Willkommen auf der Website des Förderverein Historische Rathäuser in Wilster e.V.

Der folgende Artikel wurde dem Buch "Spiegelbilder einer alten Stadt" entnommen. Es wurde anläßlich des 725-jährigen Stadtjubiläums im Jahre 2007 durch Robert Friedrich und Helmut Jacobs herausgegeben.

Wilster, der Mittelpunkt der Wilstermarsch, kann 2007 als Stadt auf ein Alter von 725 Jahren zurückblicken. Als Dorf ist Wilster viel älter. Bereits 1139 wird von einem Ort nahe dem Fluss Wilstra, der uns bekannten Wilster-Au, berichtet. Eingebettet in eine morastige, damals kaum zugängliche Marschlandschaft, ist die Wilsterau Ausgangspunkt und Entwicklungsader der Wilsterschen Siedlungsgeschichte zugleich. Während ihre höher gelegenen Uferwälle ausreichend Schutz vor Überschwemmungen boten, war ihr Wasser bis in das 19. Jahrhundert das mit Abstand wichtigste Verkehrstransportmittel. Die Wilsterau besaß somit vom Mittelalter bis in die Neuzeit eine Schlüsselfunktion für den Aufstieg Wilsters zu einem blühenden regionalen Schifffahrts- und Handelszentrum für landwirtschaftliche Produkte.

Funde beweisen, dass bereits vor Christi Geburt die Hochmoor- und Randgebiete der Marsch besiedelt waren und dass kühne Siedler sich auf hohen Wurten in der Marsch behaupteten. Vermutlich ist Wilster eine alte sächsische Siedlung, die bereits vorhanden war, als um 1150 die Holländer in die Marsch kamen. Dass die in der Kunst des Deichbaus und der Landentwässerung erfahrenen Holländer eingewandert waren und sowohl Deiche gebaut als auch das Land kultiviert haben, das beweisen sowohl kunstvoll gezogene Gräben als auch Flur- und Familiennamen. Namen wie Hollerstückenweg, Hollerdamm oder Hollerdammsiel und Ortsendungen wie -cop oder -riep verraten holländischen Ursprung.

Das Kirchdorf Wilster
Auf dem linken Ufer der Wilsterau lag um 1163 auf hoher Wurt das Kirchdorf Wilster. In einer Neumünsteraner Klosterurkunde ist aufgeschrieben, dass schon damals eine Kirche an hoher Stelle vorhanden war. Bald dehnte sich die rings um die Kirche, auf der alten Auseite gelegene Siedlung auch auf das rechte Ufer der Au, auf die sogenannte neue Auseite, aus. Die über den Fluss führende Furt wurde durch eine Brücke ersetzt. Die Überwegung heißt heute noch „Op de Göten". Die Wilsterau als Handelsstraße hatte frühe Bedeutung. Um 1260 muss der Handel über Wilsterau und Stör bereits so umfangreich gewesen sein, dass Itzehoe eine starke Konkurrenz erkannte und für sich ein Stapelrecht erwirkte. Die Stadt Itzehoe hatte eine günstige Position, weil sie an den wenigen Stellen gelegen war, wo der Übergang vom Wasser- zum Landweg problemlos möglich war. Stapelrecht bedeutete, dass alle Waren, die auf der Stör transportiert wurden, zunächst in Itzehoe zum Verkauf angeboten werden mussten. Dadurch wurde der Handel der Wilsteraner mit überregionalen Städten - beispielsweise mit Lübeck - durch das Vorkaufsrecht der ltzehoer behindert. Etwas später erhielt auch Hamburg dieses Stapelrecht, sodass Wilsteraner Schiffer von der Störmündung aus gezwungen waren, nach Hamburg zu segeln, um dort ihre Waren auf den Markt zu bringen. Um von diesen Zwängen befreit zu sein und um Privilegien zu erhalten, war Wilster interessiert, das Stadtrecht zu erhalten. Im 13. Jahrhundert gab es viele Stadtgründungen im Holstenland. So erhielten z. B. Itzehoe im Jahre 1238 und Krempe im Jahre 1260 das Stadtrecht. Auch für die aufblühende Wilstermarsch war eine Stadternennung geplant. Es kamen dafür mehrere Orte in Frage.

