mehreren Stellen nicht mehr stehen, als für einen Fußgänger erforderlich ist.“576) Das hochgelegene Wilster blieb wie auch sonst ebenfalls diesmal im Grunde verschont. Der Deichinspektor C.H. Christensen (durch das Patent vom 29. Januar 1800 nahm die Regierung das Deichaufsichtsrecht in Anspruch und setzte zu dem Zwecke technische Deichinspektoren ein)577) versuchte, sich am 4. Februar ein Bild von den Schäden in der Wilstermarsch zu machen. Er gelangte glatt nach Wilster selbst, als er weiter wollte, kamen die Schwierigkeiten. „Um 9 Uhr morgens ward Wilster verlassen, um dem Wege längs dem Stördeiche zu folgen. Hier fanden wir im Deiche viele Kammstürzungen ……“578) Und dann wurde es immer katastrophaler. Eine Stadt wie z.B. Itzehoe, von Glückstadt ganz zu schweigen, hat, was Wassernot betrifft, auch 1825 mehr erdulden müssen als Wilster, vor dem die Fluten Halt machten. Die Februarflut 1825 war „die höchte der beobachteten Sturmfluten. Sie überstieg den mittleren Hochwasserstand um 4,11 m. Durchbrochen wurden die Deich durchweg bei den Stöpen. Seit dieser Zeit führen in der Wilstermarsch (mit Ausnahme der Stördeiche) die Übergänge nur in einer schrägen Linie über den Elbdeich“.579)
Die andere Heimsuchung kam durch die „jüngste der epidemischen Krankheiten“, die Europa erfassten, durch die Cholera. Sie kam aus dem Osten nach Europa, erreichte 1831 Hamburg und verschonte gerade auch Wilster nicht. „Am 31. Mai 1832 zeigte sie sich in der Stadt Wilster und raffte binnen 4 Wochen gegen 120 Menschen weg. Am 2. Pfingsttage wurden dort 13 Leichen nacheinander beerdigt. Sehr strenge Maßregeln wurden ergriffen, um die Ansteckung der Krankheit zu verhindern, Gesundheitskommissionen gebildet. Die Küsten wurden durch das Militär beobachtet. 1833 war die Cholera nur in Wilster und Altona verbreitet. Wilster verlor von seinen 2500 Einwohnern 126, besonders herrschte die Cholera an der Aue und den Kanälen, ebenso in Glückstadt und Itzehoe an der Stör.“580) Es waren die fragwürdigen sanitären Verhältnisse am Gewässernetz, welche seuchenerzeugend waren, so sollte es in gewisser Hinsicht bis zur Verrohrung im 20. Jahrhundert bleiben, wenn auch solche Seuchen aufgehört hatten.
Anderer Krankheiten wurde man damals besser Herr. Die Pocken waren als gefährliche Krankheit verbreitet, bis die Impfung eingeführt wurde. 1832 starben noch einzelne Menschen im Amt an den Blattern. Fleckfieber war eine andere gefährliche Krankheit, die früher „oft mit anderen Krankheiten zusammen geworfen“ wurde, so berichtete Culeman in seinem „Denkmal der hohen Wasserfluten“ auf Seite 287 aus dem Jahre 1720: „Dieses heftige, wahrscheinlich giftige Fieber brachte dem Leibe nach viele in einen ganz erbärmlichen Zustand und viele mussten sich damit eine lange Zeit schleppen; andere aber, weil böse Zufälle dazu schlugen, mussten daran krepieren und sterben, besonders diejenigen, welche das hitzige Fieber ergriff. „Alle 3 Lehrer starben damals innerhalb eines Vierteljahres in Wilster. Die Malaria oder das Wechselfieber“ war früher bei uns die häufigste Krankheit, fast jeder Marschbewohner musste es durchmachen, auf der Geest war es selten. Die Erkrankungen begannen meist im April. Man kann deshalb die Krankheit im Jahre 1720 in der Wilstermarsch vielleicht auf Malaria beziehen, weil das allgemeine Fieber im Frühling anfing. Fleckfieber tritt meist im Winter am stärksten auf wegen der Beteiligung der Läuse dabei.“ „Meist setzte das Fieber“, das Wechselfieber, „mit Schüttelfrost ein, schon vorher waren die Nägel und die Nasenspitze ganz blaß und eiskalt geworden. Das dreitägige Wechselfieber (Drüddendagsfieber) war zu unterscheiden von solchem, welches ein um den andern Tag kam (Anderndagsfeber).“ Enorme Mengen von Chinin wurden dagegen aufgewandt. „Damals hieß es immer, die Wilstermarsch sei zu früh eingedeicht, sie schwämme noch auf dem Wasser, dadurch käme die ungesunde Feuchtigkeit“. Urheber waren wohl die Mückenscharen, es wird geradezu von Mückenplagen berichtet. Nach 1887 hörte die Malaria fast ganz auf.581) Der Rektor G.F. Schumacher berichtet in seinen „Genrebildern“, wie ihn einmal das Wechselfieber packte: „Ich bekam im ersten Sommer ein capitales Marschfieber. Wenn mein schlimmer Tag war, lag ich im Bette, die Hausthür und untere Stube war preisgegeben, denn meine Wärterin kam nur zu gewissen Stunden. Ob Jemand unten sei, darum kümmerte ich mich nicht, und verließ mich darauf, dass keiner so dreist sein würde, was zu stehlen, da, wo nichts zu stehlen war. Mein bißchen Geld und Kleider waren im Koffer oben bei meinem Bette. So trieb ich das Wesen an 6 Wochen, Tag und Nacht, ging den guten Tag zur Schule, den bösen zu Bett, und ward zuletzt dabei so abgezehrt und so dumm und dämlich, dass man mich nicht wieder kannte.“ Ihn half eine gehörige Portion Chinin schließlich wieder auf die Beine. Das Volk habe damals damit noch wenig im Sinn gehabt, es habe die Krankheit lieber „besprechen“ lassen.
Erheblich veränderte Verkehrsbedingungen bahnten sich an, als man begann, an die Stelle der alten Naturwege, im Lande auch oft als „Ochsenwege“ bezeichnet, feste Kunststraßen zu errichten. Die napoleonische Herrschaft ließ in Frankreich „Chausseen“ erstehen. Wenn auf solchem Straßenunterbau 2 Pferde nunmehr soviel fortzuziehen vermochten wie auf den alten Wegen 16, so wurde klar, dass damit eine erhebliche Verlagerung des Warenverkehrs zugunsten der Straße einsetzen werde. Ein Staat nach dem anderen hat derartige Chausseen nachgebaut. In den Herzogtümern erstand die erste von 1830 bis 1834, sie führte von Altona nach Kiel, wurde fortan Muster für alle später angelegten Kunststraßen. Am 1. März 1842 erhielten die Herzogtümer durch König Christian VIII. die erste allgemeine Wegeordnung. Die öffentlichen Fahrwege wurden in drei Hauptklassen eingeteilt, 1. Hauptlandstraßen, 2. Nebenlandstraßen und 3. Nebenwege. Hauptlandstraßen waren solche, die die Herzogtümer miteinander und mit dem Auslande oder großen Häfen, auch großen Handels- und Waffenplätzen überhaupt verbanden. Nebenlandstraßen verbanden die Städte, verkehrswichtigen Orte, Häfen usw. miteinander, die Nebenwege führten dann zu den übrigen Orten des Landes. Die beiden ersten Klassen sollten befestigt werden, die Hauptstraßen vom Staate, die Nebenstraßen von sog. Distrikten. Es wurde nun natürlich wichtig, welche Routen als Landstraßen erhoben wurden. Davon hing ganz wesentlich in Zukunft das Gedeihen der Orte ab. Vor allem wurde natürlich wichtig, welche Straße nun wirklich als Chaussee ausgebaut wurde. Bis 1848 wurde im Gebiet, das uns hier interessiert, nur eine Chaussee fertiggestellt. 1846-48 erstand die Chaussee Elmshorn-Steinburg-Itzehoe-Rendsburg. Immerhin war ja Wilster durch seinen Steindamm selber an das Netz fester Straßen schon angeschlossen, aber gewiss nur am Rande.582)
Während ein Netz fester Chausseen erst in einigen Ansätzen bestand, tauchte schon ein weiteres, schnelleres Verkehrsmittel auf, dem dann für lange Zeit das Hauptgewicht im Personen- und Waren-verkehr zufiel, die Eisenbahn. Das Eisenbahnnetz gewichtete die wirtschaftliche Bedeutung der Orte, so wie es in den bisherigen Jahrhunderten die natürlichen Wasserwege vor allem getan hatten. Am 18. September 1844 erfolgte die Eröffnung der „Christian-VIII.-Ostseebahn“ von Altona wieder nach Kiel. Man kann nun durchaus nicht sagen, dass die durch diese ganze Entwicklung benachteiligten Städte der Westküste den Wert dieser neuen Verkehrsmittel, vor allem der Eisenbahn nicht erkannt hätten. Das Gegenteil ist der Fall gewesen. Schon 1845 erlangte Glückstadt, noch immer der staatlich bevorzugte Ort der Westküste seinen Anschluss von Elmshorn her. Freilich war es als Festung schon 1816 geschleift worden, im Jahre 1834 wurde das Oberappellationsgericht nach Kiel verlegt, das Obergericht in Glückstadt war nur noch eine Mittelinstanz. Gewichtig wurde nun, wie diese Eisenbahn nun an der Westküste weitergehen würde, ob etwa, und derartige Erwägungen gab es in Glückstadt, diese von Glückstadt aus über die Stör direkt weiter und damit an Itzehoe und natürlich auch an Wilster vorbei, oder eben über diese Städte, oder, und so dachte man in Itzehoe, dass die Glückstädter Bahn eine Sackgasse bliebe, die Westküstenbahn von Hackelshörn (Horst) von der Altona-Kieler Strecke abzweigen würde, um, unter Beiseitelassung von Glückstadt direkt über Itzehoe zu führen.583) „Je nach Lage war der eine Ort für Hackelshörn, der andere für Glückstadt“. Wilster musste seiner ganzen Lage nach hinter Itzehoe stehen. Noch bevor der Anschluss der Bahn für Glückstadt fertiggestellt war, entstand schon der Plan einer Weiterführung dieser Strecke über Wilster, Meldorf und Heide. „Nur so konnten die Erzeugnisse des Raumes zwischen Eider und Stör rasch auf den Hamburger Markt gelangen; denn die Marschwege, damals überall noch miserabel, waren bei nassem Wetter unbenutzbar. Auch die Beförderung zu Schiff war angesichts der schlechten Hafenverhältnisse an der Westküste und der Elbmündung nur mit kleinen Fahrzeugen möglich und daher so umständlich und gefahrenreich, dass die Versicherungsprämien für Entfernungen zwischen Tönning und Hamburg ebenso hoch oder höher waren als die Transporte nach Amerika“, so schreibt von Rehdern in „Die Eisenbahnen Deutschlands“ (Berlin 1843/44, S. 1955). Am 30.4. 1845 erfolgte die Gründung einer „Holsteinischen Westbahn-Gesellschaft“, einer Aktiengesellschaft, in die die interessierten Ortschaften einstiegen. Auch die Regierung zeigte Interesse, versprach eine Beteiligung mit 300 000 Talern, dachte an eine Fortführung der Bahn im Schleswigschen nach Flensburg. Im Januar 1848 lag sodann die Bahnlinie im Projekt vor, sie sollte, dafür hatte die Regierung schon am 2. Mai 1844 den Auftrag für das Nivellement gegeben, von Glückstadt über Krempe, Itzehoe, Wilster (hier nördlich vorbei), Flethsee, Kudensee, Taterpfahl, St. Michaelisdonn, Meldorf nach Heide gehen. „So schien die Westbahn so gut wie gesichert“, aber „vor allem die Wirren der Jahre 1848-1851 ließen sie scheitern. Am 25. März 1851 beschloss die Generalversammlung der Glückstadt-Heider Eisenbahngesellschaft ihre Auflösung.“584) Wilster sollte noch viele Jahre auf den Bahnanschluss warten.
Eine andere wichtige Folge hatte die Bahn Altona-Kiel. Sie erfasste das obere Störgebiet, ließ für dieses die alte Verkehrsverbindung auf dem Wasserwege vorbei am Itzehoer Stapel zurücktreten. „Erst die neue Zollordnung vom 1.3.1838 scheint den Itzehoer Störbaum endgültig zerbrochen zu haben“, meint H. Schulz.585) Nun, es war gewiss die Eisenbahn, die den Störbaum uninteressant werden ließ. Die letzten Angriffe gegen ihn erfolgten übrigens mehr mehr durch Wilster, bisher dem hartnäckigsten Verfechter einer Beseitigung, sondern durch Kellinghusen. Der erste Antrag von hier erfolgte 1824 und wurde vom Glückstädter Obergericht abgelehnt.586) Ein zweiter Antrag des Fleckens wurde von der inzwischen entstandenen Holsteinischen Ständeversammlung angenommen (Antrag 1840, Annahme 1844). Die Resolution König Christians VIII. vom 3. Juli 1846 hob daraufhin das Itzehoer Stapelrecht auf, wo seine Beseitigung für Wilster sehr viel von seinem Wert verloren hatte. Freilich behielt der Wasserweg, wo das moderne Verkehrsnetz noch so sehr Stückwerk geblieben war, noch seine beachtliche Bedeutung, waren Stör und Nebenflüsse vom „Störprahm“, später vom Ewer fleißig genutzt.587) Es waren flachbodige Segler, die somit auch bei Trockenfallen bei Ebbe stets im aufrechten Zustande überstanden. Da ein Kiel nicht vorhanden war, führte der Schiffstyp Seitenschwerter, von denen jeweils das auf der Leeseite zu Wasser gelassen wurde.
Es seien noch einige Punkte und Zahlen für di Zeit bis 1848 hier kurz vermerkt. Volkszählungen fanden, mit Ausnahme der Jahre der Erhebung 1848-51, nunmehr alle fünf Jahre statt. Die Stadt Wilster wuchs langsam weiter an. Die Stadt zählte 1840 2779 Einwohner, 2871 waren es dann 1845 (im letzteren Jahre zählte Glückstadt 5884, Itzehoe 5835, Krempe 1252 und Kellinghusen 1452 Einwohner).588) Im Jahre 1840 erhielt der Magistrat für sämtliche Schulen der Stadt das Präsentations-recht, was verständlich war, da ja die Große Stadtschule inzwischen wirklich, was den Besuch betraf, eine reine Stadtschule geworden war. Freilich wurden die Lehreranwärter weiterhin vom Propsten in „Schulwissenschaften“ geprüft.589) In den Jahren nach 1840 wurden im Kirchspiel Wilster „Kirchen- und Schulsteige“ angelegt, um jedenfalls in dieser dringlichen Angelegenheit Allwetterverbindungen zu haben.
Liberalismus und Nationalismus wuchsen als Bewegungen in der Zeit von 1814 bis 1848 heran. Holstein wurde auf dem Wiener Kongress 1814/15 Teil des Deutschen Bundes, eines Staatenbundes, der an die Stelle des 1806 erloschenen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation getreten war. Die Bundesakte vom 8. Juni 1815 verlangte, dass in allen Bundesstaaten eine landständische Verfassung eingeführt werde. Daraufhin machte die Schleswig-Holsteinische Ritterschaft, die sich in besonderem Ausmaße, da lange Zeit die ausschlaggebende Kraft unter den alten Ständen der Herzogtümer, der alten Privilegien bewusst war, am 8. Oktober 1816 durch ihren Sekretär, den Professor F.C. Dahlmann, eine „unmittelbare Vorstellung“. Darin wurde vor allem das Steuerbe-willigungsrecht gefordert. Als der Staat nicht reagierte, wandte sich die Ritterschaft 1822 an den Deutschen Bund, wo man jedoch, da hier inzwischen ein stramm reaktionärer Kurs gesteuert wurde, keinen Erfolg hatte. Der Bundestag zu Frankfurt lehnte am 27. November ab, da „die alte Verfassung in anerkannter Wirksamkeit nicht bestehe.“ Am 1. November 1830 legte der bisherige Kanzleirat in der Schleswig-Holsteinisch-Lauenburgischen Kanzlei in Kopenhagen (gemeinhin Deutsche Kanzlei genannt) Uwe Jens Lornsen in Kiel seine Schrift „Über das Verfassungswerk in Schleswig-Holstein“ vor. Der Dänische Gesamtstaat reagierte hart, denn Lornsen, einst Mitglied der Deutschen Burschenschaft, wollte Schleswig-Holstein und Dänemark unter jeweils eigenen Verfassungsordnungen stehen lassen, „nur der König und der Feind sei uns gemeinschaftlich“.590) Lornsen scheiterte offenbar. Er fand damals noch nicht die breite Resonanz, die er sich erhofft hatte. Der Staat jedoch sah sich veranlasst, den Strömungen der Zeit entgegenzukommen. So erschien am 28. Mai 1831 das „Allgemeine Gesetz wegen Anordnung von Provinzialständen in den Herzogtümern Schleswig und Holstein“. Jeder Teil bekam für sich eine ständische Verfassung. Die holsteinischen Stände sollten in Itzehoe tagen, zählten 48 Mitglieder. Eines, der Besitzer der Herrschaft Hessenstein, war festes Mitglied. 7 wurden vom König ernannt (4 Vertreter der Ritterschaft, 2 Geistliche und ein Vertreter der Universität Kiel). Die übrigen Abgeordneten wurden in drei Klassen gewählt, vom Großgrundbesitz, vom kleinen Landbesitz und von den Städten. Diese Stände hatten nur beratende Stimme, ihre Beschlüsse waren nicht verbindlich für den Staat, doch wurden durch sie die politischen Dinge mächtig belebt. Am 15. Mai 1834 trat die ständische Verfassung in Kraft. 1836 traten die Stände der beiden Herzogtümer in Schleswig und in Itzehoe zum ersten Mal zusammen.591)
Über das Wahlrecht wurde folgendes bestimmt: Man musste 10 Jahre mindestens in der Monarchie gelebt haben, 25 Jahre alt sein, unbescholten sein, über sein Eigen disponieren können, d.h. nicht etwa ohne eigenen Herd dienen oder auf Unterstützung des Armenwesens angewiesen, man musste weiter wenigstens 2 Jahre im Wahlbezirk gelebt haben, musste in den Städten Eigentümer eines Grundstückes sein, das wenigstens „zu 800 Thlr. R.M. in der Brandkasse versichert“ war, dazu hatte man das Bürgerrecht zu besitzen oder doch „für eigene Rechnung“ den „Betrieb eines bürgerlichen Nahrungszweiges“ zu haben. Von den 48 Mitgliedern der Stände Holsteins waren 15 von den Städten und Flecken in 12 Wahldistricten zu wählen. Der 7. Distrikt war „der gemeinschaftliche Polizeidistrict der Stadt Wilster, der Stadt Crempe, der Flecken Elmshorn mit Vormstegen und Klostersande und des Fleckens Uetersen.“592) Hier hatten Wilsteraner, nach Censuswahlrecht allerdings, ihre Vertreter, und zwar war der Wahlort abwechselnd Wilster und Elmshorn, wählen, was beim eigenen Rat nach altem Herkommen noch immer nicht der Fall war.
Der „Dänische Gesamtstaat“ war ein Gebilde, bestehend aus einer Anzahl sich eigenständiger Staatsgebilde, die weniger durch Eroberung als vielmehr durch dynastisches Erbrecht zusammengekommen waren, die in „Personalunion“ unter einem gemeinsamen Herrscher lebten, der ihr König, Herzog, Graf oder ähnliches war. Sein höchster Rang war hier der eines Königs von Dänemark. Dieses Territorium stellte nicht nur den höchsten Rang, sondern war auch weitaus das größte Territorium, zumal nachdem dieser Staat schon durch Landverlust sehr zusammengeschrumpft war. So sprach man vom „König etc,“ und vom „dänischen“ Staat. Auch in Schleswig-Holstein fühlte man sich in dieser Beziehung als dänische Staatsbürger und Patrioten. Das besondere an diesem Gebilde war nun, dass es von verschiedenen Nationalitäten bewohnt wurde, von Dänen, Deutschen, Isländern (und bis 1814 Norwegern). Das tat dem Patriotismus diesem Herrscher und seinem Staat gegenüber jedoch solange keinen Abbruch, solange das Nationale nur eine untergeordnete Rolle spielte. Das änderte sich jedoch seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, als im eigentlichen Dänemark eine antideutsche Bewegung heranwuchs, zunächst mit dem Ziel, sich gegen deutsche kulturelle Überfremdung zu wehren. In der Folgezeit war man bemüht, und, was entscheidend wichtig wurde, der Staat stand immer mehr unter dem Einfluss dieser Bewegung, war man also bemüht, dem immer weiter nach Norden im Herzogtum Schleswig vordringenden deutschen Sprachgebrauch zu stoppen und umgekehrt, Schleswig wieder dänisch zu machen, einen, übrigens friedlichen, Prozess von vielen Jahrhunderten wieder rückgängig zu machen. Es ist um einen Nationalitätenstaat aber sehr schlecht bestellt, wenn eine dieser Nationalitäten die Staatsmacht missbraucht, um einer anderen Nationalität zu schaden. So ein Staat wird zum Kampffeld und meistens zerbricht er dann auch. Nachdem die Regierung schon Jahrzehnte lang Schritte verordnet hatte, um das Dänische in Schleswig zu stärken oder wieder zu erwecken, erfolgte auch als Antwort hierauf die deutsche schleswig-holsteinische Bewegung, und auf beiden Seiten stieg die Erregung immer mehr an, wobei man sich der Geschichte, der Verträge (so des Vertrages von Ripen 1460) und des Erbrechtes bediente. Die Deutschen erhofften eine Trennung durch unterschiedliches Erbrecht (Friedrich VII. hatte keinen Erben, in Dänemark aber galt seit 1665 die weibliche Erbfolge, in den Herzogtümern die männliche). Die Dänen wollten Schleswig bis zur Eider mit Dänemark territorial vereinigen, Holstein eventuell aufgeben, was ein Ende einer jahrhundertelangen „up ewig ungedeelten“ Existenz bedeutet hätte, wenn die „Eiderdänen“ ihren Willen bekämen. Die Entwicklung führte schließlich zur gewaltsamen Entladung im Jahre 1848.
Eine staatliche Gemeinsamkeit von 4 Jahrhunderten in guten und schlechten Zeiten führt zusammen. So war es auch im Dänischen Gesamtstaat. Es brauchte schon einiges, bis dieses Gemeinschaftsgefühl erlosch. Vor allem in Holstein, wo man ja weiter vom Schuss war, dauerte es seine Zeit. Die Elbmarschen des Amtes Steinburg hatten immer zum „königlichen Anteil“ gehört, die Könige hatten ihnen besonders ihre Aufmerksamkeit geschenkt. So hielten sich hier die alten Bindungen bis in die 40er Jahre des 19. Jahrhunderts hinein, auch in der Stadt Wilster. Für die Bürgergilde wurde z.B. noch im Jahre 1840 „von den sämtlichen gegenwärtigen Frauen der Interessenten eine neue Fahne von rothem Seidenzeuge, mit ein paar seidenen Quasten daran, und dem Namenszeichen: Christian VIII. an die Gilde zum Geschenk gegeben.“593) Zum Schießen der Gilde heißt es: „Nachdem nun daselbst zuerst die 3 Schüsse für Sr. Majestät. Unsern allergnädigsten König, als Ehren-Mitglied der Schützengesellschaft geschehen“, folgen die weiteren nach.594) Ehrenmitglied der Bürgergilde war der dänische König seit 1825 auf „Antrag des derzeitigen Hauptmanns der Schützengilde, des Kriegs-As. Lic. Groth, eines hiesigen Arztes“, dessen Antrag dem König unterbreitet wurde, worauf derselbige „es zu erlauben geruhet“, geschehen „Glückstadt, den 24. Juni 1825“.595) Noch in den Jahren 1843 und 1845 war der König persönlich in Wilster. Alle 8 Glocken läuteten, die Kirche war mit Busch geschmückt.596) Ein feierlicher Empfang König Christians VIII. also 3 Jahre vor der Erhebung, ein Jahr allerdings vor seinem „Offenen Brief“ (1846), in dem er erklärte, dass in Schleswig die weibliche Erbfolge gelte, also die feste Verbindung mit Dänemark, während in Holstein für einige Teile die Frage unklar sei. Seitdem stieß der König in den Herzogtümern weithin auf Ablehnung.
Die Erhebung der (deutschen) Schleswig-Holsteiner gegen die Dänen im Jahre 1848 war ein für die Landesgeschichte überaus wichtiges Ereignis. Wichtig in den Jahren davor waren Gründungen von Organisationen, Parteien als solche konnten ja kaum wirken, die zu Vorkämpfern des Schleswig-Holsteinismus wurden, in denen sich deutsche Gesinnung zeigen konnte. Dieses waren Studentenverbindungen, Turnvereine und Liedertafeln. Vor allem die letzteren wurden in den 40er Jahren bedeutsam. Studentenverbindungen gab es natürlicherweise nur in Kiel. Turnvereine gab es damals auch nur in den großen Städten, also z.B. in Kiel. Beide waren denn auch im ersten Gefecht im April 1848 (bei Bau) stark vertreten. Liedertafeln gab es damals schon viele, sie schossen in den 40er Jahren fast wie Pilze aus der Erde.597) 1835 bildete sich in Kellinghusen die erste Liedertafel in Schleswig-Holstein.598) 1839 wurde die Liedertafel in Schleswig gegründet, Vorbild für viele Gründungen im Lande.599) „Zwischen 1835 und 1845 entstanden in Schleswig-Holstein etwa 100 Liedertafeln über das ganze Land verteilt bis in die kleinsten Ortschaften.“ Die Itzehoer erstand z.B. 1841, und die in Wilster schon ein Jahr später im Jahre 1842. Es war das Jahr, wo sich Liedertafeln aus dem Niederelberaum erstmals in Glückstadt trafen. Selbst hier zeigte sich, dass in Holstein die damit verbundene antidänische Haltung später als in Schleswig einsetzte, dass hier solche Feste ein musikalisch-geselliges Anliegen waren. Ein Festteilnehmer in Glückstadt schrieb darüber: „die erschienenen Liedertafeln hatten ihre Fahnen und Banner entfaltet zu beiden Seiten – nicht einer allgemeinen deutschen Fahne, sondern der dänischen als holsteinischen Landesfahne.“ Zwei Jahre später im Jahre 1844 auf dem Sängerfeste in Schleswig, wo 12 000 Menschen zusammengeströmt waren, erscholl zum ersten Mal und mit großem Jubel aufgenommen das damals neu komponierte Lied: „Schleswig-Holstein meerumschlungen, deutscher Sitte hohe Wacht“.600)
Die Schleswig-Holsteinische Erhebung 1848-51 kann hier relativ kurz behandelt werden, da Wilster selbst niemals direkt von den Kampfhandlungen betroffen war. Der Kampf, an dem sich auch Wilsters Jungmannschaft zu beteiligen hatte – und ihre Blutopfer brachte, fand ausschliesslich im schleswigschen Landesteil statt. Zum Bruch kam es, als im März die Eiderdänen in Kopenhagen den König veranlassten in einer Revolution, Dänemark einschließlich Schleswig eine liberale Verfassung zu geben, also Schleswig von Holstein zu trennen. Die Antwort war die Proklamation einer provisorischen Regierung für Schleswig-Holstein in Kiel am 24. März 1848, weil „der Wille des Landesherrn nicht mehr frei ist und das Land ohne Regierung“. Die „Insurgenten“, wie die Schleswig-Holsteiner von den Dänen genannt wurden, erhielten Rückhalt aus Deutschland, wo nach einer geglückten Revolution in Frankfurt durch eine Nationalversammlung in der Paulskirche der Versuch gemacht wurde, einem sich bildenden Deutschen Reich, zu dem auch Schleswig-Holstein gehören sollte, eine demokratische Verfassung zu geben. Hinter den Dänen aber standen fast das gesamte übrige Europa, Rußland, Schweden-Norwegen, Großbritannien und Österreich. Diese Mächte übten einen ganz erheblichen Druck aus, dem der König von Preußen, welcher das Hauptkontingent aus Deutschland stellte, zuletzt nachgab, um seinen Staat nicht in einen aussichtslosen Krieg zu führen. Die Schleswig-Holsteiner setzten zuletzt 1850 in der Punktation von Olmütz dem österreichischen Willen unterworfen hatte, erschienen bei der Statthalterschaft in Kiel am 6. Januar 1851 Vertreter dieser beiden Mächte und forderte Unterwerfung, da sonst ihre Truppen dieser Forderung Nachdruck verleihen würden. Die Landesversammlung, das Parlament Schleswig-Holsteins, ist angesichts der aussichtslosen Situation dem in der Nacht vom 10. zum 11. Januar 1851 nachgekommen. Die dänische Herrschaft wurde also wiederhergestellt. Sie war jetzt aber im Gegensatz zu den vergangenen 4 Jahrhunderten kaum mehr als eine Fremdherrschaft.
In den letzten Jahren der Personalunion mit Dänemark hat sich nur noch weniges getan. Dazu war die Zeit zu kurz. Auch gab es Belastungen durch den verlorenen Krieg. Das schleswig-holsteinische Papiergeld wurde für ungültig erklärt, die eigenen (und zum Teil die Dänemarks) Kriegskosten waren zu tragen. Auch wird der dänische Staat vor allem an Holstein nicht mehr dasselbe Interesse gehabt haben. Verfassungsmäßig blieb es bei der Ordnung von 1834. Doch wurde diese provinzialständische Verfassung am 11. Juni 1854 „reguliert“. Die Ständeversammlung, die nunmehr 51 Mitglieder zählte, tagte in jedem 3. Jahre in Itzehoe. Sie durfte gemeinnützige öffentliche Einrichtungen schaffen und unter Aufsicht eines vom dänischen Staate eingerichteten Ministeriums für Holstein verwalten lassen. Angelegenheiten, die zum amtlichen Wirkungskreis dieses Ministers für Holstein gehörten, sollten, wenn sie Änderungen beinhalteten, nur nach vorgängiger Zustimmung der Stände-versammlung möglich sein. Die Rechte waren also sehr kärglich.601) Einiges geschah schon auf dem Gebiet des Verkehrswesens, wenn auch weit weniger als wohl ohne die Erbetung geschehen wäre. So fiel in die Jahre 1852-54 der Chausseebau der Strecke Itzehoe-Wilster-St. Margarethen-Brunsbüttel, d.h. Wilster lag endlich an einer festen durchgehenden Allwetterstraße von Itzehoe, und damit von Hamburg (Altona), bis nach Dithmarschen, ein nicht zu überschätzender Gewinn.602) Die alte winklige Wegstrecke Wilster-Schotten-Stuven-Büttel konnte man nunmehr vergessen. Vom Neumarkt durch Neustadt und Krumwehl führte nun die neue Route schnurgerade nach Südwesten. 1854 erhielt auch Glückstadt seinen Anschluss, den es freilich mit seinem Steindamm schon längst im Grunde hatte. Für Wilster war wichtig, dass 1857 von der Strecke Itzehoe-Wilster bei der (damaligen) Büchsenkate eine weitere abzweigte über Hochdonn nach Meldorf. Es bestanden jetzt also immerhin 2 gute Verbindungen nach Dithmarschen. Im Bereich sicherer Landwege lag die Stadt nunmehr also nicht mehr in einer Sackgasse. Lange nicht so zügig ging es auf dem Gebiete der Eisenbahnen weiter. Hier holte Itzehoe 1853 sein altes Projekt einer Bahn Horst (Hackelshörn)-Itzehoe hervor, um auf Kosten von Glückstadt den Westküstenhandel an sich zu ziehen. Und am 3.2.1853 beschloss die Kiel-Altonaer Eisenbahngesellschaft tatsächlich, darauf einzugehen.603) Der rührige Itzehoer Bürgermeister gewann die Gemeinden, die von Itzehoes Bahnanschluss Vorteil hätten, wozu auch die Stadt Wilster gehörte. Aber es kam anders. Am 4. Oktober 1854 erlaubte die Regierungen, dass die Glückstadt-Elmshorner Eisenbahngesellschaft ihre Route von Glückstadt nach Itzehoe verlängere.604) Andere Projekte wurden nicht erlaubt. Diese Bahn wurde sodann bis 1857 erbaut. Am 6.10. war die Einweihungsfeier, am 15.10. wurde die Strecke in Betrieb genommen. Damit, und darüber kam man in dänischer Zeit nicht mehr hinaus, hatte sich die Eisenbahn bis auf 10 km an Wilster herangeschoben. Es wurde wohl 1856 in Meldorf ein ausführlicher Bauplan für einen Weiterbau nach Dithmarschen entwickelt, doch wurden derlei Planungen nicht weiter verfolgt. 1858 wurde aber immerhin vom Staate eine tägliche Personenpost für Wilster mit Itzehoe und Heide eingerichtet. Die Zeit der Postkutsche hatte also endlich Wilster auch erreicht. St. Margarethen, das ja an der Chaussee lag, erhielt 1854 eine „Briefsammelstelle“. Die Ortschaften „abseits der Postrouten waren weiter auf den Privatverkehr angewiesen.605) Das schiffbare Gewässernetz um Wilster wurde bis 1868 (bis in die preußische Zeit also) so optimal ausgebaut, wie seitdem nicht wieder. Bis zu diesem Jahre nämlich wurde der Bütteler Kanal bedeutend ausgebaut, die Schifffahrtsrinne durch den Kudensee abgestackt, die Burger Au, der Abfluss nach Norden wurde begradigt, und bei Bebek wurde schließlich eine Kammerschleuse in die Wilsterau gebaut. Man konnte nunmehr auch mit größeren Kähnen von Wilster bis in die Elbe bei Büttel fahren, eine wesentliche Verbesserung für den Warenverkehr mit dem Schiff.606)
Die Einwohnerzahl Wilsters stieg in den 50er Jahren zunächst vorübergehend auf über 3000 an. Nach den Volkszählungen waren es 1855 3047 und 1860 dann 3056 Einwohner. Am 3. Dezember 1864 wurde dann mit 3144 Einwohnern ein Höhepunkt erreicht (zur selben Zeit hatten Glückstadt 5041, Itzehoe 7356 Einwohner, womit es über Glückstadt hinausgewachsen war, Kellinghusen hatte nur 2f105 und Krempe 1203 Einwohner).607) Die Verfassung wich nicht wesentlich von dem Herkömmlichen ab, „der Magistrat besteht aus einem Bürgermeister, der zugleich Polizeimeister und Stadtsecretär ist, und 3 Rathsverwandten, das Collegium der Stadtdeputierten“, die Achtmänner, „zählt 8 Mitglieder, auch ist hier ein Stadtcassierer. Die Verfassung weicht im Wesentlichen nicht von der Verfassung der anderen holsteinischen Städte ab. Vorläufig gilt ein Localstatut vom 11. Februar 1850,“ also noch aus der Zeit der Erhebung.608) Dann gab es in der Stadt diverse staatliche Amtsträger: „In der Stadt wohnen ein Zollverwalter, ein Controlleur nebst Assistent, ein Postmeister, den Kirchspielvogt der Wilstermarsch. Johannes von Schröder und Hermann Biernatzki, denen wir aus dem Jahre 1856 eine „Topographie“ Holsteins verdanken, machen, gut informiert durch lokale fachlich beschlagene Persönlichkeiten, genaue und verlässliche Angaben auch über Wilster.609) So erfahren wir: „Wilster vormals Wilstera, Stadt im südwestlichen Theile des Herzogtums Holstein, in der Wilstermarsch und an der Wilsterau, etwa 1 Meile von der Elbe, Propstei Münsterdorf. Breite 53 Grad 55 Minuten 22 Sekunden, Länge 27 Grad 2 Minuten 15 Sekunden.“ Sehr genau bis auf die Erläuterung einstiger Ortsbezeichnung, denn Wilstera war die Wilsterau, Wilster hieß Wilstria. Auch über die historische Vergangenheit zeigten sich ihre Informanten recht gut informiert. Es habe bis 1282 hollisches Recht gehabt, Stadtrecht, eine Gründungsurkunde war damals ja weder im Original noch in Kopie im Archiv vorhanden, habe der Ort seit 1240 oder 1282. Erstmals wird auf Grund des Namens Burggraben angenommen, dass Wilster eine Burg gehabt habe. Weiter über den Gebäudebestand: „Die Anzahl der Häuser beträgt 358, welche wiederum in Vollhäuser bis zu Einachtelhäusern rücksichtlich des sogenannten Hausschosses abgetheilt werden.“ Jährlich finde erneut eine sogenannte „Hausschoßsetzung“ statt, in denen „die Häuser nach den Umständen des Vermögens der Besitzer“ neu klassifiziert würden. Gebäude im Besitze der Stadt seien: „das Rathaus, die Schulgebäude, das Wachthaus, Spritzenhaus und die Wohnungen der beiden Stadtdiener“, die alle „schoßfreie oder priviligierte Häuser“ seien, übrigens auch die Kirchenhäuser. Erwähnt wird, dass die erste Kirche 1160 erwähnt wird, dass die jetzige, eine „der größten und schönsten des Landes“, im Inneren „amphitheatralische“ angelegt sei, „so dass sie von der Kanzel nach allen Seiten hin übersehen werden“ könne, der Erbauer wird erwähnt, Bauzeit auf 1774 -1780 angegeben. Als Kirchhof wird noch der von 1604 angegeben. „ Die schöne Orgel enthält 40 Register“. Genau werden auch die vielen Bauernschaften, die zu Kirchspiel gehörten, angegeben. Es sind genau 50 an der Zahl. Die Straßen, welche vorhanden, werden in ihrer damaligen Bezeichnung vermerkt: „Deichstraße, Zingelstraße, Haberstraße (heute Burger Straße), Kohlmarkt, Oevelgönne (heute Kohlmarkt) und Honigflether Straße, Hinterstraße (die Verlängerung der Burger Straße am Kirchplatz), Hofstätte, Johannisstraße (zur heutigen Schmiedestraße), Klosterhof, Bäckerstraße (Rathausstraße), Schmiedestraße, Blumenstraße und Neustadt“, dann gäbe es noch eine „kurze Straße, welche keinen Namen führt“, an der die Apotheke läge, also der marktnahe Teil des Kohlmarktes. Schlaat oder Salat sei „eine Gegend in der Neustadt“. Als Plätze werden aufgeführt „der Marktplatz bei der Kirche (früher der alte Kirchhof) und Neumarkt“, der Kohlmarkt wird also nicht mehr als Platz verstanden. Eingegangen wird auf die „Sage“, dass Wilster ein Kloster gehabt habe, „jedenfalls war es nur ein Bettelkloster“. „An der südöstlichen Seite des Klosterhofes sind Überreste von starken Grundmauern gefunden“, der alte Mönkehof habe ja dort gelegen, hierauf nimmt übrigens noch J. Schwarck Bezug in seinem Buch „Wilster vor 100 Jahren“ (1919). Genau werden auch die „Armenstiftungen“ registriert: „Das alte Gast- und Armenhaus für 12 Verarmte, von denen aber zwei nur freie Wohnung erhalten. Es hat ein Vermögen von 6700 Reichstalern v. Ct. Das Doosesche Gasthaus, 1829 gestiftet, ist 1831 erbaut, worin 8 Witwen versorgt werden, und in dem Rehderschen Gasthause in der Langen Reihe vor Wilster, zum Amte Steinburg und der Stadt gehörig, werden zwei arme Frauen aus der Stadt versorgt. Außerdem ist hier eine Franke-Boyesche Stiftung zur Aussteuer armer Mädchen und eine Verpflegungs- und Arbeitsanstalt (in dem früheren Werkhause) seit 1850“, also ganz neu damals, ein Zeichen dafür, dass die Zahl bedürftiger Handwerksgesellen und Arbeitsleute an der Schwelle des industriellen Zeitalters auch hier im Anwachsen begriffen war, der sogenannte „Pauperismus“. Ausführlich wird auch der Dooseschen Stiftung gedacht, ihr Haus, „das ansehnliche schön erbaute“ sei „theils zum Rathause, theils zur Wohnung des damaligen Bürgermeisters bestimmt“, die Doosesche Bibliothek wird (damals) mit „8000 Bänden“ angegeben. Zur Steuerveranlagung heißt es: „Vormals stand die Stadt in der Landesmatrikel für 66 ½ Pflüge, jetzt aber weil mehrere ihrer Grundstücke von ihr abgekommen sein sollen“, eine irrige Vermutung, „nur für 44 Pflüge“. Über das Stadtareal wird angegeben: „Nach dem Landsteuer-Register besitzt die Stadt an Ländereien 125 Ton. 150 R., von denen aber einige unter Jurisdiktion des Amtes Steinburg belegen sind“, wie ja auch die Kirche „auf dem Steinburger Amtsgrunde liegend“ ist. „Zur Stadtjurisdiction gehören 103 Ton. 104 R.“, also weiterhin sehr wenig, „von denen 18 Ton. 204 R. bei der Stadt liegen“, alles andere gehört zum eigentlichen Siedlungsareal. Noch war damals, so Schröder-Biernatzki, auch das „Stadtmoor“ mit 84 Ton. 160 R. vorhanden. Zum Schluss wird noch auf einigen Landerwerb in historischer Zeit eingegangen, auf das Galgenland, das „im Jahre 1600“ der Stadt zugesprochen worden sei, und den Mönkehof, den das Kloster Bordesholm 1475 dem Rathmann Ratke verkaufte. An der Schweinebrücke solle einst (völlig unbelegt) ein Tor gestanden haben „Mönchsthor genannt“.
Für uns gewichtig ist das, was Schröder-Biernatzki über die Wirtschaft der Stadt zu berichten vermögen: „Die Einwohner ernähren sich vom Handel“, der auch hier wieder an erster Stelle steht, „den bürgerlichen Gewerben, dem Branntweinbrennen und Bierbrauen und etwas Viehzucht. Die Stadt besitzt 40 größere und kleinere Fahrzeuge“, Schiffe natürlich, noch immer an erster Stelle für den Warenverkehr stehend, „zum Versenden der Produkte auf der fahrbaren Au, auf der Stör und der Elbe. In Wilster sind 8 Tabackfabriken“ oder was man dafür damals hielt, „2 Essigfabriken und 2 Lohngebereien“, denen besonders eine bedeutsame Zukunft bevorstand. Damals im Jahre 1850 etwa ließ sich bei Wilster im Landrecht ein Nicolaus Böhme nieder, welcher dieses Gewerbe betrieb, nicht gerade zur Reinhaltung der Wasser der Au. Seinem Betrieb sollte eine bedeutsame Zukunft in besonderem Maße bevorstehen, anfangen tat er mit 4 bis 5 Leuten.610) Es heißt weiter: „Kaufleute sind hier 43, worunter 11 Manufakturhändler, 17 Colonial- und Farbewarenhändler, 7 Holzhändler, 6 Getreidehändler, 1 Glaswarenhändler und 1 Uhrenhändler. Hier ist eine Apotheke. Auch sind hier 2 ansehnliche Gasthäuser, das sogenannte Wilstermarschhaus und Nissens Hotel. Mit älteren Zunftartikeln versehene Handwerke sind: Schuster 30, Schneider 19, Tischler 11, Schmiede 16, Goldschmiede 5, Bäcker 18, Weber 8, Barbiere 3, Böttcher 9 und Schlachter 9. Mit neuen Zunftartikeln: Zimmerleute 19 und Maurer 8, welche beiden letzteren 40 Gesellen und 9 Lehrburschen“, der Wilsteraner Ausdruck für Lehrlinge, „beschäftigten. Brauer- und Brennereien sind hier 13.“ Weiter an anderer Stelle: „Wilster hält einen nicht unbedeutenden Krammarkt an Bartholomäi und an den folgenden Tagen, einen Pferdemarkt am 4. Januar und einen anderen Pferdemarkt am 31. Juli.“ Zum Schluss wird von Wilster noch über den Haushalt der Stadt ausgesagt: „Städtische Einnahmen 1838: 10 482 Reichstaler 3 Schilling R.M.; Ausgaben: 9 829 Reichstaler 95 Schilling R.M.; Stadtvermögen 1836: 33 249 Reichstaler 58 Schilling R.M.“ also erheblich, was bei der Beerbung aussterbender sehr reicher Familien nicht gerade verwundern mag;“ und „Königliche Steuern und Abgaben 1838: 6316 Reichstaler 84 Schilling R.M. Eine interessante Bemerkung Schröder-Bienatzkis soll hier nicht unterschlagen sein: „1855 hat man durch Bohrung im Marschgrunde einen Brunnen mit vorzüglichem Quellwasser erbaut, welcher die Einwohner mit Wasser versieht und von großer Wichtigkeit ist.“ Die Einsicht stieg offenbar, dass die Wasserversorgung aus der Au, in die ja auch Abwasser und Fäkalien gingen, nicht die beste gerade sein konnte. Da versuchte man es zunächst mit Brunnenbohrungen mit dem Ergebnis, dass solches Grundwasser nicht ungenießbar war. Derlei Versuche hatte es schon früher gegeben. So ließ sich ein Pastor so einen Brunnen erbohren, als das Wasser der Au vom Meere her stark in seinem Wert herabgesetzt worden war. Schröder-Biernatzkis Topographie ist als Zeitdokument der damaligen Verfassung Wilsters sehr wertvoll, die Quellen aus Archiv und anderen amtlichen Quellen waren verlässlich, die Informanten sehr gut informiert. Urteile über Vergangenes sind deshalb interessant, weil sie die Vermutungen und Deutungen im damaligen Wilster waren.
Zuletzt ist noch informativ, was Schröder-Biernatzki erwähnen über die Vororte Wilsters im Landrecht, die erst viel später eingemeindet worden sind. Über Landrecht berichten sie, dass es sich um einen „District im Amte Steinburg, Wilstermarsch, Kirchspiel auf der alten Seite und zur Neßducht gehörig“ handelte. Es „enthält 54 Stellen mit und ohne Land. Hier ist eine Königliche Kornwindmühle, Schule in 2 Klassen mit 190 Kindern, Wirtshaus, Hökerei und mehrere Handwerker. Volkszählung: 393 Einwohner. Eine Brücke über die Wilsterau“, welche einst die Wilsteraner Bürger vergeblich zu verhindern trachteten, „heißt Landrechter Brücke“.611) Eine beachtliche Siedlung also. Weiter „Langenreihe, 17 Häuser, welche an die Stadt Wilster grenzen, Amt Steinburg, Wilstermarsch, Kirchspiel auf der alten Seite, zur Bischofer Ducht gehörig, Krsp. Wilster. In diesem Districte liegt das 1657 von Rehder gestiftete Armenhaus, worin 8 Witwen aus dem Kirchspiel und 2 Witwen aus der Stadt Wilster unterhalten werden. Hier wohnen größtenteils Handwerker und Tagelöhner. Schuldistrict Landrecht. Volkszählung: 121 Einwohner.“612)
Aus dem Jahre 1860 haben den zweiten gründlichen Plan der Stadt Wilster, welcher die Angaben Schröder-Biernatzkis glücklich ergänzt. Dieser Plan stammt von dem Ingenieur und königlich bayrische Landmesser H. Mencke. W. Jensen, der ihn kurz beschrieben hat,613) meint 1925: Er stände „den heutigen Verhältnissen ziemlich nahe“, er weist weiter darauf hin, dass die neue Chaussee schon in ihm enthalten sei. Aber der heutige Stadtpark ist noch der Kirchhof, freilich der „Alte Kirchhof“ nunmehr, denn der Platz um die Kirche herum ist jetzt schon der „Marktplatz“. Am Südrand des Planes steht auf dem Wege, der von der Schweinebrücke weiter führt „Weg zum neuen Kirchhof“. Das Colosseum ist eingetragen, ebenso das, was einst der Park Michaelsens gewesen war, nur eine Baumallee fasst das Gelände noch ringsum ein. Umso eindrucksvoller ist der Park des Bürgermeisterhauses bis an die Au heran zu erkennen. Die Deichstraße und damit das Stadtgelände reicht noch über den Burggraben, der sonst weithin Stadtgrenze ist, hinaus bis zur Wende. Anschließend die urbane Siedlung Landrecht als langgestreckte Straße. Ähnlich steht es beim Kohlmarkt, der auch noch über den Burggraben hinausreicht, dann einmal seine Fortsetzung findet in der Siedlung Lange Reihe, während zugleich schon bis heute noch die „Chaussee von Itzehoe“ direkt verläuft, wo es heute „Steindamm“ heißt. Am alten Schott, wo an den Sielwettern die Grenze der Stadt verläuft, hören die Häuser offenbar damals auf, nur die „Chaussee nach St. Margarethen“ ist verzeichnet. Die Kohlmarktstraße ist hier in ihrer heutigen ganzen Länge vom Marktplatz bis zur Langen Reihe als solcher verzeichnet. Von Haberstraße ist nichts mehr verzeichnet, die Burger Straße heißt „Hinterstraße“. Sonst ist gegenüber den Darlegungen Schröder-Biernatzkis nichts Wesentliches anders zu ersehen. In der „Kunst-Topographie für Schleswig-Holstein“ wird Wilster als „zwei fas s-förmig verlaufende Straßenzüge beiderseits der jetzt, das heißt im Jahre 1969, „zum Teil verrohrten Wilsterau“, eine treffende Kennzeichnung der Stadt, wenn man das, was nach dem letzten Kriege hinzugekommen ist, einmal außer acht lässt. Das geht auch aus dem Menckeschen Stadtplänen hervor. Dieser ist nebenbei von lzahlreichen Bildern aus der Marsch umrandet, vor allem befindet sich oben ein Bild der Stadt von der Dammflether Seite aus gesehen, mit der Stadtmühle im Vordergrunde. Zu beiden Seiten erkennt man das Bürgermeisterhaus und die Sonnin-Kirche. Unten befinden sich die Wappen der Stadt und der Wilstermarsch.
Für die dänische Zeit sind noch einige Ereignisse nachzutragen. Das erste führt in das Jahr 1841 zurück. Damals wurde von privater Hand die Sparkasse in Wilster als erstes Creditinstitut gegründet. Finanzkräftige Privatpersonen als Bankiers reichten kaum mehr aus. Gerade Sparkassen wurden in jener Zeit als ein Bedürfnis empfunden. Itzehoe besaß ein derartiges Institut schon seit 1820, Glückstadt seit 1824, Kellinghusen seit 1840, Krempe seit 1828, Wilster hatte seine Sparkasse also durchaus nicht sonderlich früh erhalten. Die größeren Kirchflecken folgten allerdings noch später, so etwa Wewelsfleth 1867, St. Margarethen 1869. – Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Errichtung eines neuen Friedhofes immer dringlicher. Auf dem nunmehr alten Kirchhofe wurden neue Gräber in Benutzung genommen, bevor die Särge der Vorgänger überhaupt vergangen waren, da die Bevölkerung des Kirchspieles wuchs, die Totengräber stellten dann wohl die alten Sargbretter zum Trocknen an die Bäume des Kirchhofes, sie wurden sogar zu Flurverschalungen und zu Wandbetten verwandt.614) Nach einigen Zögern entschied man sich für den sogenannten „Kleinen Brook“, der im Besitze der Stadt war. Es musste allerdings noch Land vom Hofbesitzer Jakob Heesch aus dem benachbarten Bischof hinzuerworben werden. Das 1857 vermessene Gelände umfasste 2 ha 14 a(692,94 Quadratruten damaligen Maßes, je etwa zur Hälfte vom Brook und Heeschen Hofland). Obwohl die Gemeinden an dem Westecke des Kirchspieles Einspruch erhoben wegen wachsender Entfernung, wurde der nunmehrige „Neue Friedhof 1859 seiner Bestimmung übergeben. 1860 erstand auch die Friedhofskapelle. Die Stadt vermochte es, die Pflasterung der „Allee“ als Zuweg zum Kirchhof und notwendig gewordene Erneuerung der Schweinsbrücke, über die die Trauergeleite führten, dem Kirchspiel zur Hälfte aufzubürden.615) – Seit 1861 hatte Wilster auch seinen Turnverein. 1863 wandte sich dieser an den Magistrat mit der Bitte, das Turnen auf dem Colosseumplatz durchführen zu dürfen. „Der hier vor einigen Jahren mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung gegründete Turnverein hat, weil er bis jetzt“ und noch für etliche Jahre „noch nicht im Stande war, und vielleicht auch niemals dazu kommen wird, eine eigene Turnhalle zu bauen, seit seinem Bestehen schon dreimalig unfreiwillig wechseln müssen. Soll aber das Turnen seinen wahren Zweck, Körper und Geist nämlich gesund und stark zu machen, nicht verfehlen, so muss es nicht allein regelmäßig und in gehöriger Ordnung betrieben werden, sondern es muss auch ferner, wenn vielleicht nicht absolut notwendig, so doch im höchsten Grade wünschenswert, dass möglichst viele Geräte vorhanden sind und mithin auch der Turnplatz groß genug sein, um die Übungen gehörig ausführen zu können. Seit jetzt eben turnen wir auf einen solchen Platz, nämlich im sogenannten Michaelsenschen Garten, neben dem Colosseum. Um nicht wieder von den etwaigen Launen des Garten-Pächters abhängig zu sein, möchten wir, da wir gehört haben, dass der Michaelsensche Garten wieder verpachtet werden soll, unsere Bitte dahin aussprechen. Ein verehrlicher Magistrat wolle den Pakt kontract gütigst so machen, dass der Pächter dem Turnverein seinen jetzigen Turnplatz niemals kündigen kann.“616) Man turnte also, wie der erste noch vom „Turnvater“ Jahn 1810 auf der Hasenheide bei Berlin geleitete „frisch, fromm, fröhlich, frei“ an im Freien aufgestellten Geräten. – Unerschüttert tätig waren weiterhin noch immer die „Ämter“ der Handwerker. Das kleinbürgerliche Handwerk scheute den freien Wettbewerb des heraufziehenden liberalen Zeitalters. In der Akte des Gerberamtes wird z.B. noch 1860 die Niederlassung des Kürschners Lebrecht Römisch aus Halbau in Schlesien vermerkt. Die Maurerzunft wurde gar erst 1835 errichtet, ihre Amtsartikel 1843 konfirmiert. Ein „Mühlenzwang“ bestand in Wilster bis 1850, wo er nach einem Bericht des Magistrates der Stadt „abgelöst“ wurde. Die Akten des Schmiedeamtes gehen auf 1557 zurück. Noch 1842 ließ es sich neue Zunftartikel bestätigen. 1843 wurden die Amtsartikel der Schneider erneut konfirmiert, ausdrücklich wurde das Schneiderhandwerk als ein „geschlossenes“ erklärt. Von 1741 bis 1861 gehen die Akten des Zimmeramtes.617) – Im Schulwesen bestanden weiterhin die Große Stadtschule für Jungen und eine zweiklassige Mädchenschule in den Klassen der Großen Stadtschule, es waren weiterhin 3 an der Zahl, gab es Schüler in der Klasse 1 39, in der Klasse 2 waren es 54, und in der Klasse 3 auch immerhin 48 Jungen. Das waren also zusammen 141 Jungen, also etwa 300 Schulkinder um 1860. Übrigens wurden 1847 Tintenfässer in den Bänken installiert.
Das Ende der Dänenzeit kam durch dänischen Übereifer. Als die „Eiderdänen“, die dänische Partei, die die Eider zu Dänemarks Grenze machen wollte, 1863 durchsetzte, dass Schleswig auch formal zu einer dänischen Provinz gemacht wurde, hatte Dänemark das Vertragsrecht (das sog. „Londoner Protokoll“) auf seine Herrschaft über Schleswig-Holstein beruhte, selber gebrochen. Truppen des Deutschen Bundes rückten daraufhin in Holstein ein, das von den Dänen kampflos geräumt wurde. Das diplomatische Genie des preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarcks verstand es, Dänemark in Europa völlig zu isolieren. Als es sich weigerte, das Londoner Protokoll wiederherzustellen, begann im Januar 1864 der deutsch-dänische Krieg, in dem Dänemark durch preußische und österreichische Truppen geschlagen wurde (Erstürmung der Düppeler Schanzen usw.). Im Oktober 1864 musste Dänemark ganz Schleswig-Holstein an Österreich und Preußen abtreten. Die über 4 Jahrhunderte lange Zeit der Personalunion mit Dänemark hatte ein Ende, nicht bedauert von der Bevölkerung. Die „Los von Dänemark-Bewegung“ hatte die große Mehrheit für sich. Im ersehnten Deutschen Reich wünschte man sich ein Land „Schleswig-Holstein“ mit einem Großherzog an der Spitze aus der Linie des angestammten Herrscherhauses, dem die Herrschaft nach männlicher Erbfolge zustände, der Augustenburger Linie. Der Herzog Friedrich (VIII.) von Augustenburg erschien dann in Holstein sogleich mit der Besetzung desselben durch Bundestruppen, überall jubelnd begrüßt, so 1864 auch in Wilster. Die Kirche, und nicht nur sie, prangte im Festesschmucke, vom Turm wehte die schleswig-holsteinische Fahne herab.618) Es wurde jedoch nichts mit einem Großherzogtum zur großen Enttäuschung der Bevölkerung. 1865 einigten sich Preußen und Österreicher dahingehend, dass man sich das Gebiet verwaltungstechnisch teilte, wobei Holstein den Österreichern zufiel. Aus dem einen Jahr österreichischen milden Regimes kann nicht viel vermeldet werden, allenfalls das „Gablenzsche Patent“ vom 27. Dez. 1865. Der Gouverneur General Gablenz verfügte, dass sämtliche Chausseen (nur die Wege nicht), also die Straßen I. und II. Klasse nach der Wegeordnung von 1842 vom Staate zu unterhalten seien. Im Juni 1866 kam es zwischen Preußen und Österreich zum Kriege, preußische Truppen besetzten noch im selben Monat Holstein. Im Kriege siegten die Preußen (Schlacht bei Königsgrätz am 3. 7. 1866), und im Frieden von Prag (August 1866) trat Österreich seine erst kürzlich erworbenen Rechte auf Schleswig-Holstein an Preußen ab. Damit wurde Schleswig-Holstein preußisch zur großen Enttäuschung der Einwohner des Landes.
Am 24.12.1866 wurde in Berlin, der Hauptstadt des Königreiches Preußen, das Gesetz betr. die Vereinigung der Herzogtümer Holstein und Schleswig mit der preußischen Monarchie erlassen, der am 12.1.1867 ein Patent wegen Besitznahme der Herzogtümer Holstein und Schleswig und am selben Tage eine Allerhöchste Proklamation (des preußischen Königs Wilhelm I.) an die Herzogtümer Holstein und Schleswig nachfolgten. Grundlegend wurde sodann eine Verordnung betr. die Organisation der Kreis- und Distriktsbehörden sowie die Kreisvertretung in der Provinz Schleswig-Holstein vom 22. September 1867. Sie bedeutete beinahe einen Bruch in der schleswig-holsteinischen Geschichte. Gewiss, Schleswig-Holstein blieb bestehen, aber jetzt als Provinz des Königreiches Preußen, eines Staates mit einer ganz anderen Geschichte, mit ganz anderen Organisationen des politischen und gesellschaftlichen Lebens. In vieler Hinsicht waren diese Organisationsformen vorbildlich, so sehr, dass, nach Drittem Reiche und brit. Militärregierung, das 1946 neugegründete Land Schleswig-Holstein weitgehend auf diese Organisationsformen zurück gekommen ist. Damals im Jahre 1867 waren diese der Bevölkerung in Schleswig-Holstein weitgehend wenig vertraut. Man hing sehr an den eigenen Ordnungen, obwohl hier Reformen vielfach überständig waren. Aber diese Ordnungen waren im Lande, besser noch in seinen einzelnen Landschaften, in Jahrhunderten gewachsen. In ihnen gab es vielfach noch immer und wenig geänderte Strukturen, die schon im Mittelalter bestanden hatten. Es bestand eine innige Verbundenheit mit der eigenen Geschichte. Das hörte, was die Organisationsformen betraf, nunmehr auf. Der alte Staat hatte sie sich erhalten lassen, oft nur hier und da einiges gebessert und weiterentwickelt. Jede einzelne Landschaft hatte ihr eigenes Gesicht, die Wilstermarsch war eine solcher Landschaften. In Dithmarschen oder Eiderstedt oder auf der benachbarten Geest sah es ganz anders aus. Es war eine historisch in Jahrhunderten gewachsene regional bunte und mannigfaltige Welt, von der es jetzt hieß, Abschied zu nehmen, und das tat weh. D. Detlefsen schreibt hierüber: „So wurden die alten Formen zerbrochen, und von den durch Jahrhunderte bewahrten oder in ihnen ent-standenen Eigentümlichkeiten des Amtes Steinburg blieb nicht viel übrig.“619) Er tröstet dann sich und die anderen, doch die Wehmut schimmert ersichtlich durch.
Die drei Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg wurden also zur preußischen „Provinz“ Schleswig-Holstein mit nur einem einzigen „Regierungsbezirk“. Dieser wurde wieder untergegliedert in „Kreise“ (nicht mehr, wie bisher, in Ämter). Nur einige große Städte bildeten selber einen Kreis, sonst kamen unter dem Kreis die Gemeinden (die in der Wilstermarsch erst aus einzelnen Bauernschaften gebildet werden mussten), die ländlich in der Folgezeit in Ämtern zusammengefasst waren. Auch die Städte gehörten nunmehr zu einem jeweiligen Kreis, sehr neu für Holsteins Städte. Wilster wurde nunmehr also eine Stadt-Gemeinde im Kreis Steinburg. Diese Kreise erstanden, damals etwa gleichgewichtig, durch Zusammenlegung diverser Teile meist mit einem alten Amt. In einer der Verordnung vom 22. Sept. 1867 beigefügten Anlage wurde umrissen, was so alles zu einem Kreis zusammengelegt wurde. Für den Kreis Steinburg heißt es folgendermaßen620):
„Kreis Steinburg besteht aus dem Amte Steinburg; dem zum Amte Bordesholm gehörigen Ländchen Sachsenbande; dem zum Amte Rendsburg gehörigen Kirchspiel-Vogteidistrikt Kellinghusen mit Ausnahme der Dörfer Bargfeld, Meetzen und Homfeld, sowie den zum Amte Rendsburg gehörigen Teilen der Dörfer Pöschendorf und Kaisborstel; den Städten Itzehoe, Wilster, Glückstadt, Krempe, dem Kloster Itzehoe mit Ausnahme der zu den Kreisen Kiel, Segeberg und Rendsburg gelegten Petinenzien; der zum Kloster Ütersen gehörigen Vogtei Crempdorf und dem zu demselben Kloster gehörigen Patrimonialgut Horst; der Herrschaft Herzhorn, Sommerland und Grönland; der Herrschaft Breitenburg mit Ausnahme der zu dem Segeberger Kreise gelegten Dörfer, dem adeligen Gute Drage mit Ausnahme seines Anteils an Hohenwestedt und der Gehöfte Alt- und Neu-Böternhofen, den adligen Gütern Krummendiek mit Ausnahme von Nutteln, Heiligenstedten, Mehlbeck, Rade, Bekhof, Bekmünde, Bahrenfleth, Groß-Campen, Klein-Campen , Groß-Collmar, Neuendorf, Sarlhusen, dem Kanzleigut Bekdorf, der Blomeschen und der Engelbrechtschen Wildnis.“
Dieser Kreis war, wie bisher das Amt, staatlicher Verwaltungsbezirk. An seiner Spitze stand nun der Landrat (statt des Amtmannes), der die Aufsicht über die Gemeinden auszuüben hatte, weiter die Polizeiverwaltung im Kreise überwachen musste. Der Kreis wurde, und das war neu, Komunalverband. Die Gemeinden, Städte und Landgemeinden, wurden zu einer öffentlichen Körperschaft verbunden, die gewisse obrigkeitliche Angelegenheiten, die ihr überwiesen wurden, in der Form der Selbstverwaltung zur Aufgabe erhielt. Dafür erhielt der Kreis eigenen Haushalt, und natürlich eigene kommunale Organe, vor allem den zu wählenden Kreistag. Die laufende Verwaltung führte der Kreisausschuss aus 6 vom Kreistage gewählten Vertretern.621) Sitz der Kreisverwaltung wurde Itzehoe, das zentral gelegen war. Nach Steinburg, Krempe und Glückstadt also jetzt Itzehoe. Von den 4 alten Städten des Kreises ist nur eine niemals Sitz des Amtmann-Landrats gewesen, nämlich Wilster.
Neugegliedert wurde die Kirchenorganisation. Wilster gehörte weiter zur Propstei Münsterdorf. Neu war die gesamte Gerichtsverfassung. Das Glückstädter Obergericht hörte mit der dortigen Regierungskanzlei auf zu bestehen. Aufhören tat die Gerichtshoheit der Städte, also auch der Stadt Wilster. Brüchregister (erhalten bis 1858), Klageregister und Klagegerichtsprotokolle (erhalten bis 1822), Gerichtsprotokolle (die 115 Bände reichen bis 1847), Gezeugnis-Protokolle (156 Bände bis 1834), sie alle konnten nun im Archiv verschwinden. Zunächst entstand 1867 ein Kreisgericht, ab 1878 gab es sodann die Amtsgerichte, eines in der Kreisstadt Itzehoe, aber z.B. auch eines in Wilster. Die Appellationsinstanz hatte ihren Sitz in Altona. In Preußen gab es die Gewerbefreiheit, die Ämter der Handwerker hatten ausgespielt. Ihre Akten kamen ins Archiv. Es war schon vieles, welches nunmehr gegenstandslos geworden war und vieles, welches neu an die Stelle trat, hierher gehörte auch die Städteordnung nach preußischem Vorbild, der berühmten Steinschen Städteordnung, welche ja noch heute richtungsweisend geblieben ist, die, demokratisch wie sie war, an die Stelle der alten Ratsverfassung des lübische Stadtrechts trat.
Das „Gesetz, betreffend die Verfassung und Verwaltung der Städte und Flecken in der Provinz Schleswig-Holstein“ war vom 14. April 1869. Mit ihm erlangten die betroffenen Orte, also auch Wilster, eine Institution, „die in bezug auf ihren freiheitlichen Geist und das Maß an Selbstverwaltung den meisten vergleichbaren Einrichtungen in Deutschland weit voraus war und in Preußen bannbrechend auch für die anderen Provinzen wurde.“622) Für Holstein galt bis dahin die Holsteinische Städteordnung vom 11. Februar 1854, in welcher im Grunde das alte System des Regimentes konserviert worden war, d.h. „die holsteinische Städteordnung von 1854 trug an der Spitze obrigkeitliche Züge. Da die Trennung der Justiz von der Verwaltung noch nicht durchgeführt war“, sie erfolgte erst im preußischen Staat im Juni 1867,“ und der Magistrat neben seiner Funktion als Selbstverwaltungsorgan der Bürger in seiner Eigenschaft als Stadtgericht zugleich staatliche Aufgaben erfüllte, war die dänische Regierung darauf bedacht gewesen, bei der Besetzung ihre Stimme bestimmend zur Geltung zu bringen. Deshalb wurden der Bürgermeister und die gelehrten Ratsverwandten vom König auf Lebenszeit ernannt. Die bürgerlichen Ratsverwandten, deren Zahl je nach Größe der Stadt, durch Lokalstatut festgesetzt, zwischen 2 und 6 betrug, wurden aus einer Dreierliste gewählt, die eine gemischte Kommission aus gelehrten Magistratsmitgliedern und einer gleichen Zahl von Deputierten präsentierte. Sie mussten vom König bestätigt werden. Die Wahl der Deputierten aber wurde von der Bürgerschaft nach gleichem Recht durchgeführt.623) Sein Selbstergänzungsrecht hatte der Rat also zum Schluss doch weitgehend eingebüßt. Nun demgegenüber die neue Städteordnung von 1869, die vor allem dem Kieler Professor Hänel zu verdanken war. An der Spitze der Stadtverwaltung stand der auf 12 Jahre von der gesamten Bürgerschaft zu wählende Bürgermeister, den nach der Wahl der König zu bestätigen hatte (in der Praxis durch die Regierung). Die Bürgerschaft wählte ein Stadtparlament, die Stadtverordneten, aus deren Reihen ehrenamtlich in Städten wie Wilster der Magistrat gewählt wurde für 6 Jahre. Ortsstatute legten die Zahl der Stadtverordneten und Magistratsmitglieder fest. Aus dem Magistrat wurde dem Bürgermeister ein Vertreter zugeordnet, der Beigeordnete, welcher auch von der Regierung bestätigt werden musste. Es herrschte gleiches Wahlrecht, also kein Klassenwahlrecht. Aber es war kein allgemeines Wahlrecht, sondern ein Zensuswahlrecht. Wählen konnte, wer im Besitze eines eigenen Wohnhauses oder doch eines stehenden Gewerbes war oder einer Steuerveranlagung von mindestens 200 Talern war. Für Wilster lag die Grenze für das Bürgerrecht, die nicht einheitlich war, bei 600 Mark, bei vielen Städten war sie höher.
Es gab noch einige weitere wichtige Neuerungen, die für die Stadt Wilster von Bedeutsamkeit sein mussten. Seine Bevölkerung unterlag der allgemeinen Wehrpflicht, welche zunächst 3 Jahre betrug. Schleswig-Holstein wurde als Anteil Preußens Mitglied des Deutschen Zollvereins, der alle Länder des werdenden Deutschen Reiches umfasste, das ganze Gebiet war von gemeinsamer Zollgrenze umgeben, hatte gemeinsame Zoll- und Wirtschaftsgesetze. Wilster lag in diesem Zollgebiet recht am Rande. Andererseits wurde so natürlich Handel und Wandel mit einem großen Wirtschaftsraum eröffnet. Politisch wurde Schleswig-Holstein als Teil Preußens Teil des Norddeutschen Bundes, eines Bundesstaates, der zunächst nur Norddeutschland umfasste, dessen Verfassung dem späteren Deutschen Reiche zum Vorbild diente. Vor der Gründung des Reiches lag der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71, an dem auch die Schleswig-Holsteiner, soweit gedient, im neuaufgestellten IX. Armeekorps teilnahmen, also auch Wilsteraner, die wie alle anderen ihre Blutopfer haben erbringen müssen. Da der Krieg siegreich geführt werden konnte und mit der Kaiserproklamation am 18. Januar 1871, der Gründung eines lang ersehnten Deutschen Reiches seinen Höhepunkt erreichte, war der Jubel über den Verlauf auch in Wilster sehr groß.
Die „Beiträge zur historischen Statistik Schleswig-Holsteins“ aus dem Jahre 1867 zeigen für Wilster zunächst einmal bei Einsetzen der preußischen Zeit ein verblüffendes Zurückgehen der Einwohnerzahlen in Wilster, und ein nur langsames Wiederansteigen derselben in den folgenden Jahren, wobei diese Entwicklung nicht unbedingt mit der benachbarter Städte konform lief. Im Jahre d1867 gab es in Wilster nur noch 2326 Einwohner, was einen Rückgang innerhalb von nur 3 Jahren um 800 Menschen bedeuten würde. Ungenauigkeiten wohl wenige eher unterschiedliche Zählmethoden der beiden hier handelnden Staaten mögen hier ihre Rolle gespielt haben. Gewiss wird man wohl kaum ein beachtliches Zurückgehen der Bevölkerung in Abrede stellen können. Eine fast stagnierende Bevölkerung ist für die folgenden zwei Jahrzehnte zu vermerken, wohl ein Zeichen dafür, dass der Nahrungsspielraum für die Stadt nach bestehenden Verhältnissen erreicht war. Abwanderung, auch Auswanderung dürfte ihre Rolle gespielt haben. Die nächsten Volkszählungen ergeben folgende Einwohnerzahlen: 1871 (alle Zählungen erfolgen am 1.12. d. Jahres) 2423, 1875 nur noch 2370, 1880 wieder 2547, 1885 dann 2539 also gleichbleibend, 1890 wieder etwas mehr nämlich 2716 und 1895 endlich wieder über das dritte Tausend, nämlich 3075. Es hatte allerdings in den 80er Jahren eine immer stärkere Industrialisierung eingesetzt. Bei den anderen Städten, wo Industrialisierung früher und stärker einsetzte, seien folgende Zahlen herausgestellt: Itzehoe 1864 7356, 1867 8336 und 1895 schließlich 13 903 Einwohner; in Glückstadt haben wir jedenfalls gleichbleibende Zahlen: 1864 sind es 5051, 1867 5533, 1895 dann 6114 Einwohner; ähnlich wie in Wilster verlief die Entwicklung in Krempe, wo wir 1864 1203 und 1895 dann 1284 Einwohner zählen.
Aus der einsetzenden Preußenzeit haben wir ein „Adressbuch für Schleswig-Holstein und Eutin“, herausgegeben 1867 in Rendsburg, in dem auch die Adressen aus der Stadt Wilster verzeichnet sind. Hier erfährt man denn, dass „Postverbindung per Diligence“ besteht. Morgens um 5.35 startet die Postkutsche nach Itzehoe, mittags um 12 Uhr geht eine andere in Richtung Brundsbüttel-Marne-Meldorf-Heide ab. Der Fuhrmann Koskop aber bietet an einen „bedeckten Wagen“ zweimal täglich mit Ausnahme Sonntags nach Itzehoe „mit den Bahnzügen correspondierend“. Dann werden die Honoratioren (noch der dänischen Zeit) aufgezählt: es sind der Landschreiber für die Wilstermarsch, der Kirchspielvogt, der Bürgermeister Rehhof, die „Senatoren“ Schwanbeck, Lübbe und Wischmann. Es folgen die Ärzte, 4 an der Zahl, darunter auch Dr. Mencke, von dem noch zu berichten ist. Weiter der Apotheker H. Meyer, der Postmeister Picker, 2 Veterinärärzte und nur 1 Advokat und Notar. Die beiden Gasthöfe, in denen man abstieg oder von denen man mit der Postkutsche abreiste, waren Nissens Gasthof und das Wilstermarschhaus, beide am Markt gelegen. Und dann folgen die Adressen von 117 Bürgern der Stadt. Zunächst Handwerker und Händler. Da gibt es an selbständigen Existenzen: Bäcker (Konditoren) 5, Färber und Drucker 1, Schornsteinfeger 1, Schiffbaumeister 2, Zimmermeister mit Holzhandlung 4, Gerber 5, Klempner 2, Schlachter (mit Viehhandel teils) 4, Schumacher 3, Goldarbeiter 2, Uhrmacher 3, Tabak-„Fabrikanten“ 9, Schmiede 4, Kürschner 1, Stellmacher 1, Schlosser 1, Tischler 2, Gärtner 1, Kupferschmiede 1, Buchdrucker 2, Sattler und Tapezierer 3, Drechsler 1, er war zugleich Schirmmacher, Buchbinder 1. Es folgen die Krämer: Modewaren 3, Colonialwaren 25, Produktenhandlungen 2, Eisenwaren 3, Kornhandlungen 2, Gewürzwarenhandlung 1, Textilien 1, Getreidehandel (Großhandel) 3, Huthandlung 1, Porzellanwaren 1, Viehhandel 3, Korbwaren 1, Glas und Porzellan 1, Weinhandlung 2, Pfeifenhandlung 1 und weiter je 1 in Kunstschleiferei, Siebwarenhandlung, Steinzeughandlung. Dann gab es noch 11 Gastwirte. Es gab da für unsere Begriffe seltsame Kombinationen bei den Krämern, so z.B. „Tabakfabrik und Kolonialwarenhandlung“, „Woll- und Baumwollwaren, Federn und Daunen“, „Schlachter und Viehhändler“, „H. Martens: Colonial-, Eisen- und Siebwarenhandlung, Licht-, Tabak- und Cigarrenfabrik am Markt“. Die Handwerker arbeiteten noch weitgehend nur auf Bestellung, nicht auf Vorrat, das wurde vielmehr extra angegeben, so: „Klempner, Vorrath von Lampen, Blech- und Messingwaren“, „fertige Herrenkleiderhandlung“ (die Konfektion war neu). J.P.A. Schwarck, einer der bemerkenswertesten Bürger des damaligen Wilster, Herausgeber der ersten Zeitung in Wilster, war hier unter folgendem angegeben: „Schulbuch- und Papierhandlung en gros und en detail, Galanterie- und Kurzwarenhandlung, Commissionsgeschäft, Buchbinderei“ am Kohlmarkt. Ein zusammengeschrumpftes Gewerbe: „Peter Schmielau, verfertigt Sandstein-Monumente“. Unter den Gastwirten ragt hervor „Henning Möller, Gastwirtschaft Colosseum Zingelstraße“. Es gibt auch „H. P. Mohr, Photograph, Rosengarten“ und „C. Möller, Stadtmusicus, Querstraße“. Und dann die „Industrie“, abgesehen einmal von den „Tabakfabriken“, unter denen es gibt eine „Lichtfabrik“, dann die Brauereien, so über das Handwerk schon hinausreichend: „Bairischbierbrauerei Peter Lübbe, Neustadt“ und „Dampf-Branntweinbrennerei, Bierbrauerei und Destillation Johs. Lübbe, Johannisstraße“, dann eine „Wattefabrik“ in Krumwehl. Von Lederfabriken offenbar nichts, sie lagen draußen im Landrecht. Der einzige Betrieb, von dem man sagen konnte, dass es sich um eine Fabrik im Anfangsstadiúm handelte, war „Meyfort C. Schmiedemeister (verfertigt landwirtschaftliche Maschinen) Deichstraße“. Und dieser Betrieb wanderte nach Sude bei Itzehoe ab, am 21. Oktober 1875.624) Interessant ist, in welchen Straßen sich die Betriebe befanden. An erster Stelle stand hier die Deichstraße mit 26 Betrieben, es folgten Kohlmarkt mit 19, Markt mit 18 Betrieben. Die alte Seite stand also im Vordergrund. Hier gab es noch in der Haferstraße und in der Zingelstraße je 5. Die neue Seite trat demgegenüber zurück, hier gab es in der Bäckerstraße 11, der Neustadt 10, der Schmiedestraße 7, dem Klosterhof 5, der Johannisstraße 3, je 1 in Blumenstraße, Rosengarten, Göten, Krumwehl. Schließlich gab es noch 1 im Landrecht, 2 im Neuwerk, 1 in der Querstraße. Insgesamt eine Stadt an der Schwelle der neuen Zeit, die sich nur gerade hier erahnen lässt.
Die Einbindung Wilsters in ein modernes Verkehrssystem hat in der „Kaiserzeit“ seit 1871 weitere Fortschritte machen können. Durch das sog. „Dotationsgesetz“ vom 8.7.1875 übertrug das Land Preußen seinen Provinzen alle Staatsstraßen zu Eigentum und Unterhalt. Ein Schritt, der zur Eigeninitiative anspornen sollte, wie der preußische Staat einer übersteigerten Zentralisation überhaupt zu begegnen wusste. Die Provinz Schleswig-Holstein schuf sich dann am 26.2. 1879 ein neues Wegegesetz. Die Hauptlandstraßen, so die von Itzehoe über Wilster nach Brunsbüttel, wurde Sache der Provinz, der Kreis erhielt die Nebenlandstraßen zugewiesen, alles andere wurde Sache der Gemeinden. Hauptlandstraßen kamen kaum mehr hinzu, es blieb bei den schon erbauten 69,1 km (Maßeinheit war jetzt das Meter, überhaupt herrschte nun das Dezimalsystem, z.B. 1 Mark zu 100 Pfennig, entsprechend die Raum- und Gewichtsmaße unserer Tage, die damals eingeführt wurden). Dafür wurden nunmehr die Nebenstraßen und Nebenwege ausgebaut, zu Allwetterstraßen, in der Marsch entstanden die sog. „Klinkerchausseen“. Die Länge der Nebenlandstraßen im Kreise wuchs von 20 km 1867 auf 310,3 km 1923, dazu kamen noch die Nebenwege mit zusätzlich etwa 170 km, die freilich zunächst „Feldwege“ blieben. Wilster war jedenfalls jetzt mit allen Orten der Marsch durch gute Straßen verbunden, wurde in seiner Funktion als zentraler Ort der umliegenden Marsch gestärkt. Durch Einrichtung von Omnibusverbindungen wurden die Verbindungen zu den einzelnen Orten rundum weiter gebessert. Mit Itzehoe bestand so eine Busverbindung ja schon, seitdem dieses einen Bahnhof besaß. 1888 verband ein Omnibus Burg in Dithmarschen mit Wilster, seit 1889 gab es die Verbindung Wilster-Beidenfleth-Wewelsfleth. So konnte auch das Postwesen angebaut werden, nachdem der preussische Staat ein entsprechendes Gesetz über das Postwesen erlassen hatte (v. 2.11.1867). Postbestellung gab es nun auch auf dem Lande, jede Gemeinde hatte nun ihre Posthilfs-stelle, erhielt täglich Post. Ab 1900 gab es Itzehoe als Postamt I. Klasse. II. Klasse waren die in Glückstadt, Wilster und Kellinghusen, III. Klasse waren in Krempe, Horst, Lägerdorf und St. Margarethen sowie der Truppenübungsplatz Lockstedter Lager. Darunter gab es noch Postagenturen in den Kirchorten. Vorangetrieben wurde schließlich, letzten Endes entscheidend für Wilsters weiteres Gedeihen auf wirtschaftlichem Gebiet, das Eisenbahnwesen. Der dänische Staat hatte schon 1858 einen in Itzehoe entwickelten Plan über einen Weiterbau der „Marschenbahn“ ohne Resonanz gelassen. Jetzt wurde es anders. „Seit 1875 hatte das Projekt einer Eisenbahn Itzehoe-Wilster-St. Michaelisdonn-Meldorf-Heide die Gemüter auf das lebhafteste erregt. Im Oktober (75) wurde der Glückstadt-Elmshorner Eisenbahngesellschaft die Konzession zum Bahnbau erteilt und sogleich mit den Arbeiten begonnen.“625) Die „Holsteinische Marschenbahn“ war dann am 1. November 1878 fertiggestellt und wurde an dem Tage in Betrieb genommen. Damit hatte Wilster endlich, was für seinen agraren Handel vor allem außerordentlich belebend war, seinen eigenen Bahnanschluss. Der Bahnhof erstand dort, wo sich heute die Meierei befindet, ihm gegenüber lag (und liegt) die Post. Von der Burger Straße her erstand die (damalige) Bahnhofstraße (heutige Taggstraße). Dieser Bahnhof lag zur Stadt sehr günstig. Die Marschenbahn wurde übrigens 1886 nach Nordfriesland verlängert (zuletzt bis Hvidding in Nordschleswig), sie wurde zur Schleswig-Holsteinischen Marschenbahn. Am 27. Januar 1890 wurde sie, die bisher einer Aktiengesellschaft gehörte, auch die Stadt Wilster war beachtlich als Aktionär beteiligt, vom preussischem Staat verstaatlicht (Leitung durch die Eisenbahndirektion in Altona). „Für die Marsch ist dadurch“, durch den Eisenbahnbau, „der Absatz ihrer Produkte“ in den neuen Absatzmarkt, der da nunmehr Deutschland hieß, „bedeutend erleichtert, durch den wachsenden Verkehr gewinnen zugleich die Städte. Im Jahre 1889 führte die Schleswig-Holsteinische Marschbahn von den Stationen Elmshorn bis Wilster, also aus dem Bereich Kremper- und Wilstermarsch reichlich 1400 Pferde, 7000 Stück Großvieh und 12000 Stück Kleinvieh aus.“626) An Projekten für einen weiteren Ausbau des Bahnnetzes hat es nicht gefehlt. Vor allem Itzehoe blieb da sehr rege, erreichte auf die Dauer nur die Verbindung nach Wrist (1889). Ein Eisenbahnprojekt Kiel-Nortorf-Itzehoe-Wilster fiel dem 1. Weltkriege zum Opfer.627) Das Jahr 1914 bedeutete das Ende der Eisenbahnausbauepoche.
Der Staat, und nicht nur er übrigens, hat der Stellung der Stadt Wilster als zentralem Ort der Wilstermarsch Rechnung getragen, indem eines der 85 Amtsgerichte, der untersten Instanz im neuen Gerichtssystem, in Wilster seinen Sitz hatte. Die nächst höhere Instanz, das Landgericht (ursprünglich Kreisgericht benannt), hatte für Wilster bis 1878 seinen Sitz in Itzehoe, nach Auflösung des dortigen Gerichts in Altona. Ein Problem war die räumliche Unterbringung, und zwar für Gericht und Gefängnis, das ebenfalls in der Stadt unterzubringen war. 1904 erhoffte sich die Justizbehörde Platz für den Bau eines Gerichtsgebäudes nebst Gefängnis auf dem Areal des alten Friedhofes, über dessen Übergabe an die Stadt die Kirchenbehörde in Verhandlung stand. Schließlich war dann das ehemalige Haus des Pastors Valentin Michaelsen in der Bäckerstraße 1 (heute Sitz des Wilstermarschamtes) das Amtsgericht. Und das Gefängnis wurde - - - das Alte Rathaus. Dieses Bauwerk befand sich schon längere Zeit in nicht gerade guter Verfassung. Schon 1784 erfolgte ein Umbau aus Zweckmäßigkeitsgründen. Neben der Tür gab es seitdem noch eine zweite, die rechts von der ursprünglichen und auch jetzt wieder einzigen eines der dortigen großen Fenster einnahm. Es gab also nur 2 Fenster nach – dem, über denen so 2 kleine Fenster angebracht wurden. Weiter hatte man das ganze Gebäude eintönig gelb angestrichen. Als die Stadt das Doosesche Haus erbte, wurde dieses nicht nur das „Bürgermeisterhaus“, sondern es wurde mehr und mehr auch ein „Neues Rathaus“. Das Alte Rathaus sank immer weiter ab. Die Kämmereistube wurde zuletzt zum Bürgergewahrsam. So bedeutete es nur noch einen weiteren Schritt, als es als Gefängnis eingerichtet wurde. Die Kämmereistube wurde zu 2 Zellen umgebaut für weibliche Gefangene. Der Archivraum war nun Badestube für die Insassen. Die hohe Halle wurde in Höhe des 1. Treppenabsatzes mit einem Zwischenboden versehen, auf dem mehrere Räume errichtet werden konnten. Der obere große Saal gab Platz für 6 Zellen, 4 nach der Au hin und 2 auf die Straße zu, dazwischen ein schmaler Durchgang. Die Gerichtsstube des Rates wurde „Gemeinschaftssaal“, gleichzeitiger Aufenthalt für mehrere Häftlinge. Die linke Tür führte ins Gefängnis, die rechte in die Dienstwohnung des Gerichtsdieners. Die Ratstrinkstube links im Gebäude wurde Wachtraum bei Einquartierungen, die dahinterliegende Kammer wurde Küche.628) Das war ein Tiefpunkt in einer Zeit, in der man sich sonst wohl alter Zeiten gerne entsann, neue staatliche Gebäude gerne im „Renaissancestil“, in „Neugotisch“ bzw. „-romanisch“ erbaute, wie etwa die Post. Aber für wirklich historische Bauten fehlte es vorübergehend an der notwendigen Einstellung. Das musste sogar das Neue Rathaus erfahren. „Das, was wir heute als Front des Bürgermeisterhauses sehen“ schreibt H. Schulz 1932, „ist leider eine böse Veranstaltung; man wollte 1894 wahrscheinlich ein Rathaus haben, das etwas Würdiges nach außen darstellen sollte und verfiel auf den Gedanken, dem Gebäude eine Vorderseite in hannoverscher Gotik vorzusetzen“.629) Man hatte die Fassade ohnehin schon durch einen Putz verunziert. R. Haupt nennt dieses denn auch 1926 „einen ganz abscheulichen und unverantwortlichen Eingriff und Übergriff“, man habe „vor die Schauseite eine neugotische Maske vorgestreckt, die den vormaligen, edlen Eindruck zum Grinsen entstellt.630) So mussten also die beiden schönsten Bauten der Stadt durch ein Wellental der Geschmacksverirrung gehen.
Die Gewerbefreiheit, die Preußens Regiment und der Zollverein des ganzen großen Deutschlands mit sich brachten, setzte das Gewerbe dem frischen Wind des Wettbewerbes aus, barg Gefahren, aber auch große, bisher im Handwerk kaum gekannte Möglichkeiten in sich. Hier brauchte es einer neuen, größeren Möglichkeit, Kredit aufnehmen zu können. So erstand, wohl nicht ganz zufällig, im Jahre 1869 der Kreditverein e.G., Wilster bekam seine erste Kreditbank. 1876 kam dann noch eine weitere Sparkasse und zwar gedacht für die Wilstermarsch hinzu. Weitere Banken sollten noch nachfolgen. Wilster war zentraler Ort für die Wilstermarsch, auch was das Geldgeschäft betraf. Im Jahre 1869 entstand noch ein weiteres wichtiges Vorhaben für Stadt und Marsch: ein Krankenhaus, errichtet durch den Sanitätsrat Dr. med. Mencke, es erhielt ihm zu Ehren 1901 den Namen „Menckestift“. Mencke gründete, einsetzend 1867 einen „Verein zur Verbesserung der Krankenpflege“, zeigte der Stadt und seiner Umgebung an, dass Kranke, welche außerhalb der Wohnung eine ihren Leiden entsprechende Unterkunft, Pflege und ärztliche Behandlung wünschten, solche in einem zu dem Zwecke eingerichteten Krankenhause bekommen könnten. Für Aufenthalt, Kost, ärztliche Behandlung und Medizin wurde täglich 1 Mark genommen. Privatzimmer kosteten wöchentlich 10 Mark. Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag und Sonnabend 8-9 Uhr morgens wurde Unbemittelten ärztlicher Rat unentgeltlich erteilt. Bei Gründung des Vereines bestand er, der sich „Krankenverein Einigkeit“ benannte, aus 78 Mitgliedern, Ende des Jahres 1869 waren es 114 Mitglieder. Die Gründung erregte Aufsehen, war in der Folgezeit für andere kleine Städte Vorbild. Dr. W. Mencke wurde schon 1874 zum Sanitätsrat ernannt.631) Das Unternehmen trug sich in der Folgezeit selbst, die Stadt brauchte kaum zu helfen. Im „Verwaltungsbericht der Stadt Wilster 1896 – 1910“ heißt es denn auf Seite 73: „Das im Jahre 1870 von dem Sanitätsrat Dr. med. Mencke hier errichtete Krankenhaus genügte bisher den Anforderungen, wenn sich auch manchmal eine gewisse Beschränktheit des Raumes zeigte. --- Der Kirchenvorstand hat seit dem Jahre 1900 hier 2 Gemeindeschwestern angestellt, die durch freiwillige Beiträge von Verbänden und Privaten unterhalten werden. Die Stadt zahlte in den Jahren 1900-1907 einen jährlichen Beitrag von 200 Mark, ab 1907 von 250 Mark.“ Das Krankenhaus lag von vornherein am Klosterhof. Dann gab es noch seit 1883 das „Dianabad“ in der Bäckerstraße, eine Kureinrichtung mit Dampfbädern, Wannenbädern, Kiefernnadelextraktbädern, Schwefelbädern und Solbädern. 1883 gab es 346 Bäder, davon schon für 22 Nicht-Wilsteraner aus Westholstein. Im folgenden Jahre gab es schon 158 Kurgäste und 109 Passanten. In der Folgezeit (1884) gab es dann Eisenmoor- und Stahlbäder, Fichtennadel-, Schwefel-, Sol-, Seesalz-, Mutterlaugen-, Dampf-, Hydrats-, Hanamelis-, Schweizer Gicht-, und schlicht Wannen- und Duschebäder. Die Kurzeit war 2 Wochen. Ein begeisterter Kurgast schrieb, vielmehr komponierte „Erinnerungen an das Dianabad, Festmarsch“, er war ein Turner, „für Pianoforte“; er war aus der Stadt Nürnberg gekommen.632) Und noch in einer Hinsicht erwies sich Wilster damals als zentraler Ort, wurde in dieser Hinsicht auch von der Kreisverwaltung gleichsam honoriert. Otto Neumann schreibt hierzu:633) „1887 wurden unter preußischer Herrschaft unsere Landkreise eingerichtet, so auch unser Kreis Steinburg. Er war der Nachfolger des jahrhundertealten Amtes Steinburg, an dessen Spitze der Amtmann stand. An die Spitze des Kreises Steinburg trat der Landrat. Vor 1867 waren in den Dörfern die Bauernvögte, die Kirchspielvögte, die dafür sorgten, dass die Anordnungen des Amtmannes bekannt wurden. In noch früheren Zeiten wurden die Anordnungen des Königs und des Amtmannes von dem Pfarrer nach der Predigt von den Kanzeln verlesen und dann noch an die Kirchentüre geschlagen. Leichter aber hatte es der Landrat nach 1867. Es wurde ein amtliches Organ herausgegeben: „Kreis- und Anzeigeblatt für den Kreis Steinburg“. Dieses Blatt erscheint mittwochs und sonnabends. Bestellungen nehmen alle Postämter und Landbriefträger entgegen. Abonnementspreis vierteljährlich 4 Sgr. Incl. Post- und Stempelgebühren, frei ins Haus. Gedruckt und verlegt wurde es bei J.P.A. Schwarck in Wilster. „Hier wurden gedruckt Landrätliche Bekanntmachungen, allerlei Nachrichten aus der weiten Welt, Correspondenz-Artikel und heimatliche Anliegen. Bis in die 90ger Jahre wurde das Blatt gedruckt, das also nicht nur Kreisnachrichten brachte, sondern zugleich Publikationsblatt für Wilster und Wilstermarsch war.“ Seine Fortsetzung, nunmehr ausschließlich als Publikationsorgan für eben diesen Bereich, fand es dann in der Folgezeit als „Wilstersche Zeitung“. Und als solche hat es sich bis auf den heutigen Tag gehalten, ganz im Gegensatz zu anderen einst gleichgestellten Zeitungen, wie z.B. Glückstädter Fortuna, Elmshorner Rundschau, Horster Rundschau, Brunsbütteler Rundschau, Marner Zeitung usw., die es alle in dieser Form nicht mehr gibt. J.P.A. Schwarck war auch in anderer Hinsicht für Wilster ein bemerkenswerter Mann. Er war 36 Jahre lang (seit 1872) in der städtischen Selbstverwaltung ehrenamtlich tätig, 24 Jahre lang (seit 1884) als Stadtrat, teils als Beigeordneter. Am 26. Febr. 1908 schied er freiwillig aus dem Amt, die dankbare Stadt machte ihn zum Ehrenbürger.
Gemäß der neuen Städteordnung von 1869 und dem Ortsstatut, welches sich Wilster zu geben hatte, stand an der Spitze der Stadtverwaltung hauptamtlich und auf 12 Jahre gewählt der Bürgermeister, der vom Staate aus zugleich Polizeiverwalter und Amtsanwalt beim hiesigen Amtsgericht war. Das Gehalt betrug 1880 1350 Mark, dazu Dienstaufwand noch 450 Mark, dann hatte er (Bürgermeisterhaus) Dienstwohnung, Garten und Weideland. Am 11.2.1870 wurde mit 148 der 215 abgegebenen Stimmen der Hauptmann a.D. Hinsching zum Bürgermeister gewählt; 1878 wurde Th. E. Gerling auf 12 Jahre gewählt, jedoch folgte ihm schon 1885 C. Rönnebeck im Amt. Carl Rönnebeck schied 1897 nach vollendeten Amtsjahren aus. Es folgte Georg Zülch, der 1903 sein Amt niederlegte, um 2. Bürgermeister in Allenstein zu werden. So folgte ihm durch Wahl vom 15. Mai 1904 Christian Dethlefsen als Bürgermeister nach, ein Glücksfall, denn der fähige Jurist und Verwaltungsfachmann ließ sich nicht für besser dotierte Ämter abwerben. Er hatte seine Stellung als Bürgermeister der Stadt bis 1932 inne. Als ehrenamtlichen Magistrat hatte Wilster 3 „Stadträthe“, einen Beigeordneten (der den Bürgermeister vertrat), dann noch 2 weitere Stadträte, gewählt für 6 Jahre, sie erhielten eine Dienstaufwandentschädigung von (so 1890) je 100 Mark. Ihnen als beschließendes Gremium zur Seite stand das „Stadtverordneten-Collegium“ von 8 von den wahlfähigen Bürgern gewählten Vertretern. Sie erhielten für ihre ehrenamtliche Tätigkeit nichts.634) Zur Bearbeitung der verschiedenen Anliegen gab es „städtische Commissionen“ (Ausschüsse also) für: 1. Brand und Einquartierung, 2. Kämmerei, 3. Bau und Feld, 4. Schulwesen, 5. Armenwesen. Dabei blieb es zunächst. Nach 1896 kamen noch hinzu 6. Gesundheit, 7. Abfuhr und 8. Beleuchtung.
Die Entwicklung der städtischen Selbstverwaltung hin zu demokratischen Formen förderte den Bürgersinn, die verkehrsbedingte größere Abgeschlossenheit veranlasste geselligen Zusammenschluss vielfältiger Art, da sonstige Anregungen etwa durch die Massenmedien weitgehend fehlten. So gab es für die „Gebildeten“ und Gleichgestimmten den Bürgerverein, der in 2 Semestern dem „Trieb nach Bildung“ nachkam, der „bei uns als sehr in den Windeln liegend zu bezeichnen“ sei. Die Gründung eines naturwissenschaftlichen Vereins war nämlich 1869 abgelehnt worden. Da gab es Vorträge aus eigenen Reihen wie 1871 „Aus Wilsters Vergangenheit“, „Die Tätigkeit der deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“, „Aus der modernen Statistik“, „Über Grund und Grad der Strafe“, „Das Musikdrama“, 1876 etwa „Geschichtl. Und geogr. Betrachtungen über die s-h. Westküste“, „Von den Säulen des Herakles bis zum Bosporus“ oder „Napoleon auf Elba“. 1876 gab es dann daneben den Bürgerclub, mehr praktischer ausgerichtet, aber auch er um Weiterbildung bemüht. In beiden Vereinen aber wurden Anliegen des Gemeinwesens diskutiert, wurden Anträge gestellt, Kommissionen gebildet, wurde immer wieder der Denkanstoß gegeben, der dann von der kommunalen Selbstverwaltung aufgegriffen wurde. So informierte man sich durch Lehrer A. Claussen 1870 über die Neuorganisation des städtischen Schulwesens. Es gab noch immer 1880 die 3-klassige Knabenschule, die jetzt auch 3-klassige Mädchenschule, die eine Elementarklasse, dazu je eine Privatschule für Jungen und Mädchen. 1890 gab es weiterhin die 7 Klassen für 166 Schüler und 205 Schülerinnen. Daneben jetzt nur eine gemeinsame Privatschule für Jungen und Mädchen von Fräulein Nissen mit 35 Schülern. Sie war da für diejenigen Schüler, die mit der Volksschule kein Genüge fanden, „Höhere Töchter“ und Knaben, die einmal auf eine weiterführende Schule sollten. 1873 verließ Rektor Reinh. Ludw. Ernst Heyer die Schule, nachdem er noch vorher die Doosesche Bibliothek gefährdet hatte. Er wollte die alten Werke mit wertvollen Kupfern veräußern, um dafür moderne Schulbücher zu kaufen, wobei er auf zähen Widerstand der Lehrer stieß, der anscheinend teilweise Erfolg hatte. Mit ihm verließ der letzte Studierte die Schule, neuer Rektor wurde der erste „Seminarist“, der diese Stelle innehatte, H. Sönnichsen. Schon 1870 beschäftigte sich der Bürgerverein mit der Frage einer Errichtung einer Fortbildungsschule für Handwerker. Diese erste Berufsschule sollte als Sonntagsschule anfangen. Ein Komitee wurde gebildet, welches „alle dafür Interessierten“ zum 15. März 1874 zu einer Versammlung einlud. Im Mai des Jahres hatte sich der Verein dafür konstituiert, und am 4. Oktober 1874 wurde die „Fortbildungsschule“ feierlich eröffnet.635)
Ein anderes Thema war das Feuerlöschwesen. Es müsste an die Stelle der alten allgemeinen ungeschulten Bürgerfeuerwehr, die es noch immer gab, eine aus Freiwilligen treten, die monatlich einmal übten, wie Photograph Mohr im Bürgerverein forderte. Der Vertreter des Turnerbundes teilte dazu mit, dass die Turner dazu bereit seien, wenn die Bürger einwilligten, eine Freiwillige Feuerwehr zu bilden. Der Bürgerverein bildete auch hier eine Kommission, der Bürgermeister wurde gewonnen, Informationen aus Kiel und Zwickau, wo derlei Feuerwehren schon bestanden, eingeholt. So erstand schon 1870 in Wilster die Freiwillige Feuerwehr. Eine weitere als dringend angesehene Angelegenheit war die Versorgung mit besserem Trinkwasser. J.P.A. Schwarck stellte den Antrag „Röhrenbrunnen“ zu erstellen, eine „für unsere Stadt außerordentlich wichtige Angelegenheit“ (1871). So erstanden bis 1876 6 kommunale Röhrenbrunnen, je einer in der Marktstraße, Kohlmarkt, Hofstelle, Bäckerstraße, Neumarkt und Zingelstraße. Dieses Wasser war gewiss nicht gut, jedoch besser als das immer mehr gesundheitsschädigende aus der Au. Dann gab es noch zahlreiche weitere Themen. Man war bestrebt vor jeder öffentlichen Sitzung beider Stadtkollegien eine eigene Versammlung abzuhalten, um zu beraten über Dauer des Marktes, Entwässerung des Kirchhofes, Schulneubau, Umgang mit den neuen Maßen und Gewichten, die Kirchensteuer, ev. Neuwahlen für Stadt- und Kirchenvertreter, einen Verschönerungsverein usw.
Ein reges Vereinsleben kennzeichnete überhaupt das Stadtleben. Da gab es musikalische Darbietungen der Liedertafel, oder auf Veranstaltungen, die vom Bürgerverein vermittelt wurden, die Kräfte von auswärts hierfür gewannen, oder es sind einfach Gaststätten, die dieses tun. 1883 gibt es ein Wilsterscher Musikkorps. 1889 fand das Sängerfest der Liedertafeln in Wilster statt, 12 Vereine mit 350 Sängern waren beteiligt. Theaterensembles erschienen und wirkten in der Stadt, Cirkusse gastierten. 1888 bildete sich der Club „Gemütlichkeit“, der keine geistigen Ansprüche stellten wollte, nur Geselligkeit pflegen wollte. Kegelbahnen gab es in vielen Lokalen, 1872 gab es die „Ringreiter-Gesellschaft in Wilster“. Und dann war da der Turnverein, der sich nun Turnerbund nannte. 1880 entstand dann ein zweiter Turnverein, der Männer-Turn-Verein, der auf die Dauer Sieger blieb. 1883 zum Fest des dreijährigen Bestehens lud er auch „die ehemaligen Angehörigen des Turnvereins von 1861“ ein zur Fahnenweihe. 1884 war sodann die „Gauturnerstunde“ in Wilster. 1888 gab es auch einen Frauenverein „Marsia“, der bei Gründung 40 Mitglieder hatte, 1889 wird der „Verein vom Roten Kreuz“ erwähnt. Ein „Liberal-kirchlicher Verein“ wirbt für „liberales Christentum“, trifft bei den Gebildeten auf reges Interesse, ein Lehrerverein vertrat Berufsinteressen als Teil eines „allgemeinen s.h. Lehrervereins“, ein Geflügelzuchtverein (1883) will wirtschaftlichen Zwecken dienen. Großen Zuspruch und allgemeinen öffentlichen Rückhalt hatten auch die verschiedenen Kriegervereine. Da gab es den „Verein der Schl.-Holst. Kampfgenossen“, die Soldaten der Erhebung 1848-51. Es war ein allgemeines Volksfest, wenn sie des Jahrestages der Erhebung gedachten. Zum 25. Jahrestage 1873 bildeten den Umzug durch die Straßen: Feuerwehr als Spitze, Wagen mit den Invaliden, Musiker, die „Kampfgenossen“, die Prediger, die städtischen Kollegien, der Kriegerverein von 1870, Trommler, die Bürgergilde, die Liedertafel, die Schiffergilde, der Bürgerverein, ---- . Schon damals stand auf dem Kirchhofe ein Denkmal für die Erhebung. Schon im Oktober 1871 hielt der Kriegerverein von 1870/71 seine erste Versammlung ab, bald hatte man auch seine Fahne, wie es sich für einen Verein damals unumgänglich gehörte. Die Soldaten, die nach 1870 dienten, keinen Krieg mitgemacht hatten, bildeten 1883 einen „Militärverein“.636) Der errungenen Einheit und nationalen Freiheit entsann man sich immer wieder sehr. So erstand das Ehrenmal der Krieger von 1870/71 auf dem Neuen Kirchhofe ebenfalls und 1898 dort noch eine Doppeleiche zur Erinnerung an die 50. Wiederkehr der Erhebung von 1848.637)
Wichtigste Einnahmequelle für die Bürgerschaft war nach wie vor die Landwirtschaft der Wilstermarsch. Verständlicherweise, wenn man die Fruchtbarkeit des Marschbodens berücksichtigt. Der preußische Staat hatte in den 70er Jahren eine Bodenuntersuchung zum Zwecke realer Grundsteuereinschätzung durchführen lassen. Ergebnis: die Geestböden des Kreises wurden (im Durchschnitt) auf 3,1 Tale je Hektar geschätzt, die Marschböden aber auf entsprechend 14,3 Taler.638) Dabei war gerade in der Wilstermarsch ein folgenreicher Wandel in der Bodennutzung eingetreten. „Am meisten tritt das Ackerland in der Wilstermarsch zurück“, schreibt 1926 Landwirtschaftsschul-direktor Wilhelm van der Smissen639) und weiter: „Ehemals ist auch hier eine umfangreichere Ackerwirtschaft betrieben worden. Auf einer großen im Besitz des landwirtschaftlichen Kreisvereins für den Kreis Steinburg befindlichen Karte im Maßstab 1:25 000, auf welcher die einzelnen Grundstücke so gekennzeichnet sind, wie sie Mitte der 1870er Jahre für die Grundsteuer eingeschätzt wurden, sieht man, wie damals große zusammenhängende Flächen der Wilstermarsch , die heute in Weide liegen, als Ackerland behandelt worden sind. Es scheint damals alles genügend hohe und pflugfähige Land unter dem Pfluge gelegen zu haben.“ 1907 waren in der Wilstermarsch dann nur noch 33,6 % Ackerland, dagegen 64,4 % Wiesen und Weiden.640) Dieser Prozeß hat sich seitdem fortgesetzt. Rotbunte Rinder und Pferde des holsteinischen Schlages wurden immer mehr „so recht der Schwerpunkt der ganzen Wirtschaft, der Stolz und die Freude des Landmannes“.641) Große Erfolge hatte man mit der Rinderzucht. „Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts begann man – mit der Einführung von Shorthorns aus England, um besonders die Form der Rinder zu verbessern. Die im Jahre 1863 in Hamburg abgehaltene internationale Viehausstellung richtete die Aufmerksamkeit mancher Züchter auf die Shorthornzucht, und ---- in den Elbmarschen fing man an, mehr und mehr mit Shorthorns zu kreuzen“.642) „In früherer Zeit standen zur Förderung der Rindviehzucht lediglich größere Staatsbeihilfen als Tierschaupreise zur Verfügung, ---- Viele Tierschauen sind seinerzeit abgehalten worden, um dieser Preise nicht verlustig zu gehen.“643) So gab es auch einen Tierschauverein in der Marsch um Wilster. Die Tierschauen fanden in Wilster statt, meinst ein öffentliches Ereignis. Die von 1870 fand am 6./7.Juli statt, endete mit Verlosung und Feuerwerk. Ausgestellt waren 10 Hengste, 26 Bullen, 36 Mutterstuten, 22 dreijährige Pferde, 5 noch jüngere Pferde und 98 Stück Hornvieh. 33 Stück von letzteren gingen nach Gumbinnen in Ostpreußen, andere nach Schlesien und Frankreich.644) Die Weiterentwicklung ging dann vom „Wilstermarsch-Verein“ aus, welchen patriotische Männer schon 1835 ins Leben gerufen hatten. Er führte 1876 für den Bereich der Wilstermarsch die Führung eines Herdbuches ein. Man begann also mit wirklich planmäßiger Zucht.645) 1875 erfolgte schon der Anschluss des alten Tierschauvereines an den „landwirtschaftlichen Verein für die Wilstermarsch“, der nun die Tierschauen auf dem Colosseumsplatz in eigener Regie führte. Niemals vorher und später war Wilster mehr geprägt durch solche Tierschauen als in jenen Jahrzehnten. Der Geburtstag des Landwirtschaftlichen Vereins war der 15. Juli 1871 im Wilstermarschhause in Wilster.646)
Neben der Rinderzucht stand die Pferdezucht.647) Jahrhundertelang wurden Holsteiner Pferde exportiert, Niederländer und Franzosen, auch deutsche Staaten kauften sich Militärpferde in Holstein. Sie kamen auch stark aus den Marschen. Hier vor allem wurde dann auch das Holsteiner Pferd gezüchtet, in dem man den einheimischen Schlag mit Vollblut aus England kreuzte (bis 1835), wobei vor allem die Kremper Marsch führend war.648) Organisation wurde der Verband der Pferdezüchter in den holsteinischen Marschen. Die Pferde wurden als „Remonten“ gerne vom Militär genommen. Es lohnte sich, auf diesem Gebiete tätig zu sein, auch in Wilster. Hier blühte der Pferdehandel besonders in den letzten Jahren vom dem 1. Weltkriege. Die überragende Persönlichkeit war hier Heinrich Auhage, der größte Pferdehändler der Stadt. Er verkaufte Hunderte von Pferden in alle Welt von Wilster aus, an den britischen Hof oder an den Zaren etwa. Groß war sein Geschäft mit Remonten für das heimische Heer. Sein Anwesen lag in der Neuen Burger Straße. Insgesamt besaß er 16 Höfe. Als nach dem 1. Weltkrieg das Reich mit seinen Verpflichtungen in Verzug geriet, in kürzester Zeit eine große Anzahl von Pferden zu liefern, hat er vollbracht, was kaum einer für möglich hielt. Er starb am 14. September 1928, in einer Zeit, als das Geschäft mit Holsteiner Pferden wohl noch bestand, aber seinen Höhepunkt wohl überschritten hatte.
Dadurch dass die Wilstermarsch immer mehr zu fast reiner Viehzucht übergegangen ist, hat man auf den Höfen an Menschen einer gespart, auf dem Lande hat denn auch die Marschbevölkerung nur noch gering zugenommen. Andererseits waren die Geburtsraten noch hoch, während die Sterblichkeitsrate sinkend war. Als 1892 die Cholera zum letzten Mal nach Hamburg eingeschleppt wurde, gab es im Kreisgebiet nur noch einige Fälle in Lägerdorf und Rethwisch. Wilster war nicht betroffen. Die Malaria hörte im Kreisgebiet auch in den Marschen nach 1887 auf. Diphterie erscheint seit 1862 in den ärztlichen offiziellen Listen. Der Kreis war in „Physikate“ eingeteilt. Im Physikat Wilster gab es 1868 22 Erkrankungen mit 1 Todesfall. 1869 war in Wilster ein starkes Scharlach-Jahr. Man hatte gelernt, die Krankheiten unter Kontrolle zu bringen. Dabei waren für heutige Begriffe die Geburtenraten hoch. In Wilster wurden auf 1000 Einwohner lebend geboren 28,5 im Jahre 1872, 1883 waren es 28,6, 1893 gar 35,3, um 1910 auf 24,7 zu „sinken“. Die Säuglingssterblichkeit war allerdings recht hoch, sie betrug in Wilster zwischen 1870 und 1880 22 %. Eine andere Geißel war die Schwindsucht. In Wilster starben an ihr 1875-80 42, an Krebs nur 14.649) Es wurden in Wilster 1895 217 geboren bei 78 Todesfällen, ein hoher Überschuss also. 1910 waren es 120 Geburten bei 96 Todesfällen. Interessant auch das Alter, in dem die einzelnen starben. 1896 starben 27 bis 5 Jahre, 4 bis 10, 2 bis 20, 6 bis 30, 2 bis 40, 3 bis 50, 4 bis 60, 13 bis 70, 9 bis 80, 6 bis 90 und 2 bis 100 Jahre.650)

Einer stark wachsenden Bevölkerung musste ein Wachstum der Arbeitsmöglichkeiten entsprechen. Geschah dieses nicht oder doch nicht in ausreichendem Maße, wie es einer damals jungen Industrienation wie der Deutschen noch der Fall war, trat etwas ein, welches man damals auch wohl den Pauperismus genannt hat. Er zeigte sich auch in Wilster. So bildete sich 1883 in der Stadt ein Verein gegen Bettelei. Er wollte Notleidenden helfen und vom Betteln abhalten. Es wurden innerhalb von 3 Monaten des Jahres 764 Personen mit zusammen 277 Mark unterstützt, weitere 149 wurden abgewiesen. Bei etwa damals 2500 Einwohnern war es eine Anzahl also, die 1/3 der Bevölkerung entsprach. Doch waren die Quanten je Monat variabel, für Januar 1883 also 300 Personen, für den Februar 285 usw. Es konnten immer einmal wieder dieselben sein, auch waren wandernde Handwerker in größerer Zahl dabei. Die Bedürftigkeit war jedoch ohne Frage groß, die Belästigung der Bevölkerung durch Betteln ebenfalls. Der Unterstützungssatz wurde auf 30 Pfennige pro Person festgelegt. „Wir bitten die Mitglieder dringend“, so ersuchte der Verein, „der statuarischen Verpflichtung, keinem fremden Bettler etwas zu geben, pünktlich nachzukommen. Es ist dies der einzige Weg, die vagabundierenden Bettler aus unserem Distrikt zu entfernen.“ Es waren Arbeiter, Schlachter, Bäcker, Schuhmacher, Maler, Tischler, Maurer; die ganze Skala des Handwerks tat sich da auf. Insgesamt wurden 1883 unterstützt 1830 Personen, 1881 waren es 2380 und 1882 2438 Personen. Wandernde Arbeitssuchende, die in Wilster übernachteten, gab es im 3. Vierteljahr 1883 dort 296.651)