Wilster wird Stadt
Der damalige Landesherr, Graf Gerhard II. von Holstein, wählte jedoch nicht den ältesten Ort der Marsch, das bereits zur Zeit Karls des Großen im Jahre 809 erwähnte, am Störstrom gelegene Beidenfleth (Badenfliot), sondern Wilster. Die Entscheidung zugunsten des Dorfes Wilster fiel vermutlich, weil es mitten in der Marsch und an der schiffbaren Wilsterau und am Hauptmarschenweg von Dithmarschen nach Itzehoe lag. Dabei haben vermeintlich auch persönliche Beziehungen eine Rolle gespielt. Ritter Marquard von Wilster, der damals gräflicher Vogt von Itzehoe war, soll den Grafen bei seiner Entscheidung aus Verbundenheit zu seinem Geburtsort beeinflusst haben. Es gibt eine Gründungsurkunde vom 8. August 1282, wonach Graf Gerhard von Holstein und Schauenburg den Bewohnern des Dorfes Wilster die Rechte verlieh, die alle Städte im Holstenlande hatten. Als Zeugen wurden angegeben: Ritter Marquard von Wilster, der Burgvogt Emeco von Slecen von Itzehoe, der Ritter Dietrich Höken und andere. In einer zweiten Stadtrechtsverleihungsurkunde vom 10. April 1283 wurde das Stadtrecht in der Weise präzisiert, dass Wilster die Rechte haben sollte, die auch Lübeck und Hamburg hatten (lübsches Stadtrecht). Heutige Großstädte wie z. B. Stuttgart und Düsseldorf hatten noch Stadtrechte und auch die Städte Neumünster, Elmshorn und Pinneberg sind sehr viel jünger.  Als Wilster Stadt wurde, befand man sich in einer Übergangszeit, in der sich all Neues formte. Die bisherige ständische Ordnung, in der jedem Menschen von Geburt an Platz zugewiesen war, zerfiel nach und nach. Hatte man bisher überwiegend auf dem kirchlichen oder weltlichen Gutsherrschaften gelebt, so entstand mit der Herausbildung von Städten ein neues Machtpotenzial, denn die städtische Bevölkerung - Kaufleute und Handwerker - wollte sich selbst regieren. Deutlicher Ausdruck neuen städtischen Selbstbewusstseins war die Hanse, die 1241 formal zwischen Lübeck und Hamburg gegründet wurde. Praktisch alle bedeutsamen Städte im Norden schlossen sich im Laufe der nächsten Jahre diesem Bund an, der dann in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts seine größte Bedeutung erlangte.

Wilsters lebte von und mit der Wilster-Au
Die Stadt Wilster hatte zu dieser Zeit etwa 400 Einwohner und war von der Außenwelt abgeschnitten. Nicht nur, dass eine morastige, damals kaum zugängliche Marschenlandschaft Wilster umgab, auch verschiedene Wasserläufe, die das junge Stadtgebiet geschlossen umgaben, erschwerten den Zugang nach Wilster. Während die Stadt selbst durch die Wilsterau in zwei Bereiche geteilt war, in die so genannte „Alte und Neue Seite", waren diese beiden Stadtteile zusätzlich von zwei Burggräben umgeben. Der ältere, der vermutlich einem schon vorhanden Wasserlauf folgte, umschloss im Nordwesten die „Alte Seite“, der neue Burggraben oder Bäckerstraße hingegen grenzte die nach Südosten liegende, weitaus größere „Neue Seite" zusammen mit der Auschleife ab. Anders als in den meisten anderen Städten des Mittelalters konnte daher in Wilster auf eine Befestigungsmauer verzichtet werden. Die Gewässer boten jedoch doch nicht allein Schutz und Begrenzung, sondern zugleich auch Zugangsmöglichkeiten, wobei die schiffbare Wilsterau für das mehr zu Wasser als zu Lande Handel treibende Wilster als Verkehrsweg eine wesentliche Rolle spielte. Der Wasserweg war bis ins späte 19. Jahrhundert die wichtigste Verkehrsanbindung für die Stadt Wilster, denn die Landwege waren nicht sehr zahlreich und außerdem nur in trockenen Jahreszeiten (die bei uns, wie wir wissen, manchmal gar nicht so trocken sind) zu benutzen. Zu anderen Zeiten musste man selbst vor leichte Wagen schon vier Pferde spannen, um den weichen Untergrund befahren zu können. Auch die häufig überschwemmten und sumpfigen Ländereien um die Bekau stellten mehrere Jahrhunderte lang ein Hindernis dar, um auf dem Landwege zum Beispiel von Wilster nach Itzehoe zu gelangen.