Das Land und mit ihm Wilster vermochte nicht allen, die da heranwuchsen, Arbeit und Brot zu geben. So war Auswanderung das damalige wichtigste Ventil. Amerika war das begehrteste Ziel. Hamburg vor allem war der Auswanderungshafen. In Inseraten in Wilsters Zeitung wird geworben. Es heißt dort etwa: „Billigste und schnellste Auswanderer-Beförderung nach dem Westen Nordamerikas (wöchentlich zwei Mal) vermittelst der berühmten Postdampfschiffe der Allan-Linie via England und Quebek ---„ oder ein Jahr später (1872): „Kürzester Weg, billigste und schnellste Auswanderer-Beförderung nach dem Westen Nord-Amerikas, wie nach Chicago, Detroit, Milwaukee, Cincinnati, St. Louis, Oklahoma, Kansas City, San Francisco, sowie nach New York, Quebek, Boston, Portland und Baltimore ….“ Es sind zunächst meist Briten, die dieses Geschäft betreiben. 1883 hat Wilster eine Agentur für Auswanderer, eine deutsche. „Direkte Deutsche Dampfschifffahrt zwischen Hamburg und New York vermittelst großer, neuer, eiserner Schrauben-Dampfschiffe. Anerkannt beste Zwischendecks-Einrichtungen. Billige Überfahrtspreise. Vorzügliche Verpflegung. Abfahrt zweimal monatlich. Nähere Auskunft erteilen nur die obrigkeitlich befugten Schiffs-Expedienten Morris und Co. Hamburg, sowie Fritz Ehlers in Wilster. 1884 hat dann auch die HAPAG eine Agentur in Wilster.652)

Die Bedrängten, die im Lande blieben, wehrten sich. Auch in Wilster entwickelte sich eine Arbeiterbewegung, wie aus der Zeitung der Stadt zu ersehen ist. 1873 gab es einen „Baugewerk-Verein“, der zu einer Versammlung aufrief. Thema: Verhandlung über beanspruchte Lohnerhöhung der hiesigen Zimmerer- und Maurer-Gesellen. Neben der Gewerkschaftsbewegung erweckte die Sozialdemokratische Partei (SPD), die sich parallel bildete, Aufmerksamkeit. Besonders zahlreich waren Aufsätze zum Thema aus dem Jahre 1877. Da hieß es: „Ein Volksstaat – Die Gesellschafts-organisation der Sozialdemokratie“, „Mitarbeit der Kirche an den sozialen Fragen der Gegenwart“, „Eugen Richter gegen die Sozialdemokratie“ usw.653) Am 21.10.1878 gab es dann einen Rückschlag. Reichskanzler v. Bismarck setzte das sog. Sozialistengesetz durch, wodurch alle sozialistischen vereine, Versammlungen und Druckschriften verboten wurden. Die Sozialdemokratie ging durch eine Verbotszeit, die bis 1890 dauerte, aus der sie aber gestärkt hervorging. In diese Verbotszeit fällt andererseits die international vorbildliche deutsche Sozialversicherung. 1883 wurde die Krankenversicherung eingeführt. Ihr folgten 1884 die Unfall- und 1889 die Invaliden- und Altersversicherung. Man hatte sich bis dahin mit privaten Kassen geholfen. So entstand schon am 21. Mai 1866 die Witwen- und Sterbekasse zu Wilster, die 1874 mit ursprünglich 52 auf 172 Mitglieder im Jahre 1883 stieg. Aufgenommen wurde, wer das 45. Lebensjahr noch nicht überschritten hatte.654) „Eine Krankenkasse auf Gegenseitigkeit `Hoffnung` besteht seit 1891, hat reichlich 100 Mitglieder“, berichtet der Verwaltungsbericht der Stadt, weiter aber auch, dass sich auch die Betriebe ihrer Belegschaften durch Gründung von Betriebskrankenkassen angenommen hatten, nämlich die Gerbereien „Falk und Schütt“ und „Gebrüder Böhme“. Schließlich noch der knappe Vermerk: „Seit 1885 besteht hier eine Ortskrankenkasse“.655) Auch die anderen Versicherungen wirkten sich aus. 1896 wurde die Unfallversicherung in 15, 1900 in 26 Fällen betroffen, Quittungskarten der Alters- und Invalidenversicherung wurden ausgestellt 1896 646 und 1900 dann 779. Daneben wirkten und vermehrten sich weiterhin die Legate, welche in der Geschichte der Stadt so viel Segen gestiftet haben. 1864 gab es die Kühlsche Armenstiftung (ein Grundstück und 50 000 Mark. 1894 stiftete Emil Tetens für Witwen und Waisen 10 000 Mark, 1906 stiftete Stegemann für alte bedürftige Leute 47 000 Mark und ein Grundstück.656) Beachtenswert war auch, was die Geschwister Reichsgerichtsrat Wulf Tagg und seine Schwester Ida Caroline Friederike Tagg, die beide in Kiel im Jahre 1914 verstarben, ihrer Geburtsstadt Wilster (ihr Vater Dr. Heinrich Ludwig Tagg war hier bis zu seinem Tode Arzt) stifteten zur Unterhaltung bedürftiger Personen, die nicht öffentliche Armenunterstützung erhielten, dann zur Aufbesserung der Renten von Insassen der Stifter und Gasthäuser (Armenhäuser) der Stadt. Insgesamt waren es rund 200 000 Mark, welche die Stadt nach Abzügen und Verpflichtungen so erhielt. Später wurde die Bahnhofstraße in Taggstraße umbenannt, nachdem der Bahnhof verlegt worden war.657)
Die Industrialisierung des Wilsteraner Raumes hatte gerade in den ersten Jahrzehnten der preußischen Zeit erhebliche Fortschritte gemacht. Freilich geschah dieses weniger in der räumlich beengten Stadt, zu eng waren ihr die Grenzen gezogen worden, zu gering war der Raumgewinn gewesen, welcher bis dahin von der Stadt erzielt werden konnte. Die Industrie entwickelte sich dafür im Landrecht, der Fortsetzung der Siedlung Wilster jenseits der Stadtgrenzen, entlang der Straße, welche noch heute den Namen Landrecht führt. Nikolaus Böhme hatte hier um 1850 mit 4-5 Leuten einen Gerbereibetrieb begonnen.658) Der Betrieb wurde nach und nach vergrößert. Ende der 70er Jahre wurde die Roßlederfabrikation aufgenommen und nunmehr fabrikmäßig betrieben. In den Jahren 1880-1890 erfolgte dann ein gewaltiger Aufschwung, es wurden bis zu etwa 350 Arbeiter beschäftigt. Die Konjunktur in der Fabrikation von lobgarem (?) Roßleder (vegetabilische Gerbung) hielt dabei bis etwa 1900 an. Ein weiterer Gerbereibetrieb wurde 1873 durch Johannes Falck ebenfalls im Landrecht gegründet. 1883 trat M. Schütt als Compagnon bei, daher der Firmennahme „Falck und Schütt“, Lederwerke G.m.b.H.“ „Es werden in der Hauptsache Chkrom-Roßchevreau und Chrom-Roßbox hergestellt.“ Auch diese Firma nahm einen erfolgversprechenden Aufschwung. 1899 waren hier 354 tätig, bei den Gebrüdern Böhm 320 Arbeiter.659) Den Wohlstand der Fabrikanten zeigt uns andeutungsweise noch heute die „Villa Schütt“ (Etatsrat Michaelsen-Straße), welche ihr Besitzer 1896/97 errichten ließ. Stolz berichtet der Bauunternehmer Hermann Kruse über das Bauwerk, wir sagen heute „im wilhelminischen Stil“, daher errichten durfte: „Vom 1. März des Jahres“ 1896 „bin ich speziell mit der Ausführung einer herrschaftlichen, mit allem Comfort der Neuzeit (Niederdruck Wasserheizung, Wasserleitung, elektrische Lichtanlage) ausgestatteten Villa für den Fabrikanten M. (Markus) Schütt hierselbst betraut, welchen Bau ich bis zum 1. Januar 1897 zu beendigen gedenke. Wilster, d. 15. Oktober 1896. Hermann Kruse.“ Die Siedlung Wilster diesseits und vor allem jenseits der Stadtgrenzen wurde immer mehr in jener Zeit eine Industrie- und Arbeitersiedlung. Dieses schuf eine neue Situation. Bäuerlicher, landrechtlicher Widerstand gegen eine Eingemeindung wurde beinahe utopisch. So ist es denn am 1. Juli 1896 zu der bisher größten Eingemeindung in die Stadt Wilster gekommen. „Eingemeindet sind --- von der Gemeinde Landrecht 1316 Personen, von der Gemeinde Dammfleth 145 Personen, von der Gemeinde Nortorf 621 Personen“, ein erheblicher Zuwachs. Die Stadt Wilster zählte denn auch 1900 5124 Einwohner.660) Das war in der Vorweltkriegszeit der Höhepunkt. Hinzu kamen die beiden Straßenzüge Landrecht und gegenüber Hinter der Stadt Straßenzüge, an denen viele Arbeiter wohnten. Weiter die Fortsetzung des Landrechts, die Rumflether Straße und dem Deich, weiter der heutige Straßenzug, damals Chaussee nach Burg, die Neue Burger Straße. Weiter kam hinzu ein Gebiet jenseits der Dammflether Brücke, weiter die Lange Reihe und der Bischofer Deich. Das Areal der Stadt wuchs auf nunmehr 185 ha 2 a 2 qm an. Verglichen mit anderen Städten, etwa Itzehoe, ist dies auch nunmehr nicht zu viel, aber die Zeit der großen Beengung war nunmehr Vergangenheit. Durch Beschluß der städtischen Kollegien wurde die Anzahl der Stadtverordneten nunmehr auf zunächst 12 erhöht, so am 4.12.1896. Etwas änderte sich trotz Zensuswahlrecht, das ja vor allem Arbeiter ausgeschlossen hatte, nun auch die Zusammensetzung des Stadtparlamentes. Bis 1896 saßen in ihm 5 Handwerksmeister und 3 Kaufleute, ein typischer Querschnitt für die alte Stadt. Jetzt wurde am 11.2.1898 gewählt der Gerber-arbeiter Hugo Werlich, der noch im selben Jahre ausschied und dem Zimmermann Cl. Junge Platz machte. Zu mehr allerdings schaffte es die Arbeiterbewegung angesichts der Umstände noch nicht.661)