Wilsters Schiffe und Blütezeiten
Zur Zeit der Stadtgründung hatte Wilster die meisten Schiffe im Amt Steinburg. Die Anzahl an Schiffen war immer unterschiedlich. 1597 gab es 26 Schiffe. In Itzehoe waren es 22 und in Krempe 19 Schiffe. 1712 waren es nur drei Schiffe und 8 Kähne. 1803 besaßen Wilsteraner 40 größere und kleinere Schiffe. Über die Wilsterau konnte sogar Burg und der Kudensee erreicht werden. Dort am Oberlauf der Wilsterau nahe Burg hat es vor 1900 sogar eine Werft gegeben. Die Blütezeit der Stadt im späten 18. Jahrhundert lässt sich an der Entstehung der noch erhaltenen großbürgerlichen Häuser ablesen (z. B. heutiges Rathaus) und am Bau der Kirche, die vom für seine Zeit bedeutendsten Baumeister Ernst Georg Sonnin 1775 bis 1780 errichtet wurde. Aus dem 18. Jahrhundert wird berichtet, dass Wilster zwar noch immer keine Poststation habe, dass es dennoch „ein blühender Handelsort" war, dessen Schiffe sich „selbst auf den Ozean hinaus wagten." Um 1900 war Wilster noch immer Heimatort einer großen Flotte von kleinen Küstenseglern. Über 100 Schiffe waren in Wilster beheimatet und es gab eine Werft. Aber für den Schiffsverkehr gab es keine Möglichkeit der Entwicklung: Die alte Sielschleuse in Kasenort war in ihren Abmessungen so begrenzt, dass nur Schiffe mit einer maximalen Breite  von ca. 4,2 m passieren konnten. Somit stand diese Schleuse der weiteren Entwicklung der Schifffahrt - dem Trend zu größeren Schiffen - im Wege.

Überschwemmung in Wilster
Am frühen Morgen des 6. Septembers 1920 ertönte in der Stadt Feueralarm. Es handelte sich aber nicht um Feuersnot, sondern um eine Überschwemmungsgefahr. Die Segelschute „Pirat" war in der Kasenorter Deichschleuse stecken geblieben. Die Fluttore konnten nicht mehr geschlossen werden. Das Störwasser, das bei dem stürmischen Westwind einen hohen Stand erreichte, strömte ungehindert in die Wilsterau und überschwemmte nicht nur die Niederungen, sondern trat auch über die Deiche, sodass für Wilster und die Wilstermarsch eine schwere Gefahr bestand. In Bischof und Kathen standen die Außendeiche und Wege unter Wasser. Die städtischen Gemüseländereien auf dem Brook und das Vogelstangengebiet, sämtliche Wiesen am Audeich auf der Stadtseite und bei der Rumflether Mühle glichen Seen. Das Vieh konnte in Sicherheit gebracht werden. Am Audeich wurden Verstärkungsarbeiten vorgenommen, um ein weiteres Abfließen des Wassers in die Marsch zu verhüten. Vom Burggraben aus floss das Wasser in die Bahnhofstraße, umflutete das Postamt in der Taggstraße und bedeckte auch bald den Colosseumplatz und die Weiden von Schütt und Thumann. Beim Postamt wurden Notbrücken errichtet. In das Dianabad gelangten die Einwohner mittels einer Leiter. Kellerwohnungen, Keller und Pferdeställe mussten geräumt werden. Schweine schwammen in ihren Ställen im Wasser. In der Rathausstraße schwammen die Enten. Zum Glück gelang es nach großer Anstrengung, das Schiff in der Schleuse unter Wasser zu drücken, sodass es in die Au getrieben werden konnte. Das Schiff, das schwer gelitten hatte, saß mit dem Heck zwar noch in der Schleuse, aber die Fluttore konnten geschlossen werden. Eine weitere Tide hätte verhängnisvoll gewirkt. Das Wasser wäre dann vermutlich in die Moorgebiete gelangt und wäre nur schwer wieder abgeflossen. Der 1912 in Holland gebaute Segler „Pirat" konnte geborgen werden.