Übrigens gehörte die Kirche Wilsters ebenfalls zur Stadt. Mit der einsetzenden preußischen Zeit war für derlei Enklaven, die sich da zähe durch die Jahrhunderte gehalten hatten, kein Platz mehr. Krumwehl war übrigens schon 1870 (zusammen mit der Langen Reihe) eingemeindet worden.662) Doch zurück zu den Beziehungen der Kirche zum Gemeinwesen. Dieses war nach wie vor ein praktisch rein evangelisch-lutherisches geblieben. Die alte Stadt zählte von 3046 Einwohnern im Jahre 1895 ganze 26 Katholiken, 1 war Mitglied einer Sekte, ohne Glauben gab es keinen, Juden ebenfalls nicht. Und 1900 nach Hinzufügung zahlreicher Arbeiter, die teils von auswärts zugezogen waren, gab es von den 5124 noch immer 5071 Evangelische, nur 48 Katholiken, der Sektierer war verschwunden, Juden gab es weiterhin nicht, aber doch 3 Glaubenslose.663) Kirchennachrichten waren für die Zeit: 1876/77 wurde das Archidiakonatgebäude abgerissen und neugebaut, 1897 wurde das Diakonathaus Burger Str. 2 verkauft, dafür Bahnhof-(Tagg-) Str. 7 gekauft. 1899 erfolgte die Einrichtung einer Gemeindepflegestation, 1905 der Bau einer Kirchenheizung. Wichtig war, dass am 22. Oktober 1893 das Kirchspiel in drei pfarramtliche Geschäftsbereiche eingeteilt wurde, dass die Amtsbezeichnungen Archidiakonus und Diakonus verschwanden, dafür gab es seitdem den 1. und 2. Kompastor. Mit dem Kommen der Preußen gab es auch eine neue Kirchenverfassung. Kirchenhauptleute und Geschworene verschwinden. Auf Grund der Gemeindeordnung vom 16. August 1869 wurde im Oktober darauf schon ein Kirchenkollegium gewählt, auch die von Kirchenältesten. Kirchenälteste gab es 5, Kirchenvertreter 18. Auch hier gewiß eine Wendung hin zu mehr Demokratie.664) Auch für die Schule änderte sich einiges in bezug auf das Verhältnis zur Kirche. Am 19. Oktober 1896 wurden die Lehrerämter von dem ursprünglichen Charakter als kirchliche Ämter gelöst. Das geschah auf Veranlassung der Kirchenbehörde. Den Beschluss fassten Regierungsvertreter, Kirche, Schule und Stadt gemeinsam. Die kirchliche Behörde verzichtete auf das Eigentumsrecht auf die Schulhäuser zugunsten der Stadt. Die Stadt übernahm dafür fortan die Besoldung der Lehrer.665) Auch der alte Kirchhof ging in dieser Zeit in die Hände der Stadt über. 1892 tauchte der Plan auf, den Platz, mehr war es damals schon nicht mehr, der Stadt zu übergeben, aber der Kirchenvorstand lehnte noch ab. Die umfassenden Gräben wurden seit 1885 etappenweise zugeworfen. Auch für die Entwässerung konnte die Stadt geradestehen. 1897 wurde der Platz dem „Verschönerungsverein“ Wilsters übergeben. Schon 1896 war der „Steindamm“ rund um den alten Kirchhof entfernt worden, ein Kiesweg war an die Stelle getreten. Bei den ungeklärten Verhältnissen drohte der Platz zeitweilig zu einem Schuttabladeplatz zu werden, auch war er Hühnerweide und Ledertrocknungsplatz. 1904 wollte das Amtsgericht hier gerne Amtsgebäude und Gefängnis errichten. Erst 1907 kam es zur Einigung zwischen Stadt und Kirchengemeinde zusammen mit einem Rechtsstreit um die Unterhaltung der Schweinsbrücke und den Weg von dort bis zum Friedhof allein zu unterhalten. Die Kirchengemeinde verzichtete nunmehr auf Klüvers Gang, der ja auch Kircheigentum war, auch auf Rückzahlung für Ausbesserung der Schweinsbrücke, die von ihr gezahlte Summe sollte der Stadt bleiben, wenn die Stadt den Kiesweg um den Alten Kirchhof als Kircheneigen anerkenne. Die Stadt erklärte, es war eben eine Geldfrage gewesen, sich nunmehr bereit, den ganzen Platz für 4000 Mark zu kaufen „mit allen Lasten und Beschwerden“, verpflichtete sich zur Instandhaltung des Dooseschen und Kommeterschen Grabes, und sie darf ihn nur als Schmuckplatz verwenden, auch 30 Jahre nicht verkaufen.666) Nun konnte hier endlich der Stadtpark entstehen. Auf ihm steht heute noch ein Denkmal aus jener Zeit. Es ist gewidmet Johann Meyer, geboren in Wilster am 5. Januar 1829, gestorben in Kiel am 15. Oktober 1904. Er war ein einst gefeierter Dichter in niederdeutscher Sprache. Adolf Bartels bezeichnete ihn als den hervorragendsten Nachfolger von Klaus Groth. Hebbel sagt von seinen „Plattdeutschen Gedichten in Dithmarscher Mundart“, dass in ihnen „vom hellen sangbaren Lied an durch die saftige, frische Idylle hindurch bis zum historischen Genrebild hinauf, alle Töne, wenn auch zum Teil schwächer und matter, dem Leser wieder entgegen klingen, die Klaus Groth den verdienten Beifall gewannen.“ Seine Heimatstadt ehrte ihn durch das Denkmal.667) Der jetzige Neue Kirchhof ist heute noch in Benutzung. Schon 1886 wurde eine Erweiterung in Aussicht genommen. 1888 wurde der ganze Rest des städtischen Kleinen Brooks hinzugekauft, auch noch weitere Ländereien vom Heeschen Anwesen. Der Kauf zögerte sich freilich bis 1893 hin. 1894 konnte dieser neue Teil in Nutzung genommen werden.668)

Das Wachstum der Stadtbevölkerung und die beträchtlichen Eingemeindungen mussten sich natürlich auch auf die Schule auswirken. Es konnte auf die Dauer nicht bei einer 3-klassigen Schule für 8 bzw. 9 Schuljahrgänge sein Bewenden haben, auch genügte das Schulhaus, das Anfang des Jahrhunderts in der Zingelstraße errichtet worden war, immer weniger den Erfordernissen. Das Thema Schulneubau war zum mindesten in den 70er Jahren oft diskutiert. Es wurde daran gedacht, den erforderlichen Neubau im einstigen Michaelsenschen Garten zu errichten, doch war der Bürgerverein dagegen, weniger gegen einen Neubau, der ja notwendig war, als gegen eine Verkleinerung dieses großen öffentlichen Gartens der Stadt.669) Der Schulneubau erfolgte dann im Jahre 1885 in Nachbarschaft des Alten Kirchhofes und späteren Stadtparkes, hinter der Zingelstraße. Der Kirchhofsgraben wurde eben in demselben Jahre 1885 „vor der neuen Schule“ zugeschüttet.670) Es entstand eine jener Schulen „wilhelminischen Stils“, wie sie damals allerorten errichtet wurden. Schultechnisch gewiß ein großer Schritt nach vorne. Hinter dem Landrecht stand die zweiklassige Gemeindeschule, die mit Eingemeindung 1896 auch in den Besitz des Stadtfiscus überging. Nun, im Jahre 1896, wurde die Knabenklasse 8-klassig, die Mädchenklasse jedenfalls 7-klassig. Jetzt also hatte jeder Schuljahrgang endlich seine eigene Klasse, getrennt natürlich in jener Zeit nach Jungen und Mädchen. „Für sämtliche Schulkinder wurden in den Jahren 1898 (Mädchenschule) und 1913 (Knabenschule) neue Schulräume gebaut und die alten Schulgebäude anderweitig verwendet“.671) Der Mädchenschulbau erfolgte im Bereich der alten Landrechtschule, die 1913 noch einmal erfolgende Neubautätigkeit wurde notwendig, als die neue Mittelschule die Schule von 1885 übernahm. Das Volksschulwesen war also ausgebaut. Kinder, die für weiterführende Schulzweige vorgesehen waren, mussten als „Auswärtige“ nach Itzehoe, wenn sie nicht eine Privatschule besuchten, die zuletzt an der Stelle sich befand, wo früher einmal das Michaelsensche Haus gestanden hatte am Marktplatz (Kirchplatz). Diese Privatschule war eine Mischung von Zubringerschule für Gymnasien oder andererseits Bildungsstätte für solche, die eine etwas umfassendere Ausbildung erhalten sollten. Diese Zwitterstellung hatte dann ein Ende, als man sich entschloss, in Wilster eine Mittelschule zu errichten, eine Schule, die gedacht war für solche Kinder, die einmal nicht studieren sollten oder konnten, die aber für ihr Fortkommen eine höhere schulische Qualifikation erhalten sollten. „Die Mittelschule zu Wilster ist hervorgegangen aus der höheren Privatschule, die hier seit 1903 bestand“, so heißt es im Verwaltungsbericht der Stadt Wilster für die Zeit von 1911 bis 1930, (sie war die letzte Institution dieser Art in der Stadt). Diese habe anfangs guten Zuspruch gehabt, die Schülerzahl sei dann immer mehr zurückgegangen. Hohe Schulgeldsätze und häufiger Wechsel unter den Lehrkräften „waren vielleicht schuld daran“. Am 3.2. 1910 erfolgte für Preußen eine Neuordnung des Mittelschulwesens. Die Schuldeputation der Stadt erwog nunmehr, in Wilster eine solche Mittelschule einzurichten, die erste Beratung fand am 6.1. 1912 im Rathaus statt. Der damalige Bürgermeister Christian Dethlefsen tat sich sehr für diese neue Schule einsetzen. Er berichtet in einem handschriftlich überlieferten „Beitrag zur Geschichte der Stadt Wilster für die Jahre 1904 – 1929“ folgendermaßen:
„Es folgte die Gründung der Mittelschule. Es gab in Wilster eine höhere Schule und 2 Volksschulen, eine Knaben- und eine Mädchenschule. Die höhere Schule, eine Interessenschaft, war im Anbau der Turnhalle auf dem Michaelsenschen Grundstücke untergebracht, die beiden Volksschulen waren räumlich voneinander getrennt mit 2 Rektoren, die Knabenschule war die 1885 erbaute am Stadtpark gelegen, während die Mädchen seit 1898 ihre Schule im Bereich der alten Landrechtschule hatten. Die höhere Schule leistete nicht das, was man von einer solchen erwarten musste, und der Beschluss, eine Mittelschule zu gründen, wurde der Stadt nicht schwer. Nur die Errichtung des Mittelschulgebäudes bereitete Sorgen. So kam man auf den glücklichen Gedanken, das Gebäude der Knabenschule zur Mittelschule zu machen und eine neue Knabenschule neben der Mädchenschule zu errichten.“672)

Am 6.2.1912 legte Bürgermeister Dethlefsen den städtischen Kollegien den Entwurf über die Einrichtung einer Mittelschule vor. Die Schule sollte sich nicht unsozial durch sich selber, also durch hohe Schulgelder, tragen, die Stadt sollte also Träger sein. Pläne, die Schule im Armenhaus, dann nach Ausbau in der Privatschule unterzubringen, wurden fallen gelassen. Man wollte dann die Schule zum Realgymnasium in Itzehoe in Beziehung setzen, also die Mittelschule doch (auch) zur Zubringerschule für Höhere Schulen machen. Dies wurde vom Minister aber abgelehnt, man solle die Entwicklung der Mittelschule zunächst einmal abwarten. Der „Verein zur Unterhaltung einer Privatschule in Wilster“ stimmte am 21.2.1912 zu, dass die Privatschule in eine städtische Mittelschule umgewandelt werde. Dabei sollte diese auf den 3 ersten Jahrgängen der Privatschule aufbauen, um den Übergang schneller zu vollziehen. In der Zeit vom 17.5. bis 30.11.1912 wurden die Lehrerstellen ausgeschrieben und gewählt, Rektor wurde Mittelschullehrer H. Schulz, Lüneburg. Am 3. April 1913 konnte dann die neue Schule feierlich in der Turnhalle (neben der Privatschule) eröffnet werden, wobei Bürgermeister Dethlefsen noch einmal herausstellte, dass „die Bedeutung der Mittelschule für unsere Stadt darin liege, dass bei einem mäßigen Schulgeld es allen Ständen unserer Bürgerschaft ermöglicht werde, ihren Kindern eine Schulbildung mitzugeben, die sie befähige, den gesteigerten Anforderungen, die das Leben heute auch an den gewerblichen Mittelstand stelle, gerecht zu werden, dann aber auch darin, dass die Mittelschule die Kinder auf andere, höhere Schulen vorbereite“.673) 1914 konnte diese Mittelschule die zu engen Räumlichkeiten der Privatschule verlassen, die Schule am Stadtpark beziehen, nachdem die Knabenvolksschule ihre neu errichtete Schule unmittelbar neben der Mädchenschule hatte beziehen können.