Wilsters Weg in die Neuzeit
Nach diesem Vorfall entschieden sich die Stadtväter gegen die Empfehlung der preußischen Wasserbaubehörden für den Bau einer neuen sieben Meter breiten Schleuse, die 1925/26 erbaut wurde und noch heute steht. Leider kam jedoch diese Maßnahme zu spät, denn der ehemals traditionsreiche Verkehrsweg Wilsterau wurde aufgrund der allgemeinen Tendenz - zunächst zum Schienen-, dann zum Straßenverkehr - als Transportweg bedeutungslos. Der Anschluss an die Industrialisierung indes kam in der Wilstermarsch relativ spät. Hatte man bereits in Itzehoe einige größere Fabriken (Zucker, Zement, Kaffeeersatz), so begann die industrielle Revolution in Wilster erst kurz vor der Jahrhundertwende mit den Lederfabriken in Rumfleth. Ursache für die verspätete Entwicklung kann möglicherweise gewesen sein, dass die Chaussee von Itzehoe nach Brunsbüttel erst 1854 fertig gestellt worden war. Die Marschbahn nach Brunsbüttel konnte erst 1878 in Betrieb gehen. So blieb der Schwerpunkt der Stadt Wilster bis fast in unser Jahrhundert hinein der Landhandel. Die Wilsterau, die mit mehreren (teils künstlich geschaffenen) Armen die Stadt Wilster durchzog, war bis zu dieser Zeit die wichtigste Verbindung mit der Außenwelt. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die meisten Auarme nach und nach zugeschüttet. Der natürliche Zufluss der Wilsterau war seit dem Bau des Nord-Ostsee-Kanals (1895) unterbrochen worden. Das Wasser war zu wenig in Bewegung, die Au verschlickte immer mehr. Wilster hatte keine Kanalisation (noch bis in die sechziger Jahre wurden in Teilen der Stadt die „Goldeimer" benutzt) und als auch noch eine Typhus-Epidemie die Stadt heimsuchte, wurden die aus heutiger Sicht bedauerlichen Entscheidungen für das Verfüllen der Wilsterau getroffen. 1965 gab die Firma Günter und Co ihr Futtermittelwerk in der Rumflether Straße auf und verlagerte es nach Schleswig. Es gingen zum einen viele Arbeitsplätze verloren und zum anderen hatte sich damit der Lastschiffverkehr erledigt. Schon seit mehr als 40 Jahren ist in Wilster kein Schiff mehr be- oder entladen worden. Nur im Winter sah man noch eine Zeit lang die Binnenschiffe der Wilsteraner Schiffer, die in Wilster oder in Kasenort in den Wintermonaten auflagen. Aber auch damit ist es schon seit einigen Jahren vorbei. In den 90er Jahren ist versucht worden, die Wilsterau mit Freizeitverkehr zu beleben. In Kasenort wurde die alte Schleuse unter hohem finanziellen Aufwand mit EU-Mitteln so saniert, dass es wieder möglich ist, Sportboote bei jedem Wasserstand in die oder aus der Stör zu schleusen. Leider war der Aufwand vergebens, weil kaum Schleusungen erfolgen. Für das kleine Fahrgastschiff "Aukieker" wurden mehrere kostspielige Anlegestellen mit Hilfe von EU-Mitteln gebaut. Gern benutzen auch Kinder im Sommer diese Anlegeeinrichtungen. Sie springen von dort in die Au, um zu baden.

Robert Friedrichs / Helmut Jacobs