Auch weiterhin spielte die Schifffahrt für Wilster eine gewichtige Rolle, wenn auch nunmehr die Eisenbahn das Hauptverkehrsmittel geworden war. Der Schiffer blieb ein gewichtiger Beruf in der Stadt. „Neumanns Orts- und Verkehrs-Lexikon des Deutschen Reiches“ aus dem Jahre 1905 nennt für Wilster für das Jahr 1902 14 Segler mit 312 Netto- und 415 Brutto-Register Tonnen.674) Henning Oldekop gibt Wilsters Schifffahrt in seiner „Topographie des Herzogtums Holstein“ 1908 mit 12 Seeschiffen an, „außerdem etwa 20 Flußschiffe, die ihre Fahrten fast ausnahmslos von Hamburg-Altona aus betreiben. Hafenanlage am Rosengarten mit Kaimauer, Ladeplatz, Krahn und Lagerschuppen.“675) Allerdings befand sich lange Zeit die Kasenorter Schleuse in miserabler Verfassung, worunter der Schifffahrtsverkehr zur Stadt litt. Dazu kam der Bau des Nord-Ostsee-Kanals, der in der Zeit von 1887 bis 1895 erfolgte. Feierlich eröffnet wurde er am 21.6.1895 durch Kaiser-Wilhelm II., er wurde dann auch früher Kaiser-Wilhelm-Kanal genannt. Dieser Hochseeschfffahrts-Kanal trat an die Stelle des alten Eiderkanals, erreichte nunmehr aber die Niederelbe bei Brunsbüttel Koog. Der Magistrat von Wilster hatte wohl einst davon geträumt, dass der Eiderkanal einmal mit der Wilsterau verbunden werden möge. Das blieben Träume. Der Nord-Ostsee-Kanal nun führte in gebührender Entfernung an Wilster vorbei. Er nutzte Orte wie Burg i. D., Wilster jedoch in keiner Weise. Im Gegenteil, er kappte nicht nur den Oberlauf der Eider ab, er tat das gleiche bei der Wilsterau, trennte Wilster von seinem Hinterland (Burg, Albersdorf-Schafstedt, Hanerau-Hademarschen), dessen Warenverkehr bisher über Wilster geführt hatte. Die 1868 entstandene Schiffsverbindung durch den Kudensee und Bütteler Kanal in die Niederelbe wurde durch den neuen Kanal an zwei Stellen durchgetrennt, wurde Vergangenheit. Für Wilsters Flussschifffahrt sicher ungünstig. Oberhalb der Stadt hörte Schifffahrtsverkehr nunmehr praktisch auf. Die Abkappung der Au hatte zudem schwerwiegende Folgen für die Wasserführung des Flusses und zwar naturgemäß sehr zum Nachteil. „Die Schifffahrt Wilsters ist bei der Unbrauchbarkeit der Kasenorter Auschleuse und der seit der Anlage des Kaiser-Wilhelm-Kanals, der den Oberlauf der Au durchschneidet, drohenden völligen Verschlickung derselben immer mehr zurückgegangen“, schreibt W. Jensen 1926.676) „Im Jahre 1910 zählte die Stadt darum nur noch 12 Seeschiffe. Es steht zu hoffen, dass diese Zahl mit dem Neubau der Kasenorter Schleuse und der Verbesserung des Aulaufes in unseren Tagen wieder beträchtlich steigen wird.“ Zunächst allerdings drohte der Schifffahrt auf der Au das Ende durch das Wassergesetz vom 7. April 1913. „Nach diesem gibt es Wasserläufe erster, zweiter und dritter Ordnung, je nach ihrer Bedeutung für die allgemeine Wasserwirtschaft. Bei Wasserläufen 1. Ordnung war Schifffahrt in erster Linie maßgebend. Sie sind Eigentum des Staates, werden vom Staate unterhalten, wenn es natürliche Wasserläufe sind.“ Nun sollte im Gesetz die Wilsterau ein Wasserlauf 2. Ordnung werden. Hiergegen wandte sich die Stadt Wilster mit Nachdruck.677) Auf die Nachricht hin, dass im Gesetzesentwurf die Wilsterau unter die Wasserläufe II. Ordnung eingestuft worden sei, erhob die Stadt Widerspruch. Sie stellte den Antrag, die Au unter die Wasserläufe I. Ordnung einzustufen. Der Bürgermeister wandte sich im Auftrage des Magistrates an den Landtagsabgeordneten des Kreises Dr. Engelbrecht-Obendeich mit der Bitte, „sich für die Interessen der Stadt Wilster und der Schifffahrt einzusetzen.“ Dieser wandte sich an die zuständigen Mitglieder des Ausschusses. Er gehörte diesem selber an. Es gelang ihm, „den Antrag der Stadt Wilster auf Einstufung der Wilsterau unter die Wasserläufe I. Ordnung trotz heftigen Widerstandes des Regierungsvertreters durchzubringen.“ Der Landtag folgte dem Beschluss des zuständigen Ausschusses, womit die Unterhaltungspflicht des Staates für die Wilsterau feststand. „Der Kampf war im Ausschuss, wie mir Dr. Engelbrecht später erzählt hat, ein äußerst schwerer gewesen“, berichtet Alt-Bürgermeister Dethlefsen. In der 1. Ausschusssitzung sei der Antrag abgelehnt worden. Er habe aber vor der 2. Sitzung die Mitglieder des Zentrums überzeugt, „dass die Wilsterau nach ihrer geschichtlichen Entwicklung und ihrem starken Schiffsverkehr unbedingt unter die Wasserläufe I. Ordnung gehöre.“ So sei der Antrag angenommen worden. „Der Regierungsvertreter sei äußerst erstaunt gewesen und habe erklärt, dass er nach wie vor die Wilsterau als Wasserlauf I. Ordnung ablehne“. „Durch Verfügung des Regierungspräsidenten in Schleswig vom 12. November 1898 – J. Nr. >I B 12 209 – wurde entschieden, dass die Wilsterau ein schiffbarer Strom sei, auf den die gesetzlichen Bestimmungen über die Zuständigkeit der Strom- und Schifffahrtspolizei Anwendung finden“, so wird schon im Verwaltungsbericht der Stadt Wilster festgestellt.678) „Damit übernahm die Staatsbehörde die Zuständigkeit der Strom- und Schifffahrtspolizei, während die Instandhaltungs- und Reinigungspflicht nach wie vor den Verpflichteten (Anliegern bzw. Wilsterauschleusenkommune) oblag. Die Stadt hatte die Unterhaltspflicht für den Auarm im Stadtgebiet, soweit das Schifffahrtsinteresse es erforderte. In den Jahren 1897/98 sind in der Stadt größere Baggerarbeiten zur Förderung der Schifffahrt durchgeführt worden.“ Das wurde nun anders. Es hatte der Staat die Au bis zum Kaiser- Wilhelm-Kanal zu unterhalten und es wurde Zeit. „Der Auarm war inzwischen, zumeist durch den Verlust des Oberwassers, derart verschlammt, dass er oberhalb der Stadt für Schifffahrtszwecke überhaupt nicht mehr zu gebrauchen war. Aber auch für die Aufnahme und Abführung des Wassers aus den Entwässerungen oberhalb der Stadt bildete der Zustand der Wilsterau ein großes Hemmnis.“ Da durch große Pumpwerke wieder möglich, hatten die Entwässerungskommunen erneut begonnen, ihre Wasser in die Au zu fördern, nachdem vorher in den letzten ein bis drei Jahrhunderten dieses mehr und mehr aufgegeben worden war. Nunmehr wurden die Entwässerungsnetze noch einmal, zum dritten Male gleichsam wieder zur Au hin umgestaltet. Das geschah durch die Aebtissinwischer Interessenschaft, weiter 1906 durch die Neuendorf-Sachsenbander Entwässerungsgenossenschaft, dann 1913 durch die Genossenschaft für Entwässerung der Hackeboer und Alte Wilsterau-Niederung. Nach den Verwaltungsberichten der Stadt Wilster waren in der Stadt beheimatet: 1896 nur 5, 1900 dann 14, 1905 13, 1910 schließlich 12 Schiffe; 1914 waren es 13 Schiffe. Das Problem für die Schifffahrt auf der Au blieb die Kasenorter Schleuse, die immerhin jährlich von durchschnittlich 1200 Schiffen (Ein- und Ausfahrt) passiert wurde. Ein Schleusenneubau kam jedoch vor dem 1. Weltkriege nicht mehr zustande.

Der Kaiser-Wilhelm-Kanal erzeugte aber noch ein anderes Problem, das Wilster beinahe in den Winkel abseits der Verkehrsadern verbannt hätte. Rechnung getragen hatte man dem Zugang des im Bau befindlichen Kanals in die Niederelbe von vornherein. Dieser Punkt, Brunsbüttelkoog bedurfte eines Anschlusses an das Bahnnetz. So vermerkt das Provinzial-Handbuch für Schleswig-Holstein aus dem Jahre 1891 auf Seite 614 kurz als Nachtrag: „Im Bau begriffen ist die Bahn St. Margarethen- westliche Mündung des Nord-Ostsee-Kanals, ein Bahnanschluss, der auch heute noch existiert. Diese Stichbahn zweigte damals in St. Margarethen von der Hauptbahn ab, die ja über diesen Ort führte damals. Das sollte aber anders werden, als man in den Jahren 1907-1914 den Kanal wesentlich erweiterte. Dabei wurde die Eisenbahndrehbrücke bei Taterpfahl untragbar. Ebenerdige Brücken waren durch Hochbrücken zu ersetzen, Höhe 42 Meter über NN.679) So entstanden die Prinz-Heinrich-Brücke zwischen Kiel und Holtenau als Straßenbrücke. Eine Eisenbahnbrücke hatte weiter nun für die Schleswig-Holsteinische Marschenbahn zu erstehen, ein schwieriges Projekt in einem weithin von Marsch und Moor eingenommenen Gebiet. „Als im Jahre 1907 der Plan laut wurde, die Schleswig-Holsteinische Marschenbahn aus Anlass der Erweiterung des Kaiser-Wilhelm-Kanals zu verlegen, bemächtigte sich der Einwohner der Westküste einer allgemeinen Erregung,“ heisst es im Verwaltungsbericht der Stadt Wilster 1911-1930.680) Ursprünglich sollte die Hochbrücke an derselben Stelle aufgeführt werden, wo sich die Drehbrücke befand. Diesen Plan gab man aber „aus technischen und finanziellen Gründen“ auf. Man entschloss sich für einen Bau bei Hochdonn. Dabei sah man vor, die Bahn auf dem Geestrand von Itzehoe über Heiligenstedten (wo die bisherige Route verlassen werden sollte) nach Vaale und über den Kanal nach Hochdonn zu verlegen, eine gerade, kurze und zweckmäßig billige Lösung für Staat und Bahn. Von Heiligenstedten sollte eine Zweigbahn über Wilster nach Brunsbüttelkoog führen. Wilster wurde so aufs Nebengleis geschoben zusammen mit der ganzen Wilstermarsch. „So wollte es die Kanalverwaltung, und sie wurde unterstützt vom Oberpräsidenten unserer Provinz,“ berichtet Alt-Bürgermeister Dethlefsen in seinem Rechenschaftsbericht.681) „Es stand für Wilster in den beiden Verkehrsfragen des Wasser- (s.o.) und Schienenweges unendlich viel auf dem Spiel. Wenn zu den Bränden, denen die beiden großen Leder-fabriken zum Opfer fielen“, worüber noch zu berichten sein wird, „mit ihren schweren Folgen --- noch die Abdrängung von der Haupteisenbahnlinie, die Degradierung der Wilsterau zu einem Genossenschaftsgewässer,“ die ja verhindert wurde, „---- und als Folge davon eine allmähliche Abwürgung der Schifffahrt gekommen wäre, dann wäre das Schicksal von Wilster wohl besiegelt gewesen, und es hätten die Leute recht behalten, die damals von einer absterbenden Stadt sprachen. Aber davor hat ein gütiges Geschick uns bewahrt.“ Dem Geschick hat allerdings die Vertretung der Stadt Wilster tatkräftig nachgeholfen. Sie hob ihren gewichtigen Rechtsanspruch hervor, nämlich dass sie zum Bau der Marschenbahn finanziell erheblich beigetragen habe. Sie war Aktionär, bis im Jahre 1890 der Staat Preussen alle Bahnen in seinem Territorium verstaatlichte. Aus den Provinzial-Handbüchern für Schleswig-Holstein geht hervor: „Die Activa der Stadt Wilster bestehen aus----zinstragenden Kapitalien von ca. 71.340 Mark und aus 234 Stammactien für die Holsteinische Marschbahnactien zu 450 Mark und aus 50 Stammprioritätsactien derselben Bahn zu 450 Mark.“ „Die Stadt Wilster“, heißt es im Verwaltungsbericht der Stadt weiter, „vertrat in zahlreichen Eingaben an den Minister, Abgeordnete usw. den Standpunkt, dass sie einen Rechtsanspruch auf Verbleib an der Hauptbahn hätte, denn sie habe sich an Bau, der seinerzeit von einer Aktiengesellschaft errichteten Marschbahn mit Aktien in Höhe von 127.800 Mark beteiligt. Von diesen Aktien habe sie bei der Verstaatlichung der Bahn nur 67.000 Mark zurückerhalten. Von Privaten der Stadt seien außerdem 91 Aktien gezeichnet worden. Die Lage der Stadt an der Hauptbahn habe somit die Stadt ein Opfer von rund 60 000 Mark gekostet. Der Schaden, den die Stadt von der Verlegung erhalten würde, sei unabsehbar.“ Einspruch erhoben auch die Landgemeinden der Wilstermarsch, die Gewerbetreibenden dortselbst und der Landwirtschaftliche Verein. Auch der Kreis Steinburg setzte sich durch seinen Landrat Pahlke tatkräftig für die Stadt ein, auch der Regierungspräsident der Provinz stand hinter ihr. Am 17. Dezember 1910 kam es im Innenministerium zu einem Termin, an dem alle in Anspruch genommenen Behörden vertreten waren. Landrat Pahlke forderte, dass der Bahnhof Wilster an der Hauptbahn liegen müsse, und da er dann offensichtlich nicht am alten Platze bleiben durfte (die Schleife der neuen Bahnlinie wäre nicht tragbar gewesen), dürfe er aber höchstens ¾ km von der Stadt entfernt gelegen sein. Solle Wilster auf eine Nebenbahn verwiesen werden, so fordere die Stadt als Entschädigung 1 Million Mark. Man feilschte lange, wollte den Bahnhof in Honigfleth liegen haben. Zuletzt setzte die Stadt sich durch. „Wir hatten versucht“, so sprach Minister von Breitenbach im Abgeordnetenhaus am 7. Mai 1912, „die Verlegung zu beschränken auf die Strecke Heiligenstedten-St. Michaelisdonn. Dieser Versuch ist an dem energischen Widerstand der Stadt Wilster gescheitert, die den Mittelpunkt der Wilstermarsch bildet. Die Interessen der Stadt Wilster wurden nach Auffassung der dortigen Gemeinde so schwer berührt, dass Wilster sich nicht entschließen konnte, durch eine erhebliche Abfindung, die das Reich zahlen wollte, zufrieden gestellt zu sehen. Wir mussten daher die Linie über Wilster führen. Die Bauten für Bahn (über Wilster) und Hochbrücke von Hochdonn wurden in den folgenden Jahren durchgeführt. Die Inbetriebnahme erfolgte aber erst nach Abschluss des 1. Weltkrieges.

Im oben angeführten Zitat von Alt-Bürgermeister Dethlefsen wird angedeutet, dass sich Wilster, welches sich in der Zeit „zu Wasser und zu Lande“ sehr nachdrücklich gegenüber den Staatsorganen behauptete, gerade im letzten Jahrzehnt vor dem 1. Weltkriege, sonst einer Blütezeit im Deutschen Reiche weit hin, schweren wirtschaftlichen Rückschlägen gegenüber sah, so dass es eine „absterbende Stadt“ genannt wurde. Wilster erlitt damals als Industriestadt einen sehr schweren Schlag. 1899 gab es in den beiden Lederfabriken im Landrecht 674 Beschäftigte. Wilster konnte man sehr wohl damals eine Arbeiterstadt nennen. „Die Haupterwerbszweige in Wilster“, so heißt es im Verwaltungsbericht 1896 – 1910, „sind Industrie und Handel. Leider ist die Industrie im Berichtszeitraum sehr zurückgegangen.“ Das begann in eben jenem Jahre 1899. Damals stand die Fabrikation von lohgarem Roßleder noch in Konjunktur. Damals brach zwischen den Tarifpartnern, die sich freilich nicht als solche verstanden, der Konflikt aus. Den Fabrikanten stand eine gewerkschaftlich organisierte Arbeiterschaft gegenüber, die ihre Bedingungen stellte. In der Zeit vom 29. Mai bis zum 24. Juni des Jahres steigerte sich der Konflikt zu allgemeiner Arbeitsniederlegung. Zunächst wurde bei Falck und Schütt gestreikt, dann bei Gebr. Böhme ausgesperrt. Der Arbeitskampf, hartnäckig durchgeführt, dauerte bis zum 15. November. „Diese Arbeitseinstellungen“, so der Verwaltungsbericht der Stadt, „haben zahlreiche Existenzen in Wilster vernichtet und viele Arbeiterfamilien sind 1899 und in den folgenden Jahren wegen Arbeitsmangels von hier weggezogen.“ Glück hat der Streik der Arbeiterschaft damals nicht gebracht. Letzter Grund für den folgenden Zusammenbruch der Lederindustrie war er aber nicht, allenfalls indirekt.

Walter C. Bröcker schreibt im Heimatbuch des Kreises Steinburg in seinem Überblick über die Industrie des Kreises auch über die Lederfabrikation Wilsters. Es heißt da682): „Eine andere, für den Kreis charakteristische Industriegruppe ist die Gerberei.----- Es besteht im Wesentlichen darin, dass man Tierhäute, also organische Zellgebilde, durch Zusätze von Stoffen so umwandelt und verhärtet, dass sie nicht mehr verfaulen und sich zersetzen können, sondern ihre feste Struktur durch Jahrzehnte und Jahrhunderte bewahren. Es gibt eine ganze Reihe von Stoffen, die eine solche feste Verbindung mit organischen Zellgeweben eingehen, und zwar sind es neben vegetabilischen Stoffen, die aus Holz und Baumrinde – Eichenlohe und Quebracho sind die bekanntesten – gewonnen werden, auch unorganische Stoffe wie Metalle. Das bekannteste ist Chrom. Die Chromgerbung gibt ein weiches, schmiegsames Produkt, das allgemein als Oberleder verwendet wird, während die durch vegetabilische Gerbstoffe erzeugten, schweren, festen Leder als Sohlleder Verwendung finden. Eine dritte Gruppe von Gerbstoffen sind die sogenannten synthetischen Gerbstoffe. --- Die Häute, das Rohprodukt der Gerbereien, stammen meistens aus Südamerika,--- da die einheimischen Häute --- bei weitem nicht ausreichen. – Die Gerbereibetriebe unseres Kreises erfreuen sich eines guten Rufes, ihre Fabrikate gelten zum Teil als sehr hochwertig.“ Zur Krise der Wilsterschen Lederwerke schreibt Bröcker dann weiter: „Die Konjunktur in der Fabrikation von lohgarem Roßleder (vegetabilische Gerbung) hielt ungefähr bis zum Jahre 1900 an und wurde dann durch die Chromlederfabrikation (mineralische Gerbung) verdrängt.“ Diesen Wandel haben die streikgeschwächten Werke nicht entsprechend mit vollziehen können. Dazu kamen zwei Brandkatastrophen. „Im Jahre 1903“, so schreibt Bröcker weiter, „brannte die Fabrik der Gebrüder Böhme zum größten Teil ab und blieb in diesem Zustande liegen.“ Entsprechend der Verwaltungsbericht der Stadt: „Am 27.3.1903 ging die Lederfabrik von Gebr. Böhme in Flammen auf. Der Betrieb konnte nicht wieder aufgenommen werden und blieb jahrelang still liegen.“ 1907 kaufte dann die dänische Firma „Aktie selskabet M.J. Ballin Söhner, Kopenhagen“ das Ganze, und 1908 erstanden hier die „Vachlederwerke Ballin G.m.b.H.“, die jedoch mit wenigen Arbeitskräften auskam, jedenfalls im Vergleich zum alten Betrieb. Es folgte der 2. Schlag. Der Verwaltungsbericht 1896-1910 berichtet hierüber: „Am 9.12.1907 brannte die andere große Lederfabrik von Falck und Schütt A.G. ab, die jetzt noch zum größten Teil in Trümmern liegt, aber den Betrieb immerhin, wenn auch in kleinerem Umfange wieder aufgenommen hat. In dieser Fabrik sind reichlich 100 Arbeiter tätig.“ Bei diesen Schlägen habe sich gezeigt, vermerkt der Verwaltungsbericht weiter, „dass eine einzelne Industrie für einen kleinen Ort unter Umständen gefährlich werden kann“. Andere Betriebe, wie die Meierei, Müllerei und Schweinemästerei von Wilhelm Wulf, die Mühle (mit Sauggasmotor betrieben) von Gustav Lumpe, die Maschinenfabrik von Apel und Sachau, die Dampfbierbrauerei fielen demgegenüber nicht ins Gewicht. Niemals ist übrigens Wilster wieder in dem Maße einen Industriestadt geworden wie vor den beiden Brandkatastrophen, deren Ursache niemals voll aufgeklärt werden konnte. Und die Bevölkerungszahl war seitdem rückläufig, „Wilster verlor 1200 Einwohner“.683) 1905 gab es noch 4491 Einwohner in der Stadt, 1910 waren es 4424 und im Jahre 1916 nur noch 3879. Aufgeben tat die Stadt jedoch nicht.

Das Gegenteil ist wohl der Fall. Christian Dethlefsen rühmt sich, Wilster in diesen Jahren zu einer „modernen Stadt“ gemacht zu haben. Als er 1904 sein Amt als Bürgermeister der Stadt übernommen habe, habe „wohl der wichtigste und zugleich gefahrvollste Zeitabschnitt in der Geschichte unserer Stadt“ begonnen.684) Damals sei „die städtische Verwaltung äußerst eingeengt“ gewesen. „Sie beschränkte sich in der Hauptsache auf Polizei, Standesamt, Armen- und Schulwesen“. „Die großen, die Öffentlichkeit interessierenden Anstalten befanden sich in privater Hand. So war das Elektrizitätswerk eine Aktiengesellschaft, die höhere Schule eine Interessenschaft, die Sparkasse in der Verwaltung von 5 Bürgern, die sich selbst ergänzten, und das Krankenhaus ein Vereinsunternehmen. Es lag „im städtischen Interesse, diese Anstalten so bald wie möglich in die städtische Verwaltung zu überführen.“

Es ist nun gewiß nicht der Fall gewesen, dass bis 1904, dem Jahre, in dem Christian Dethlefsens Amtszeit begann, in Wilster nichts geschehen wäre. Es waltete nur ein etwas anderer Geist. Das, was zu geschehen hatte im öffentlichen Interesse, geschah weniger durch städtische Behörden, mehr aus Bürgerinitiative heraus. Das dieser Weg oft unzureichend bleiben musste, liegt auf der Hand. Aus solcher Bürgerinitiative war zum Beispiel die letzte „Privatschule“ im Jahre 1903 entstanden, unterhalten von einem „Verein zur Unterhaltung einer Privatschule in Wilster“. 1912 musste derselbe Verein zustimmen, dass an die Stelle eine städtische Mittelschule zu treten habe. Einer bürgerlichen Privatinitiative entsprang schon 1841 die Gründung der Wilster Spar- und Leihkasse. „Die Spar- und Leihkasse hat deshalb so große Bedeutung für die Gemeinde,“ schreibt Otto Neumann,685) „da sie in jedem Jahre eine beträchtliche Summe von ihrem Gewinn für gemeinnützige und wohltätige Zwecke zur Verfügung stellt“. Er führt weiter Beträge auf, die von ihr zwischen 1870 und 1890 für gemeinnützige und wohltätige Zwecke aufgebracht wurden, z.B. 1871 4375 Mar, 1873 5651 Mark, 1883 5905 und 1885 6242 Mark. Wenn man bedenkt, dass man öffentliche Anliegen weitgehend privater Initiative überließ, so verwundert der geringe Personalbestand im kommunalen Bereich nicht weiter. Neben dem hauptamtlich tätigen Bürgermeister gab es die ehrenamtlich tätigen kommunalen Kollegien, von denen das Stadtverordnetenkollegium, welches 1896 auf 12 erhöht worden war, 1901 wiederum auf 9 herabgesetzt wurde, da man zu der Auffassung gelangt war, dass die Zahl 12 „in keinem Normalverhältnis zur Größe der Stadt stand. „Neben dem Bürgermeister gab es als städtischen Beamten den Stadtkassierer. 2 Polizisten genügten. Am 1.1.1900 kam ein weiterer Polizeisergeant hinzu, „weil sich bei dem Gerbereistreik im Jahre 1899 herausgestellt hatte, dass 2 Beamte hier nicht genügten“, wie der Regierungspräsident verfügte. Sie ging dann wieder ein, „da die Einwohnerzahl und insbesondere die Industrie der Stadt bedeutend zurückgegangen war.“ Der „Armenhausökonom“ war ein Angestellter auf Kündigung, 1908 der Kutscher Peter Niemeier. Man beschäftigte dann noch 4 Nachtwächter und den Schuldiener. Die große gewichtige Neuerung war im Jahre 1900 die Schaffung der Stelle eines Stadtsekretärs, „Bürovorsteher“ Bockelmann wurde damit Kommunalbeamter auf Lebenszeit.686) Ein Ziel Bürgermeister Dethlefsens war die „Kommunalisierung der Sparkasse“. Diese scheiterte jedoch in der Vorkriegszeit am Widerstand der hiesigen Spar- und Leihkasse. Daraufhin beschlossen die städtischen Kollegien am 12. September 1912 die Einrichtung einer eigenen städtischen Sparkasse, die auch am 1.4.1914 eröffnet wurde im Hause des Stadtrates Hansen, dem Rechnungsführer derselben.687) Er übernahm das Amt ehrenamtlich, verursachte daher auch keine Verwaltungskosten, eine harte Konkurrenz für die Kasse von 1841 also. Dabei blieb es bis zum Kriege.

Immer dringlicher wurde städtisches Handeln auf dem Gebiete wirtschaftlicher Versorgungs- und Entsorgungsbetriebe in dieser Zeit.688) Ein Elektrizitätswerk gab es in der Stadt seit 1895, unterhalten von einer Aktiengesellschaft. Sie begann mit 2 Dampfmaschinen von je 60 PS. Eine Akkumulatoren-batterie diente der Aufspeicherung und dem Belastungsausgleich. Aufgabe war zunächst die Straßenbeleuchtung. Älter war hier eine Petroleumbeleuchtung, die auch noch jahrelang daneben weiterbestehen blieb. 1896 installierte man 20 Bogen- und 32 Glühlampen, der sodann in den folgenden Jahren weitere folgten. Weiter ging es um Versorgung mit Hausanschlüssen. 1896 gab es etwa 70, 1910 dann rund 400. Das Werk lag schon damals im Klosterhof. Hier kam 1907 nach Erwerb des Nachbargrundstückes Nr. 11 eine Sauggasanlage von 35 PS hinzu. 1912 entstand auf Grundstück Klosterhof 38 eine neue Zentrale, wo ein 100-PS-Dieselmotor aufgestellt wurde, die alte Zentrale blieb daneben. Im März 1914 wurde auf Antrag der Stadt die Liquidation der Aktiengesellschaft, die sich von vornherein als gemeinnütziges Unternehmen betrachtet hatte, beschlossen. Das Werk wurde von der Stadt übernommen mit allen Aktiva und Passiva. Im gleichen Jahre wurde das Elektrizitätswerk mit Wasserwerk und Gasversorgungsanlage vereinigt zu den „Städtischen Betriebswerken“, auch hier also wie im Schulwesen ein Abschluss einer längeren Entwicklung noch gerade vor Ausbruch des Krieges.

Die Wasserversorgung war in Wilster ein besonders drängendes Problem. Denn Wilster besaß in Au und Burggräben wohl reichlich Wasser, aber solches in einem unbeschreiblichen Zustand. Die Röhrenbrunnen ergaben ein gewiss besseres jedoch ebenfalls unzureichendes Wasser. Am 3. Juli 1901 erstattete Prof. Dr. Dunbar aus Hamburg auf Ersuchen der Stadtverwaltung ein eingehendes Gutachten über die Wasserversorgung der Stadt. Sein Schluss: Das Wasser der Au komme für städtische Versorgungszwecke gar nicht in Frage. Auch erscheine das Grundwasser der Stadtgebiete nicht dafür geeignet. Er forderte, Erhebungen durchzuführen, ob nicht in der weiteren Umgebung besseres Wasser zur Verfügung stehe. Am 25. Januar 1910 setzte eine Bürgerversammlung daraufhin eine Kommission ein für Vorarbeiten für ein solches Wasserwerk. Der Ingenieur Rosenboom aus Wandsbek legte ihr mehrere Projekte in dieser Hinsicht vor. Die Kommission stellte darauf in einer weiteren Bürgerversammlung den Antrag, das Wasserwerk von der Stadt bauen zu lassen, mit Zwangsanschluss. Der Antrag wurde angenommen. Die städtischen Kollegien fassten daraufhin am 19. Juli 1913 den entsprechenden Beschluss. Der Bau begann am 6. Januar 1914 und war bei Kriegs-ausbruch noch nicht ganz vollendet, aber Anfang September des Jahres konnte die Wasserver-sorgung zunächst durch eine öffentliche Zapfstelle aufgenommen werden. Die Hausanschlüsse folgten bis Anfang 1915 nach. Für das Wasserwerk war ein Grundstück von 3 ha 99 a 90 qm in der Gemarkung Kleve auf der Geest erworben worden. Die hier errichteten Pumpen wurden im elektrischen Fernbetrieb vom städtischen Elektrizitätswerk aus betrieben. Das Wasser wurde durch eine 7 km lange, 175 mm starke Rohrleitung einem Tiefbehälter beim Elektrizitätswerk zugeführt, von dort durch Kreiselpumpen in das Rohrnetz gefördert. Ein Wasserturm ist nicht vorhanden. Man führte keine Wassermesser ein, berechnete das Wassergeld nach dem Mietwert der Wohnungen, so dass der Wohlhabende mehr für das Wasser bezahlen musste. Man wollte damit erreichen, dass das Wasserschöpfen aus der Au in Zukunft unterbliebe, dass der Arme nicht am Wasserhahn spare. Die Gasversorgung schloss sich als drittes an. Man entschloss sich 1913 hierzu, als man die neue Wasserversorgung beschlossen hatte. Ein erstaunlich später Termin. Um ein eigenes Gaswerk ersparen zu können, fühlte man bei der Stadt Itzehoe vor, die ein günstiges Angebot machte. Man befürchtete auch, dass ein eigenes Gaswerk nicht rentabel sein würde. Über Belieferung mit Gas für zunächst 20 Jahre kam es darauf am 28.2./2.3.1914 zum Vertragsabschluss. Mitte September konnte von Itzehoe aus mit der Abgabe von Gas begonnen werden. Die ersten 200 000 cbm waren zu 10 Pf, von da an zu 8 Pf. Zu liefern. Der Vertrag hat verschiedene Nachträge erhalten. Grundstücke der städtischen Betriebswerke waren Klosterhof 10, 11, 12, 13 und 14. Als Geschäfts- und Wohnhaus wurde 1929 zudem Klosterhof 37 von der Kreditbank erworben.

Wichtig war auch die Entsorgung. Schon seit 1895 gab es eine Fäkalienabfuhr und zwar eine Zwangs-kübelabfuhr, wichtig um endlich die Au von derartiger Zufuhr zu befreien. Am 1.4. 1909 konnte sie auf die 1896 eingemeindeten Teil ausgedehnt werden. Seit dem 1. April 1902 kam noch eine freiwillige Scherbenabfuhr hinzu. Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges gab es in der Stadt also ein funktionierendes städtisches Versorgungs- und Entsorgungssystem.

Es folgen noch einige Ereignisse, Schritte und Maßnahmen in bunter Reihenfolge, die alle in die Vorkriegszeit gehören und alle ihren Platz in der Geschichte Wilsters haben. 1902 wurde das Stadtmoor, in der Gemeinde Neuendorf gelegen und 56 ha 97 a 67 qm groß, für 42 000 Mark an den Kaufmann Nikolaus Springer in Wilster verkauft. Ebenfalls 1902 wurde der Rest des Michaelsenschen Stadtlandes (30 a 86 qm) an H. Auhage verkauft. 1903 gab man für die Straßenkanalisation 15 000 Mark aus. Man schickte die Abwässer und Regenwasser noch ungeklärt in die Au. Im Januar 1901 wurde das alte Armenhaus in der Burger Straße verkauft. Dafür wurde ein Grundstück am Wege nach Bischof in der Nähe des Neuen Kirchhofes erworben und hier ein Neubau erstellt. 1909 übernahm die Stadt den einen Tanzsalon enthaltenen Bau des Colosseums für 29 331,83 Mark, das Gebäude wurde daraufhin wesentlich vergrößert. Schon 1895 wurde Wilster dem Fernsprechverkehr angeschlossen. Es hatte damals 17 Fernsprechstellen, 1911 waren es schon 123. Die Post besaß damals 7 Beamtenstellen, dazu 14 Unterbeamtenstellen (Briefträger und 6 Landbriefträger). Die Eisenbahn hatte den Bahnhofvorsteher, zwei Eisenbahn-Assistenten, zwei Eisenbahngehilfen, 4 Weichensteller, 1 Hilfsweichensteller, 1 Aushelfer und 4 Bahnhofsarbeiter. Sie fertigten ab 1896 46 234 und 1910 dann 110 264 Personen ab. An Großvieh gingen ab 1896 4981 und 1910 6072 Stück, an Kleinvieh waren es 19 714 bzw. 338 058 Stück (Schweine vor allem). Auf dem Amtsgericht waren der Amtsrichter, 2 Gerichtsschreiber, 1 Kanzlist und 1 Gerichtsdiener. Am 15. Mai 1906 wurde eine neue Marktordnung erlassen. Es gab nun einen Jahrmarkt, den berühmten Wilster Markt, der weit über den Rahmen hinausging, den sonst ein Ort von der Größe Wilsters aufzubieten hatte. Er wurde begonnen am 1. Sonntag im August und dauerte 4 Tage. Es gab weiter 2 Pferdemärkte am 4. Jan. und am 30. Juli, wenn da nicht gerade Feiertage lagen. Ein Vieh- und Pferdemarkt wurde am 26. April abgehalten. Schließlich gab es 2 Viehmärkte an den dem Itzehoer Oktober-Viehmarkt nächstvorher-gehenden beiden Mittwochtagen im Oktober. Ein Zuchtviehmarkt fand am 1. Mittwoch im September für solches Rindvieh statt, das im Herdbuch des Viehzuchtvereins für die Wilstermarsch eingetragen war. Dann gab es den Wochenmarkt. Am 16. Februar 1914 starb der Ehrenbürger der Stadt, Stadtrat J. P.A. Schwarck. 1914 wurde Rudolf Busch als Stadtbauführer mit der Leitung der jungen städtischen Betriebswerke und mit städtischen Bausachen betraut. Bis zum 1. September 1900 erfolgte eine gründliche Ordnung der Archivbestände durch den damaligen Archivassistenten Dr. Ernst Müsebeck, nachdem schon bis 1878 der gebürtige Wilsteraner Oberbibliothekar Dr. Wetzel in Kiel für die Zeitschrift für S.-H. Geschichte die ältesten erhaltenen Urkunden und Akten des Stadtarchivs zusammengestellt hatte. Untergebracht war es im Giebelzimmer des Neuen Rathauses. Bei den Reichstagswahlen im Januar 1912 gaben in Wilster 165 für die National-Liberalen (rechtsliberal) ihre Stimme ab, 341 für die fortschrittliche Volkspartei (linksliberal) und 387 für die Sozialdemokraten. Diese Wahl gab Aufschluss über die ´politische Haltung der Einwohner, da es sich bei der Reichstagswahl um wirklich demokratische Wahlen handelte im Unterschied zu den Land-tagswahlen, bei denen das sogenannte Dreiklassenwahlrecht galt. Seit 1.4.1902 wurde der Besuch der Berufsschule in Wilster, durchgeführt in den städtischen Schulgebäuden, durch Ortsstatut Vorschrift. Nachdem die Wilsterau nach dem Wassergesetz von 1913 als I. Ordnung eingestuft worden war, versuchte man 1914, den Unterhalt der Kasenorter Schleuse seitens der Wilsteraukommune dem Staate zuzuschanzen. Der Staat wehrte sich (schließlich mit Erfolg) dagegen. Sachverständige stellten fest, dass die Schleuse dringend erneuert werden müsse, jedoch kam es vor dem Kriege hierzu nicht mehr. 1913 gab es in der Stadt an Vieh 280 Pferde, 471 Rinder, 117 Schafe, 2976 Schweine und 11 Ziegen. 1914 erfolgte der Neubau der Landrechter Brücke. Eine Last kam auf die Stadt 1912 zu. Damals erwirkte die Interessengemeinschaft am Burggraben, die diesen seit Jahr-hunderten zu reinigen hatte, einen Spruch des Oberverwaltungsgerichtes, dass der Burggraben als Teil der Wilsterau anzusehen sei, damit von dem zu reinigen und zu unterhalten sei, der im Stadtgebiet die Au zu unterhalten habe. Das war die Stadt. Als am 1. Mai 1914 das neue Wasser-gesetz in Kraft trat, wurde die Unterhaltung der Wilsterau, also auch des Burggrabens Sache des Staates, worauf die Stadt alsbald zurückkam, doch musste dieser Sachverhalt dem Staate gegenüber zunächst einmal gerichtlich erstritten werden. Der Krieg trat zunächst dazwischen. 1913 verschwanden in der Straßenbeleuchtung die letzten Petroleumlampen. 1914 konnten im Zuge des Baues der Wasserleitungen Hydranten aufgestellt werden, eine Verbesserung für die Feuerwehr. Schon seit dem 19. August 1898 hatte Wilster auch eine Stadt-Bibliothek. Die Entleihung war anfangs unentgeltlich, was sich jedoch nicht durchhalten ließ. 1914 zählte sie 799 Bücher. Untergebracht war sie in der „alten Knabenschule“ von 1885, der späteren Mittelschule. Das Denkmal des Dichters Johann Meyer, eines gebürtigen Wilsteraners, erfolgte im Stadtpark am 5.1.1909. Seit dem 20.1.1886 bestand ein Regulativ für die Verwaltung des Armenwesens der Stadt. Es gab 2 ehrenamtliche sog. Armenvorsteher, je einen für die Alte und Neue Seite. Am 31.1. 1910 wurde mit dem Gesamtverband der Landgemeinden der Wilstermarsch ein Abkommen getroffen, wonach die von diesem Armenver-band überwiesenen Armen im städtischen Armen- und Altersheim, soweit hier Platz war, Unterkunft und Verpflegung erhalten sollten. Das vom Dr. Mencke eingerichtete Krankenhaus wurde in den Jahren 1912/13 durch einen Anbau erweitert, so dass die Zahl der Krankenbetten von 16 auf 32 stieg. Schließlich hat man noch 1914 mit der Restaurierung des Alten Rathauses begonnen. Es wurde durch Vertrag vom 6. August 1867 einst der Justizverwaltung als Gerichtsgefängnis und Gefangenenwärter-wohnung übergeben und seitdem entsprechend genutzt. Dieser Vertrag wurde nunmehr zum 1.4.1912 von der Justizverwaltung gekündigt. Das Gerichtsgefängnis wurde nach Itzehoe verlegt. Ein Glücksfall. Eine Dämmerung war zudem inzwischen erfolgt. So regte der Verkehrs- und Verschönerungsverein, Vorsitzender Bürgermeister Dethlefsen, die Renovierung an, die dann am 6.12. 1912 von den städtischen Kollegien beschlossen wurde. Mit den Arbeiten wurde der Bruder des Provinzialkonservators, Prof. Dr. Albrecht Haupt aus Hannover, beauftragt. Dr. Haupt erläuterte: „Es wird beabsichtigt, den Zustand des Gebäudes von 1585 wieder herzustellen“. Beseitigt solle werden, was „später aus Gründen der gewöhnlichen Notdurft ---- auf die dürftigste und billigste Manier für immer unerfreulichere Zwecke umgeformt wurde.“ Diele und Vorsaal sollten wieder „als die sprechenden Räume des Bauwerkes wirken“. Der Raum hinter der alten Ratsstube im Erdgeschoss könne, da feuerfest, die Stadtkasse aufnehmen mit der Ratsstube selber. Die Gerichtsstube im Obergeschoss soll voll wieder hergestellt werden mit dem Kaminraum dahinter. Sie könnten für Kunstaltertümer Verwendung finden. Der Vorsaal könne als Jugendheim dienen. Fachwerk und die alten Fenster im Fachwerk erhalten ihre alte schönere Form zurück. „Nach dieser Herstellung wird das Haus neben dem aus Krempe sich als das interessanteste und anmutigste in Holstein aus der Renaissancezeit darstellen. Alles ist an ihm ja noch ganz, teilweise oder wenigstens in Resten so wohl erhalten und erkennbar, dass Fehlgriffe wohl nicht gemacht werden können. Dabei ist anzunehmen, dass das Gebäude nachher nicht nur der Stadt und Land aufs neue zur Zierde gereichen wird, sondern dass es auch dazu beitragen muss, den Sinn für vaterländische alte Kunst und ihre Erhaltung im holsteinischen Volke weiter zu fördern.“ Prof. Haupt entsandte für die Durchführung des Baues den Architekten Brandes, unter dessen Leitung die Restaurierung im Frühjahr 1914 begonnen wurde. Der Krieg störte dann sehr, doch konnte das Werk nach Kriegsende im Winter 1918/19 vollendet werden. Das alte Eckhaus unmittelbar neben dem Rathause wurde von der Stadt im Zusammenhang mit dieser Herstellung am 29.4.1910 erworben